ArchivDeutsches Ärzteblatt21/2006Ärzteproteste: Kassen gesund – Praxen tot
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
Foto: Georg J. Lopata
Foto: Georg J. Lopata
Rund 90 000 der 120 000 Arztpraxen in Deutschland blieben am 19. Mai aus Protest gegen die Gesundheitspolitik der Bundesregierung geschlossen. Bei drei Großdemonstrationen in Berlin, Köln und Stuttgart gingen rund 40 000 Mediziner für ihr Anliegen auf die Straße. Mit ihrem dritten nationalen Protesttag fordern die Ärzte eine bessere Bezahlung, die Einbeziehung der Ärzteschaft in die Gespräche über die Gesundheitsreform sowie einen Abbau von Bürokratie im Gesundheitswesen.
„Wenn wir ein weiteres Kostendämpfungsgesetz bekommen, wird es eine harte Auseinandersetzung geben. Die schon jetzt sehr aufgebrachten Kollegen werden sich dann nicht mehr beruhigen lassen“, sagte der Präsident der Bundes­ärzte­kammer (BÄK), Prof. Dr. med. Jörg-Dietrich Hoppe, anlässlich des Protesttages. Wie groß die Wut der Ärzte schon jetzt ist, ließ sich auf zahlreichen Transparenten und Spruchbändern ablesen. „Krankenkasse gesund – Praxis tot“ hat ein Demonstrant des Berliner Protestzuges auf ein Plakat geschrieben. „Was die deutsche Uni schafft, wird im Ausland Arbeitskraft“, reimte ein anderer. „Es kann nicht sein, dass junge Medizinstudierende schon im dritten Semester beginnen, Norwegisch zu lernen“, sagte der Vizepräsident der Bundes­ärzte­kammer, Dr. med. Andreas Crusius, mit Blick auf die Abwanderung vieler Mediziner. Dies sei das Ergebnis einer jahrelang verfehlten Gesundheitspolitik. Crusius drohte in Berlin mit weiteren Protestaktionen.
Foto: Eberhard Hahne
Foto: Eberhard Hahne
Anzeige
Foto: dpa
Foto: dpa
So könnten Praxen wochenweise geschlossen bleiben. Die Gesundheitsversorgung in Deutschland sei in Gefahr, fügte er hinzu. Die Ärzte seien nicht mehr bereit, „die Unterfinanzierung des Gesundheitswesens durch unbezahlte Mehrarbeit zu kompensieren“.
„Nach den monatelangen Protesten weiß die Bevölkerung nun über die schlechten Arbeitsbedingungen der Ärzte Bescheid“, sagte der Vorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, Dr. med. Andreas Köhler. Jedes Gesetz und jede Verordnung habe den Spielraum der Ärzte immer weiter eingeengt. Mit dem Arzneimittelsparpaket werde das Vertrauensverhältnis zwischen Arzt und Patient vollends zerstört, so Köhler.
„Wir werden alles dafür tun, dass das Bonus-Malus-Elend niemals umgesetzt wird“, sagte die Vorsitzende des Hartmannbund-Landesverbandes Nordrhein, Angelika Haus, in Köln. Gesundheit sei das Resultat ärztlichen und nicht bürokratischen Handelns. Der Präsident des Verbandes „Freie Ärzteschaft“, Martin Grauduszus, kündigte Praxisschließungen auch für die Zeit der Fußball-Weltmeisterschaft an. Er kritisierte die Arbeitsbedingungen der niedergelassenen Ärzte als „unerträglich“.
Unterstützung finden die Ärzte auch bei anderen Berufsgruppen. „Ergotherapeutische Praxen sind massivst in ihrer Existenz bedroht. Wir haben 30 bis 50 Prozent Verordnungsrückgänge. Dadurch gehen Arbeitsplätze verloren, die Pflegekosten steigen“, sagte beispielsweise Dagmar Trampusch vom Interdiszipl
Foto: Georg J. Lopata
Foto: Georg J. Lopata
inären Therapeuten-Netzwerk Köln-Süd. Und auch bei den Patienten finden die Mediziner Verständnis für die Schließung ihrer Praxen. „Das Problem der Ärzte ist auch mein Problem. Ich bin bisher gut behandelt worden und wünsche mir, dass dies auch weiterhin geschieht“, sagte Kassenpatient Peter Patten in Köln.
Befragt, warum er und sein Team die Praxis geschlossen hielte, um in Köln zu protestieren, sagte der hausärztlich tätige Internist Dr. med. Karl Wilhelm Brüning aus Gummersbach: „Als ich 1982 anfing, habe ich es mir nicht träumen lassen, 24 Jahre später auf die Straße gehen zu müssen, um für die Basisversorgung im Ort zu demonstrieren.“ Die Neurologin und Psychiaterin Dr. med. Imke Hanoldt aus Stolberg berichtete dem Deutschen Ärzteblatt, dass ihrer Praxis zunehmend die Existenzgrundlage geschwunden sei. Sie hätte einen 30-prozentigen Rückgang ihrer Einkünfte zu beklagen.
Hoppe bezeichnete die Proteste der niedergelassenen Ärzte als „klares Si-
gnal an die Politik“. Gegen die Ärzteschaft könne man keine zukunfts-
weisende Politik machen, erklärte der Präsident der Bundes­ärzte­kammer in Berlin. Gisela Klinkhammer/Samir Rabbata

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema