ArchivDeutsches Ärzteblatt8/1996Grundsatzpapier der Fachtagung Medizin: Ärztlicher Nachwuchs – quo vadis?

POLITIK: Aktuell

Grundsatzpapier der Fachtagung Medizin: Ärztlicher Nachwuchs – quo vadis?

Beske, Fritz

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LNSLNS Die Fachtagung Medizin, die Vertretung der Studierenden der Humanmedizin in Deutschland, hat auf ihrem 15. Gesundheitspolitischen Kongreß im Juni 1995 ein gesundheitspolitisches Grundsatzpapier verabschiedet. Mittlerweile hat sie auf dieser Grundlage einen "Initiativkreis Solidarische Kran­ken­ver­siche­rung" ins Leben gerufen, dem unter anderem die Bundestagsfraktionen von SPD und Bündnis 90/Die Grünen sowie zahlreiche Selbsthilfegruppen angehören. Der Initiativkreis wendet sich vor allem gegen Zusatzversicherungen, Selbstbeteiligungen, Leistungsausgrenzungen und Beitragsrückerstattungen. Im folgenden werden wesentliche Punkte des Grundsatzpapiers der Studierenden vorgestellt.


Auf dem Abschlußplenum des 15. Gesundheitspolitischen Kongresses der Fachtagung Medizin vom 8. bis 11. Juni 1995 in Düsseldorf wurde einstimmig ein Positionspapier "Gesundheitspolitische Reformvorstellungen der Medizinstudierenden in der Bundesrepublik Deutschland" verabschiedet. Dieses Positionspapier hat das Plenum der Fachtagung Medizin am 25. Juni 1995 in Frankfurt nochmals bestätigt. Es erhebt für einige Bereiche der Gesundheitspolitik Forderungen, die von anderen geteilt werden, beispielsweise zur Prävention mit einer Stärkung der Eigenverantwortung, zum Primärarztsystem und zur Studienreform.


Strukturveränderung ist notwendig
Die meisten Forderungen stellen jedoch wesentliche Elemente der Struktur unseres Gesundheitswesens in Frage. Ihre Verwirklichung hätte ein völlig verändertes Gesundheitswesen zur Folge. Hierzu einige Beispiele:
1 Die Solidargemeinschaft darf nicht ausgehöhlt werden. Zusatzversicherungen, Selbstbeteiligungen, Zuzahlungen, Leistungsausgrenzungen oder eine Fixierung des Arbeitgeberanteils werden entschieden abgelehnt.
1 Die private Kran­ken­ver­siche­rung muß abgeschafft werden. Die Möglichkeit ökonomisch leistungsfähiger Personenkreise, sich der Solidargemeinschaft der Krankenversicherten zu entziehen, schwächt diese erheblich.
1 Wahl- und Regelleistungen dürfen nicht eingeführt werden. Die Einführung privatfinanzierter Wahlleistungen führt nicht zu einer Verbesserung des Gesundheitsstatus, sondern zur unnützen Finanzierung eines ineffizienten Medizinbetriebes. Sogenannte alternative und ganzheitliche Behandlungsmethoden dürfen keinesfalls Wettbewerbsparameter in der Kran­ken­ver­siche­rung sein, sondern sollten als Versorgungsstandard etabliert werden.
1 Gesundheitspolitik muß sich an verhältnispräventiven Zielen orientieren. Sozioökonomische und verhältnisbezogene Aspekte sind entscheidende Faktoren in der Genese von Krankheiten. Ziel einer langfristig angelegten Gesundheitspolitik muß es daher sein, gesunde und emanzipatorische Lebensverhältnisse zu schaffen.
1 Die Bedarfsplanung zementiert Fehlentwicklungen. Bedarfsplanung und -zulassung sind sowohl aus verfassungsrechtlichen als auch aus versorgungspolitischen Gründen abzulehnen. Die Ausübung der ambulanten ärztlichen Tätigkeit sollte nicht an die Niederlassung in eigener Praxis gebunden sein. Außerdem müßte die rechtliche Beschränkung der Zahl angestellter Ärzte vor allem bei innovativen Praxisformen (GmbH, Genossenschaften), Gesundheitszentren und Polikliniken entfallen.
1 Der Sicherstellungsauftrag darf nicht den Kassenärztlichen Vereinigungen vorbehalten bleiben. Diese haben den Sicherstellungsauftrag in der Vergangenheit mehrfach zur Sicherung eigener Pfründe und Privilegien mißbraucht. Gefordert wird statt dessen, den Sicherstellungsauftrag unter Beachtung der verfassungsrechtlich garantierten freien Berufswahl und -ausübung auf ein öffentlich-rechtliches regionales Planungsgremium zu übertragen, an dem Vertreter aller gesellschaftlich relevanten Gruppen und Patientenvereinigungen demokratisch beteiligt sind.
1 Neue Praxisformen wie GmbH, Genossenschaften, Gesundheitszentren und Polikliniken müssen verstärkt gesetzlich gefördert werden.
1 Die spezialärztliche Versorgung sollte innerhalb kooperativer Strukturen sichergestellt werden und durch angestellte Ärzte unter tarifrechtlich abgesicherten Arbeitsbedingungen erfolgen. Leitbild darf nicht länger der niedergelassene Facharzt sein.
1 Das Belegarztsystem muß abgeschafft werden. Statt dessen wird der Ausbau von Gesundheitszentren und poliklinikartigen Strukturen sowie die verstärkte vor- und nachstationäre Betreuung der Patienten durch angestellte Ärzte gefordert.
1 Die Zahl der Medizinstudierenden ist nicht zu hoch. Unter versorgungspolitischen Gesichtspunkten läßt sich vielmehr ein Mangel an Medizinstudierenden erkennen. Daher ist die praktizierte Limitierung der Zahl der Studierenden auch aus bildungspolitischer Sicht extrem kritisch zu bewerten.


Mangel an Kontakten
Fazit: Nicht jeder Medizinstudierende dürfte diese Thesen unterschreiben, wenn auch das Positionspapier in den einzelnen Fachschaften intensiv beraten worden ist. Wer sich jedoch Gedanken um die Weiterentwicklung unseres Gesundheitswesens ohne Systemänderung macht, sollte dieses Positionspapier ernst nehmen. Hierzu gehört auch die Frage, ob es an Kontakten aller Verbände im Gesundheitswesen zu den Medizinstudierenden mangelt und ob hier nicht Nachholbedarf besteht. Fritz Beske

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