BRIEFE

Julius Moses: Der Sohn

Dtsch Arztebl 2006; 103(22): A-1554 / B-1328 / C-1280

Grieser, Thomas

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LNSLNS Den Beitrag im DÄ über den jüdischen Arzt und sozialdemokratischen Gesundheitspolitiker Dr. Julius Moses habe ich mit Interesse gelesen. Hierzu möchte ich noch Folgendes anmerken: Julius Moses besaß einen Sohn, der ebenfalls Arzt war: Dr. Rudolf (Rudi) Moser (diese Schreibweise ist richtig; er änderte 1919, wohl als Ausdruck der Assimilation, seinen Namen). Geboren wurde er am 6. April 1898 in Berlin als zweites Kind der Familie (der ältere Bruder Erwin konnte 1933 nach Palästina emigrieren; die jüngere Schwester Vera ist wahrscheinlich den Nazis zum Opfer gefallen). Moser schrieb sich zwar bereits 1917 in die Matrikel der Berliner Friedrich-Wilhelms-Universität ein, begann aber erst nach seinem Kriegsdienst im Februar 1919 mit dem Medizinstudium (zunächst Zahnheilkunde), das er 1923 mit dem Staatsexamen abschloss. Danach war er Medizinalpraktikant der Berliner I. Medizinischen Klinik unter Prof. Zondek, bei dem er auch 1924 promoviert wurde (Zondek wurde im Übrigen, da Jude, 1933 fristlos entlassen). Von 1924 bis 1927 war Moser Ambulatoriumsarzt in Berlin, wo er sich bereits erste Kenntnisse und Erfahrungen in der Röntgendiagnostik erwarb. Er wechselte anschließend nach Erfurt, kurze Zeit später dann aber endgültig nach Apolda in Thüringen. Hier war er bis 1933 Vertrauensarzt der AOK und besaß daneben eine eigene Röntgenapparatur. Am 30. Juni 1933 wurde ihm gekündigt; Moser betrieb fortan eine Privatpraxis. Die kassenärztliche Zulassung wurde ihm verwehrt. Die bekannten Sanktionen gegen jüdische Ärzte und die Einschüchterungen seiner Patienten führten zu einem beträchtlichen Rückgang seiner Praxis. Moser konnte sich aber noch bis September 1938 dank seines Zuspruchs unter der Apoldaer Bevölkerung in Deutschland halten – der Approbationsentzug am 30. September 1938 setzte jedoch auch seiner beruflichen Existenz ein Ende. Moser emigrierte sehr rasch mit seiner Familie auf die Philippinen, wo er als Dozent an der Zentraluniversität in Manila angestellt wurde. Hier machte er sich v. a. als Ausbilder in der Radiologie einen Namen und wurde nach dem Krieg sogar zum Professor ernannt. In den Nachkriegsjahren schickte die Familie Moser zahlreiche Care-Pakete in das hungernde Apolda. Auf den Philippinen konvertierte seine (evangelische) Familie zum Katholizismus. Moser blieb bis 1952 in Manila, kehrte dann aber des tropischen Klimas wegen den Philippinen den Rücken und siedelte nach Australien über . . . Dr. Rudi Moser starb am 15. April 1979 in Brisbane. Er hatte deutschen Boden nie wieder betreten.
Dr. med. Thomas Grieser, Kolpingstraße 1 b, 86356 Neusäß
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