ArchivDeutsches Ärzteblatt22/2006Off-label Use: Beispiel zur Kostendämpfung

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Off-label Use: Beispiel zur Kostendämpfung

Dtsch Arztebl 2006; 103(22): A-1553 / B-1327 / C-1279

Wenderlein, . M.

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LNSLNS Das Symposium über „Off-label Use“ an der Bonner Universität hat eine sehr aktuelle Thematik aufgenommen, die zukünftig immer mehr klinische Disziplinen beschäftigen wird – auch unter Kostenaspekten. Sicher ungewöhnlich ist der Kosteneinspareffekt durch „Off-label Use“ am Beispiel Prostaglandine in der Geburtsmedizin. Für Geburtseinleitungen werden sehr teure Minprostin-E2-Präparate (Gel und Tabletten) eingesetzt, obwohl es dafür die wesentlich billigere Alternative Misoprostol-Tabletten gibt. Dieses Prostaglandin wurde in der Roten Liste bis 2005 als Gastritis-/Ulkus-Mittel unter Magen-Darm-Mittel geführt. Der Einsatz dieses Prostaglandins ist in der Geburtsmedizin nicht risikoreicher als Minprostin E2 (von der gleichen Pharmafirma vertrieben). Dieses sehr preisgünstige Prostaglandin wird bundesweit (und in anderen EU-Ländern) eingesetzt zum medizinischen Schwangerschaftsabbruch zwei Tage nach Einnahme von Antigestagen (Mifepriston). Diese Anwendung erklärt die Nichtzulassung als Gynäkologikum; die vertreibende Firma aus den USA wollte nicht diese Assoziation mit ihrem Unternehmen – mit Nachteilen für andere Präparate. So wird verständlich, dass sie am 1. Januar 2006 dieses preisgünstige Prostaglandin vom Markt nahm . . . Sollen damit geburtshilfliche Abteilungen, die dieses billige Prostaglandin in „Off-label Use“ für Geburtseinleitungen einsetzen – erfolgreich oral und lokal bei guter Verträglichkeit – gezwungen werden, die wesentlich teureren Prostaglandin-Präparate der gleichen Firma zu nutzen? In der Ulmer Frauenklinik mit 2 200 Geburten jährlich entstehen pro Jahr 23 500 Euro Minprostin-E2-Kosten . . . Dagegen kosten 100 Tabletten Misoprostol nur 46 Euro – sicher sehr oft alternativ einsetzbar statt Minprostin E2. Werden diese Kosten hochgerechnet auf ca. 700 000 Geburten im Jahr in der Bundesrepublik, so ergeben sich ca. sieben Millionen Euro Einsparungspotenzial (sollten es auch nur fünf Millionen Euro sein, dann ist das auch noch eine aktuelle Diskussion wert). Für das sehr preisgünstige „Magentherapeutikum“ Misoprostol gibt es weiterhin die Möglichkeit, es aus den EU-Nachbarländern zu beziehen. Muss diese Hürde sein? Hier stellen offensichtlich nicht Arzneimittelsicherheitsgründe, sondern wirtschaftliche Firmenüberlegungen die „Off-label Use“-Ursache dar. Erweiterte Zulassungen werden Pharmafirmen wegen teurer klinischer Studien seltener beantragen, wenn sich dies nicht rechnet. Selbst Nachzulassungen werden nur noch „halbherzig“ auf den Weg gebracht, wenn das nicht im Firmeninteresse ist . . .
Prof. Dr. med. J. M. Wenderlein, Universitäts-Frauenklinik,
Prittwitzstraße 43, 89075 Ulm
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