ArchivDeutsches Ärzteblatt22/2006Griffelkunst-Vereinigung: Eine kleine Sammlung moderner Kunst

VARIA: Feuilleton

Griffelkunst-Vereinigung: Eine kleine Sammlung moderner Kunst

Jaeschke, Helmut

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LNSLNS Viele junge Künstler erhalten die Chance, sich einem größeren Publikum zu präsentieren.

Durch den „zwangsweisen“ Erwerb von mindestens vier Arbeiten zeitgenössischer Künstler pro Jahr zu moderaten Preisen (zurzeit 112 Euro pro Jahr) sollen die Mitglieder der Griffelkunst-Vereinigung die Möglichkeit haben, im Laufe der Jahre sukzessive eine kleine Sammlung moderner Kunst aufzubauen. Das ist die Philosophie der 1925 vom Hamburger Volksschullehrer Johannes Böse gegründeten Vereinigung. Mit Arbeiten, die beim Erwerb möglicherweise als sperrig oder verstörend empfunden werden, kann man sich nach und nach auseinander setzen und möglicherweise anfreunden, was leichter fällt, wenn man sieht, dass die Protagonisten dieser Werke immer häufiger in der Kunstszene präsent sind und der Wert ihrer Arbeiten steigt.
Die Vereinigung hat es geschafft, fast alle wichtigen nationalen und viele internationale Künstler zu bewegen, druckgrafische Arbeiten, Objekte oder Fotografien speziell für die Griffelkunst herzustellen. Die Künstlerliste reicht von Joseph Beuys über Peter Doig, Nan Goldin, Johannes Grützke, Thomas Huber, Horst Janssen, Peter Nagel, Sigmar Polke und Rosemarie Trockel bis zu Thomas Scheibitz und Thomas Schütte, den letztjährigen Stars der Biennale Venedig. Außerdem bietet die Griffelkunst vielen jungen Künstlern die erste Chance, sich einem größeren Publikum zu präsentieren. Sinn und Aufgabe ist die Heranführung breiter Bevölkerungsschichten an die moderne Kunst – die Mitgliederzahl beträgt 4 300 – und nicht die Schaffung von Vermögenswerten. Deshalb verpflichten sich auch die Mitglieder, keinen Handel mit den erworbenen Blättern zu betreiben. Dennoch erscheinen immer wieder Arbeiten im Auktionshandel, zum Beispiel nach dem Tod eines Mitglieds. Kaum verhindern lässt sich zudem, dass spekulativ eingestellte Mitglieder entgegen den Intentionen der Griffelkunst-Vereinigung die erworbenen Arbeiten frühzeitig auf Auktionen anbieten, wo sie häufig locker das Zehnfache des Einstandspreises erzielen.
Die jeweilige Frühjahrs- und Herbstwahl wird in einem kleinen Katalog vorgestellt und kann darüber hinaus in einer von knapp hundert über das ganze Land verteilten lokalen Dependancen – meist in Museen, Kunstvereinen oder Schulen – im Original begutachtet und zur Auslieferung ein halbes Jahr später bestellt werden. Diese halbjährlichen Treffen haben nachgerade familiären Charakter, die zur Wahl stehenden Arbeiten werden heftig diskutiert, denn man hat die Möglichkeit, seine zwei Arbeiten pro Halbjahr aus einem Angebot von sechs verschiedenen Künstlern auszuwählen. Da die Künstler häufig nicht nur eine Arbeit, sondern gleich eine ganze Serie von bis zu sechs Arbeiten pro Quartal anbieten, steht es den Mitgliedern frei, für den Preis von weiteren 28 Euro pro Blatt mehrere Arbeiten des Künstlers zu erwerben.
Einzelblätter von renommierten Künstlern
Zusätzlich zu den preiswerten Arbeiten der Frühjahrs- und Herbstwahl bietet die Griffelkunst zu einem höheren, aber noch immer akzeptablen Preis Einzelblätter von renommierten Künstlern an, so konnten Linolschnitte von Alex Katz und Wolfgang Mattheuer oder Lithographien von Eberhard Havekost zu einem Zehntel ihres sonst üblichen Preisniveaus erworben werden. Die Auflagenhöhe dieser Zusatzblätter ist häufig begrenzt, während die Auflagenhöhe der regulären Frühjahrs- oder Herbstwahl von der Beliebtheit der einzelnen Künstler beziehungsweise ihrer Arbeiten abhängt. Dann kann es schon mal passieren, dass für den Künstler die Arbeit mit der Herstellung der Grafik nicht beendet ist. So stand der Schweizer Künstler Johannes Hüppi kurz vor einer Sehnenscheidenentzündung, weil er für die Frühjahrswahl 2003 insgesamt 4 800 Farbradierungen signieren musste, da viele Mitglieder gleich alle sechs angebotenen Grafiken geordert hatten.
Helmut Jaeschke

Informationen: Griffelkunst-Vereinigung Hamburg e.V., Seilerstraße 42, 20359 Hamburg, Telefon: 0 40/30 09 31-0, Fax: 0 40/ 30 31-20, E-Mail: info@griffel kunst.de, Internet: www.griffelkunst.de. Neue Mitglieder werden nach frei werdenden Plätzen aufgenommen. Die Wartezeit beträgt etwa ein halbes Jahr. Aufnahmegebühr: 17 Euro.
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