ArchivDeutsches Ärzteblatt22/2006Volkskrankheit Depression? Bestandsaufnahme und Perspektiven

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Volkskrankheit Depression? Bestandsaufnahme und Perspektiven

Stoppe, Gabriela; Bramesfeld, Anke; Schwartz, Friedrich-Wilhelm

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LNSLNS Depression: Mehr Einkommen, niedrigeres Risiko
Gabriela Stoppe, Anke Bramesfeld, Friedrich-Wilhelm Schwartz (Hrsg.): Volkskrankheit Depression? Bestandsaufnahme und Perspektiven. Springer Medizin Verlag, Heidelberg, 2006, 475 Seiten, gebunden, 39,95 Euro
Das Fragezeichen im Titel des Buches kann mit einem Ja beantwortet werden: Bei einer Prävalenz von 9,5 Prozent der weiblichen und 3,7 Prozent der männlichen Versicherten (1. Halbjahr 2004) muss von einer Volkskrankheit gesprochen werden. Massiv angestiegen sind zudem die Versorgungsleistungen der Krankenkassen: Die Rate der stationär mit der primären Diagnose Depression Behandelten stieg in den letzten vier Jahren um 40 Prozent; die Arzneimittelverordnungen nahmen innerhalb eines halben Jahres um 43 Prozent zu. Das Buch beleuchtet das Thema Depression nicht nur aus klinischer Sicht, sondern weist auf sozioökonomische und gesellschaftliche Ursachen und Wirkungen hin. Grundlage sind nationale und internationale Studien sowie eine Analyse der GEK-Versichertendaten. Zu Wort kommen 35 renommierte Wissenschaftler.
Gezeigt wird zum Beispiel, dass ein höheres Einkommen mit einem niedrigeren Risiko für depressive Erkrankungen verbunden ist: Versicherte mit einem Einkommen über der Beitragsbemessungsgrenze haben ein um ein Viertel geringeres Risiko für die Diagnose Depression. Dagegen haben Arbeitslose ein etwa doppelt so hohes Risko wie Erwerbstätige. In den neuen Bundesländern liegen die Diagnoseraten für Depression 20 bis
40 Prozent unter dem Bundesdurchschnitt. Dieser Unterschied bleibt auch bestehen, wenn man Arbeitslose und Erwerbstätige gesondert betrachtet. Die Wissenschaftler gehen aufgrund der Studienlage davon aus, dass es sich um ein reales epidemiologisches Phänomen handelt, dass nicht nur mit unterschiedlichen Diagnosegepflogenheiten zu erklären ist. Vielmehr bieten sich soziologische Erklärungsmodelle an, zum Beispiel, dass bei Massenarbeitslosigkeit das Depressionsrisiko sinkt, weil es weniger stigmatisierend ist, arbeitslos zu sein.
Die Herausgeber fordern, die Bedeutung des Faktors Arbeit für die psychische Gesundheit ernster zu nehmen. Bei zunehmendem Leistungsdruck, bei unsicheren Arbeitsplätzen und bei einer gesellschaftlichen Norm, die Leistungsfähigkeit, Erfolg, ständige Aktivität und Selbstverwirklichung durch Arbeit als Ideal propagiert, sei ein „Einknicken“ im Sinne einer psychischen Erkrankung von immer mehr Menschen nicht erstaunlich. Das Phänomen, dass dieser Zwang zu gesellschaftlicher Normerfüllung eher der westdeutschen Sozialisation entspricht, erklärt vielleicht auch die geringere Prävalenz von depressiven Erkrankungen in den östlichen Bundesländern.
Ärzten und Gesundheitswissenschaftlern und -politikern liefert das Buch wichtige Anregungen für Gesund­heits­förder­ung und Prävention. Petra Bühring
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