ArchivDeutsches Ärzteblatt22/2006Komplementärmedizin: Mistelextrakte sind ein fester Bestandteil

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Komplementärmedizin: Mistelextrakte sind ein fester Bestandteil

Dtsch Arztebl 2006; 103(22): A-1564

Junker, Annette

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LNSLNS Dem Motto des Krebskongresses „Jetzt handeln – gemeinsam“ folgend, berücksichtigte das Programm des diesjährigen Krebskongresses auch die Themen Komplementärmedizin und Patientenkompetenz. Prof. Dr. med. Gerd Nagel (Männedorf, Schweiz) unterstrich die Notwendigkeit, sich auch mit diesen Themen auseinander zu setzen, weil sie von Patienten und Angehörigen eingefordert würden. Die wissenschaftlich begründete Krebsmedizin gliedere sich, so Nagel, in vier Therapieformen: die eigentliche Tumortherapie, Supportivtherapie, Palliativtherapie und Komplementärmedizin (KM).
Traditionell wird die KM häufig der „Alternativmedizin“ oder Paramedizin zugerechnet, sollte sich aber objektiv zunächst aus der zur Medizin komplementären Wirklichkeit des Patienten definieren. Ethisch begründet sich die KM auch aus dem Recht des Patienten, gemäß seiner persönlichen Denkweise und Therapieerwartungen selbst etwas für sich zu tun und einen subjektiven Nutzen zu erzielen. Die ärztliche Akzeptanz der Therapeutika in der Krebsmedizin hängt weitgehend davon ab, wie gut die Wirksamkeit derselben belegt ist.
Dabei beurteilt die evidenzbasierte Medizin (EbM) die Wahrscheinlichkeit ausschließlich auf Basis der objektiven wissenschaftlichen Datenlage (klinische Studien). Bei der evidenzbasierten Komplementärmedizin (EbK) hingegen finden auch die ärztliche Erfahrung und die Selbsterfahrung des Patienten Berücksichtigung, und die Indikation der therapeutischen Mittel richtet sich stark nach subjektiven Patientenkriterien aus.
Mistelextrakte sind die in der onkologischen KM am häufigsten angewendeten Arzneimittel. Sie enthalten viele verschiedene biologisch aktive Substanzen und weisen komplexe, systemübergreifende Wirkungen auf. So wird das Immunsystem stimuliert, Mistellektine und Viscotoxine wirken darüber hinaus zytotoxisch und fördern die Apoptose. Mistelextrakte werden zwei- bis dreimal wöchentlich subkutan injiziert, meist in die Bauchhaut oder die Haut am Oberschenkel.
Die Misteltherapie kann in allen Therapiephasen eingesetzt werden: In der Akutphase kann sie in Kombination mit anderen Krebstherapeutika zur Verminderung der Nebenwirkungen führen, in der Rehabilitationsphase zur Verbesserung des Genesungsprozesses und in der chronischen Phase zur Tertiärprophylaxe und Befindlichkeitsverbesserung des cancer survivors.
Studien belegen klinische Evidenz
Es liegen mehr als 90 klinische Studien zur Anwendung von Mistelextrakten bei verschiedenen Tumorentitäten vor. Am besten belegt ist der Vorteil der Misteltherapie als Kombinationsoption in der Akutphase, in der eine Reduktion der Nebenwirkungen konventioneller Therapien (Operation, Chemo- und Strahlentherapie) eine Verbesserung der Lebensqualität gezeigt werden konnte. Teilweise wurde auch das Auftreten von Metastasen verzögert und die Überlebenszeit verlängert (1, 2).
Obwohl die Misteltherapie bisher eine Reihe an positiven Wirkungen hat zeigen können, bestand Einigkeit darüber, dass neu definierte Studiendesigns im Rahmen einer EbK etabliert werden müssten, in denen auch der Nutzen für den Patienten berücksichtigt werden müsse. Mit deren Hilfe könnten dann allgemein akzeptierte Ergebnisse erzielt werden.
Alle anthroposophischen Mistelpräparate sind in jedem Krankheitsstadium zulasten der gesetzlichen Krankenkassen erstattungsfähig. Dies wurde am 1. März 2005 auch vom Sozialgericht Düsseldorf entschieden. Eine an Krebs erkrankte Patientin hatte ihre Krankenkasse verklagt, da sie die Kosten für ihre Misteltherapie nicht erstatten wollte. Ihre Ablehnung begründete die Krankenkasse damit, dass Mistelpräparate nur in der palliativen Tumortherapie erstattungsfähig seien. Eine solche Einschränkung auf die palliative Therapie, so das Sozialgericht, gelte aber nur für phytotherapeutische und nicht für anthroposophische Mistelpräparate.
In Deutschland sind sieben verschiedene Mistelpräparate aus Extrakten der weißbeerigen Mistel Viscum (album L.) im Handel. Abnoba® viscum, Helixor®, Iscador® und Iscucin® sind anthroposophische Präparate, Cefalektin®, Eurixor® und Lektinol® gehören zu den Phytotherapeutika.

Literatur
1. Bock et al.: Arzneim-Forsch/Drug Res 2004; 54: (8) 456–66.
2. Kienle GS et al.: Eur J Med Res 2003; 8: 109–19.

Annette Junker
Apothekerin für klinische und
onkologische Pharmazie

Pressekonferenz „Iscador® in der Evidenz basierten Medizin“anlässlich des Krebskongresses in Berlin, Veranstalter: Weleda
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