ArchivDeutsches Ärzteblatt22/2006Ärzteschach: Diagnosen und Therapien für Bauern und Könige

VARIA: Feuilleton

Ärzteschach: Diagnosen und Therapien für Bauern und Könige

Dtsch Arztebl 2006; 103(22): A-1560 / B-1332 / C-1284

Pfleger, Helmut; Werner, Helmut; Maus, Josef

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155 Ärztinnen und Ärzte aus ganz Deutschland spielten Anfang April die
14. Schachmeisterschaft aus. Austragungsort war zum fünften Mal in Folge das Kurhaus in Bad Neuenahr.

Fangen wir beim Schluss an. Kaum hatte Dr. med. Reinhard Baar aus dem oberfränkischen Presseck in der Partie der neunten Runde Sonntagmittag den letzten Zug getan, so wollte er nur noch weg aus dem Kurhaus in Bad Neuenahr. Nicht dass ihm, der bislang an allen 14 Ärztemeisterschaften teilgenommen hat, nach zwei Tagen voller Schach dieses zu den Ohren rausgekommen wäre, nein, es trieb ihn und seine Frau schlichtweg an einen anderen Ort des „Lustgewinns“ (zum 150. Geburtstag eine kleine Reminiszenz an den Hobbyschachspieler Sigmund Freud), nämlich nach Bayreuth, wo beide bereits um 17 Uhr zu einem Turnier der klassischen Tänze erwartet wurden. „Vom Brett aufs Parkett“ titelte mein Klassenkamerad Dr. med. Norbert Knoblach treffend – der sich andererseits verwundert fragte, ob Schach etwa auch ein Glücksspiel sei, weil das Ärzteturnier nämlich immer in unmittelbarer Nähe einer Spielbank stattfinde; vollends irre wurde er dann, als in deren Eingangshalle ein Schachspiel ausgestellt war. Jetzt spielt Norbert schon Jahrzehnte Schach und weiß immer noch nicht, dass Schach ein Glücksspiel ist. Dabei hätte er nur in der 7. Runde die diversen einzügigen Selbstmatts sich zu Gemüte führen müssen. So ein Selbstmatt ist vielleicht mit einem Eigentor vergleichbar, welches ein Verteidiger beim Fußball, völlig unbedrängt vom Gegner, verschuldet. Am Samstagabend zeigte Großmeister Vlastimil Hort am Demonstrationsbrett einen solch unglaublichen Patzer, der ihm bei einem Turnier in Moskau unterlief. Offenbar gefiel das den Ärzten, drei machten es ihm in der ersten Runde am Sonntagmorgen nach, ganz nach dem Motto: „Was ist der dümmste Zug, damit mich mein Gegner in einem Zug matt setzen kann?!“
Bevor Sie jetzt auf die Idee kommen, dass das Niveau dieser Ärztemeisterschaft auf dem Niveau einer einmaligen Schachblindheit Horts war, also vielleicht sogar mit Dr. med. Siegbert Tarrasch, vor hundert Jahren neben Emanuel Lasker der beste Spieler der Welt, eine „amaurosis chronica totalis“ bei den Schach spielenden Ärzten diagnostizieren, sei Ihnen versichert, dass manche strategische Meisterleistung, manch kombinatorisches Feuerwerk bei diesem Turnier geboten wurde. Beweise werden in den künftigen Schachspalten nachgereicht – beispielswei-se ein beschwingter Reigen von besagtem Dr. Baar am Schachbrett.
Doch zurück zum Turnier: Da werden Zeitnotgefechte, kämpferisch vorbildlich, bis zu den nackten Königen ausgefochten, da fragt Dr. med. Hermann Bosse (Nürnberg) einen Kollegen: „Hast du nicht gerade gegen einen HNO-Arzt gespielt? Die riechen das Matt!“, da meint Dr. med. Kurt Baum (München) selbstironisch nach einer verlorenen Partie (meistens hält er’s andersrum): „Die Summe der gemachten Fehler nennt man Erfahrungen“, da empfindet Dr. med. Peter Weber (Langenfeld) Reue, weil er statt adäquater schachlicher Vorbereitung aufs Turnier so viel Zeit auf Ärzte-Demos und in der Verbandspolitik verbracht habe, aber offenbar gibt es größere Sünden, da betreuen Dr. med. Helmut Jacob (der Schach als 10-Jähriger vom 92 Jahre alten Opa gelernt hat) und seine Frau im münsterländischen Ochtrup Kinderschachgruppen und stellen erfreut fest, dass seit der PISA-Studie mehr Schüler teilnähmen („gescheit durch Schach“ – und obendrein nicht so schnell dumm, denn laut Studien ist Schach alzheimervorbeugend), da fragt mich Dr. med. Herbert Körner (Biberach) angesichts eines vorm Casino ausgestellten Mercedes, ob dies der erste Preis sei, worauf ich ihm leichtsinnig verspreche, dies sei so, wenn er alle neun Partien im Opferstile Tals, seines Vorbilds, gewönne, Gott sei Dank geht dieser Kelch an mir (und das Auto an ihm) vorüber, da fährt Dr. med. Stefan Hehn aus Grünkraut (tja, wo ist das?!) diesmal nicht als Schiffsarzt durch die weite Welt, sondern sitzt im beschaulichen Bad Neuenahr am Schachbrett, da gibt Frau Dr. med. Utta Recknagel (Limburgerhof) sehr fair ihrem Gegner trotz dessen großer Zeitnot remis, nicht zuletzt weil dieser auch Kinderarzt ist, und will natürlich ebenso wiederkommen wie Dr. med. Andrea Huppertz (Köln), die mit zunehmender Dauer immer forscher und erfolgrei-cher die Männer attackiert (am Schachbrett, wohlgemerkt). Dr. med. Helmut Pfleger

