ArchivDeutsches Ärzteblatt22/2006Der Aufstand der „Jungärzte“ Bayerns vor 60 Jahren: Essen aus der Armenküche

STATUS

Der Aufstand der „Jungärzte“ Bayerns vor 60 Jahren: Essen aus der Armenküche

Dtsch Arztebl 2006; 103(22): A-1568 / B-1340 / C-1292

Grassl, Erich

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
Gemeinsam zum Gipfel – im Mai 1948 wurde in der Nähe von Bayrischzell der Marburger Bund gegründet. Foto: Kurt Gelsner, Der Marburger Bund
Gemeinsam zum Gipfel – im Mai 1948 wurde in der Nähe von Bayrischzell der Marburger Bund gegründet. Foto: Kurt Gelsner, Der Marburger Bund
So entstand 1946 die „Arbeitsgemeinschaft der Jungärzte Bayerns“, die später im Marburger Bund aufging: Die meisten aus dem Krieg, Lazarett oder Kriegsgefangenschaft heimkehrenden Ärzte fanden in den Krankenhäusern eine Beschäftigung als „unbezahlte Volontärärzte“ und waren froh darum.
Sie waren meist voll beschäftigt als Stationsärzte, im Notdienst und Nachtdienst. Einzige Entlohnung: die Teilnahme am Mittagessen im Ärzte-Kasino. Anfang 1946 verfügten das Städtische Gesundheitsamt und die Krankenhausverwaltung München, dass die unbezahlten Volontärärzte nicht mehr am Mittagessen teilnehmen dürften.
Das schlug dem Fass den Boden aus! Eine Rücksprache mit den „unbezahlten Volontärärzten“ in allen Münchner Krankenhäusern ergab die gemeinsame Absicht, sich von dem damals in München für Arme und Obdachlose eingerichteten Essen der Armenküche bringen zu lassen. Und so kam – meist in großen Kübeln – die Mittagskost in die Krankenhäuser. Die „Jungärzte“ baten die Chefärzte um Unterbrechung der Visiten, um das warme Essen holen und einnehmen zu können. Das ging einige Tage so – bis über den Einspruch der Chefärzte das Städische Gesundheitsamt die Verfügung zurückzog und die „Jungärzte“ wieder am Kasino-Essen teilnehmen durften.
Kontakte zu den Jungärzten in den Besatzungszonen
Das stärkte unser Selbstvertrauen, und wir sahen, dass mit gemeinsamen Anstrengungen doch etwas erreicht werden konnte. So riefen wir schon bald zu mehreren Versammlungen in Krankenhäusern auf, zu denen bis zu 400 „Jungärzte“ kamen, und forderten Verbesserung des Bettenschlüssels, um mehr jungen Ärzten eine bezahlte Anstellung zu ermöglichen. Bald gründeten sich auch in anderen Städten „Arbeitsgemeinschaften der Jungärzte“, und ich wurde auf einer gemeinsamen Veranstaltung zum ersten Landesvorsitzenden der „Arbeitsgemeinschaft der Jungärzte Bayerns“ gewählt.
Bei der Bayrischen Lan­des­ärz­te­kam­mer erhielten wir einen angestellten Beauftragten der „Jungärzte“. Ich selbst wurde in den Vorstand der Lan­des­ärz­te­kam­mer berufen. Verständnis und Unterstützung fanden wir im Bayrischen Staatsministerium des Innern. So konnte bereits 1946 in Bayern manches erreicht werden: Versicherungsschutz für unbezahlte Vo-
lontärärzte, Auflockerung der Zulassungsbestimmungen, Verbesserung der Niederlassungsordnung, vernünftige Relation von Arzt und Krankenhausbetten und eine in der aktuellen Situation unumgängliche Drosselung des Medizinstudiums.
Das Ansehen der „Jungärzte Bayerns“ und die Zahl ihrer Sympathisanten stiegen noch mal kräftig an, als es ihrem Vorstand gelang, beim Bayrischen Staatsministerium des Innern einen Durchbruch zu erzielen. Von der Gesundheitsabteilung wurden Richtlinien herausgegeben, die den Krankenhausträgern nahe legten, wenigstens auf 30 Betten einen bezahlten Assistenten und einen bezahlten Hilfsassistenten einzustellen.
Bald zeigte sich, dass auch in anderen Bundesländern solche Arbeitsgemeinschaften der „Jungärzte“ entstanden, zu denen man schriftlich und telefonisch – was damals wegen der französisch, englisch, amerikanisch und russisch besetzten Zonen nicht einfach war – Kontakt aufnahm. Und so kam es zu dem Treffen von Abgesandten aller vier Zonen in Marburg am 12. und 13. Juni 1947, zur gemeinsamen Abfassung der „Marburger Resolution“ und zur vorläufigen Gründung des Marburger Bundes, der dann auf der Tagung vom 2. bis 6. Mai 1948 auf dem von den Münchnern vorgeschlagenen Berghaus Sudelfeld bei Bayrischzell seine endgültige eigenständige Organisationsform bekam. Die Zusammenkunft am 12. und 13. Juni 1947 im Gerichtsmedizinischen Institut war ausschließlicher Verdienst des früh verstorbenen Dr. med. Rolf Schlögell, des ehemaligen KBV-Hauptgeschäftsführers und Präsidenten der Freien Berufe.
Insgesamt unterzeichneten 15 Ärzte aus allen Bundesländern – bereit, sich für ihr Recht auf Bezahlung und verbesserte Bettenschlüssel und für die freie Niederlassung einzusetzen.
Freude über kämpferische Entschlossenheit der Jungen
Ein besonderes Anliegen der Bayrischen „Jungärzte“ war es, in der Ärztekammer zu bleiben – und nicht, wie die „Jungärzte“ in anderen Bundesländern, Verselbstständigung und Loslösung zu fordern. Einigkeit macht stark – war unser Anliegen und hat sich bundesweit durchgesetzt!
Es freut die älteren Ärzte, die früher häufig Mitglied des Marburger Bundes waren, dass die junge Generation Einigkeit und Geschlossenheit – 98,4 Prozent stimmten für Streik – zeigt und sich kämpferisch für bessere Arbeitszeiten und Arbeitsbedingungen sowie ein deutlich verbessertes Gehalt einsetzt. Dies hilft ja nicht nur den Krankenhausärzten, sondern vor allem den Patienten durch eine bessere und menschlichere Versorgung! Dr. med. Dr. phil. Erich Grassl
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.