Die fünf Besten von 155 Teilnehmern am Schachturnier: Patrick Stiller, Hans-Joachim Hofstetter,Peter Weber, Hannes Knuth (Sieger 2006) und Peter Krauseneck (von links) Fotos: Josef Maus
Die fünf Besten von 155 Teilnehmern am Schachturnier: Patrick Stiller, Hans-Joachim Hofstetter,Peter Weber, Hannes Knuth (Sieger 2006) und Peter Krauseneck (von links) Fotos: Josef Maus
Simultan: „Nun machen Sie doch auch mal einen Fehler!“
Deutsche Ärzte sind privilegiert – wenn sie Schach spielen. Nach dem (hoffentlich nur vorläufigen) Verzicht des WDR auf Schachübertragungen im Fernsehen brauchen sie auf die Internationalen Großmeister und Medienprofis Dr. med. Helmut Pfleger und Vlastimil Hort nicht zu verzichten – sie treten sogar (live) im Wettkampf gegen sie an. Da lässt sich schon mal für ein Wochenende der Frust über unzureichende Budgets und magere Punktwerte ein wenig abbauen. Pfleger spielte Uhrenhandicap gegen zwölf Gegner. Jeder Spieler hatte 90 Minuten Zeit, Pfleger 90 Minuten für zwölf Partien (7,5 Minuten pro Partie). Anders als im Vorjahr geriet Pfleger diesmal nicht in Zeitnot. Er spielte schnell und äußerst konzentriert. Der Großmeister siegte elfmal und musste sich nur gegen den sehr starken Spieler Dr. med. Thorsten Heedt (bereits einmal Ärztevizemeister) aus der Porzer Schachschmiede nach 40 Zügen geschlagen geben (siehe Diagramm). Heedt hatte vor zwei Jahren Vlastimil Hort bezwungen und holte sich nun seinen zweiten „Großmeisterskalp“.
Vlastimil Hort trat gegen 35 hoch motivierte Ärzte an, die ihm viel abverlangten. Er verzichtete diesmal weitgehend auf zusätzliche Kommentierungen seiner oder des Gegners Züge. Vielleicht hatte ihn eine Niederlage im letzten Jahr doch vorgewarnt, die „Sache“ noch konzentrierter anzugehen. Dabei sparte er nicht mit Lob für besonders hartnäckigen Widerstand, war aber nicht bereit, auf Wünsche seiner Gegner („Nun machen Sie doch auch mal einen Fehler!“) einzugehen. Selbst als nach Mitternacht (nach mehr als vier Stunden Wettkampf und etlichen Kilometern Fußmarsch) sich um die wenig verbliebenen Mitstreiter Beratungsgrüppchen bildeten, sodass Hort es zeitweilig an einem Brett mit vier Kontrahenten zu tun hatte, konnte ihn dies nicht aus der Ruhe bringen. Am Ende konnte Hort 30 Siege verbuchen. Er remisierte fünfmal.
Diese beiden Herren spielen in einer anderen Liga: Die Großmeister Helmut Pfleger Vlastimil Hort boten bei ihren Simultanbegegnungen großartiges Schach – zum Leidwesen
Diese beiden Herren spielen in einer anderen Liga: Die Großmeister Helmut Pfleger Vlastimil Hort boten bei ihren Simultanbegegnungen großartiges Schach – zum Leidwesen
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Bemerkenswert eine Episode am Rande. Als ihn ein Spieler am nächsten Morgen auf seine Partie ansprach und sich nicht erklären konnte, in welchem Zug er (der Spieler) die Partie verloren hatte, baute Hort ihm aus dem Gedächtnis die Stellung nach und erläuterte ihm seinen Fehler.
Nach dem erfolgreichen Auftakt im letzten Jahr fand die „Schachsprechstunde“ auch diesmal großen Anklang – und dies nicht etwa, weil auf die 10-Euro-Praxisgebühr verzichtet wurde. Die Talkrunde am Samstagabend mit Pfleger, Hort und Manfred Mädler (früherer Deutscher Fernschachmeister) unter der Leitung von Horst Metzing (Geschäftsführer des Deutschen Schachbundes) vermittelte Insiderwissen aus der Schachszene (mit Schwerpunkt Weltmeisterschaftspartien zwischen Karpow und Kasparow 1984). An einem Demonstrationsbrett stellten Pfleger und Hort Aufgaben mit überraschenden Lösungen (Schwerpunkt Tarrasch), und Mädler brillierte mit Anekdoten aus der Szene („Ein Vereinsspieler ruft nach dem Turnier seine Frau an: „Schatz, ich habe den Schönheitspreis gewonnen.“ Eine zufällige Ohrenzeugin: „Oh Gott, wie sahen denn die anderen aus?!“). Helmut Werner

Schlussstellung der Partie Pfleger –Heedt (40. . . . Tf2+)
Schlussstellung der Partie Pfleger –Heedt (40. . . . Tf2+)
Die besten zehn
Als Manfred Hermes, Direktor der Deutschen Apotheker- und Ärztebank, dem Hauptsponsor der Ärztemeisterschaft, am Ende den fünf Bestplatzierten die stattlichen Siegerprämien aushändigte, lagen exakt neun anstrengende Stunden Turnierschach hinter den Ärztinnen und Ärzten. 155 Teilnehmer waren an den Start gegangen, einer unter ihnen, Dr. med Hannes Knuth aus Ludwigslust, war zum ersten Mal dabei – und schaffte es auf Anhieb ganz an die Spitze. Knuth siegte bei der diesjährigen Ärztemeisterschaft mit 8 von 9 möglichen Punkten. Auf die Plätze zwei bis fünf kamen Prof. Dr. med. Peter Krauseneck (Bamberg), Dr. med. Peter Weber (Langenfeld), Dr. med. Patrick Stiller (Ulm) mit jeweils 7,5 Punkten und Dr. med. Hans-Joachim Hofstetter (Bad Kissingen) mit 7 Punkten.
Sachpreise gab es für die weiteren Platzierten. 6. Platz: Dr. med. Stefan Müschenich (Münster), 7. Platz: Dr. med. Robert Jaster (Rostock), 8. Platz: Dr. med. Giampiero Adocchio (Wendelsheim), 9. Platz: Dr. med. Matthias Evert (Magdeburg) und 10. Platz: Dr. med. Jan Kröger (Sauensieck). Alle weiteren Platzierungen und Fotos von der Schachmeisterschaft im Internet unter www.aerzte blatt.de/schach. JM

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