ArchivDeutsches Ärzteblatt23/2006Privatisierung von Krankenhäusern: „Das ist großes Wirtschaftsmonopoly“

POLITIK

Privatisierung von Krankenhäusern: „Das ist großes Wirtschaftsmonopoly“

Dtsch Arztebl 2006; 103(23): A-1577 / B-1349 / C-1301

Rieser, Sabine

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Berliner Hauptstadtkongress: Drei Klinikkonzernvertreter im Gespräch über Chancen und Risiken ihres Geschäfts

Marcus Bracklo, im Hauptberuf Direktor beim Bankhaus Sal. Oppenheim, am 18. Mai aber Moderator beim Berliner Hauptstadtkongress, erinnert sich noch gut, dass über die Privatisierung von Krankenhäusern vor vier Jahren an gleicher Stelle schon einmal diskutiert wurde. Damals ging es um Vor- und Nachteile. Heute, sagt er, wird gar nicht mehr infrage gestellt, dass noch mehr Krankenhäuser privatisiert werden sollten.
Zustimmend nicken seine Gesprächspartner: Dr. Bernard gr. Broermann, Gründer und Alleingesellschafter der Asklepios-Kliniken, Eugen Münch, Aufsichtsratsvorsitzender der Rhön-Klinikum AG, Peter Küstermann, geschäftsführender Gesellschafter der Helios-Kliniken. Wie bei einer Familienfeier erfolgreiche, begüterte Verwandte über arme Schlucker und sich durchwurschtelnde Lebenskünstler reden, so sprechen sie über verschuldete kommunale Krankenhäuser, schwerfällige Universitätsklinika und die nicht ernst zu nehmende Politik – nur nicht hinter vorgehaltener Hand.
Dass in Zukunft noch mehr private Träger Krankenhäuser übernehmen werden, halten alle drei für ausgemacht. Kirchliche und freigemeinnützige Häuser seien zum Teil aber auch gut aufgestellt, meinen sie. Die Politik wird bis auf weiteres keine Antworten auf die Arbeitslosigkeit finden und deshalb dauerhaft mit einem Einnahmeproblem in der Gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung zu kämpfen haben, prognostiziert Broermann. Weil Fallpauschalen ein ideales Instrument seien, um Entgelte zu steuern, wahrscheinlich wie in den USA nach unten, werde der Druck auf Kliniken noch steigen, rational zu wirtschaften. Die Folge: Die Privatisierungsrate erhöht sich.
Münch, Wortführer in der Runde, traut der Politik so gut wie gar keine Gestaltung mehr zu. Politiker sammelten Wunschzettel ein, die sie nicht erfüllen könnten. Ganz anderen Spielraum haben für ihn private Klinikbetreiber: „Ich kann alles zum Rentieren bringen, ich muss es nur richtig organisieren.“ Richtig organisieren, das bedeutet für ihn, zu Ende gedacht, dass ein Netz von Kliniken eines privaten Trägers besteht, in denen Patienten je nach Art und Schwere der Erkrankung behandelt werden. „Sie finden uns alle 100 Kilometer“ – das wäre ein guter Slogan.
Der Aufsichtsratsvorsitzende verweist darauf, dass die meisten Bürger Umfragen zufolge bereit wären, für eine optimale stationäre Versorgung mehr als hundert Kilometer weit zu fahren und mehr zuzuzahlen. Münch ist sowieso der Meinung, dass alles bis auf die medizinische Notfallversorgung Luxus ist, der privat finanziert gehört. Mehr private Absicherung, dann aber auch eine klare Orientierung an der Nachfrage der Patienten, deren mangelnde Autonomie im Krankheitsfall durch gute unabhängige Informationsangebote ausgeglichen wird – das ist für ihn ein vernünftiger Ansatz.
Ein Netz von privaten Kliniken, in denen Patienten passgenau versorgt werden, hält er auch für ehrlicher als die jetzige Ressourcenvergeudung im System. Blinddärme an Universitätskliniken zu entfernen sei „die größte Verschwendung“, sagt Münch, der dortige Mix aus Versorgung, Forschung und Lehre „chaotisch und unbezahlbar“. Ließe man ihn machen, würde er eine gestufte Versorgung und Ausbildung an den Universitätskliniken schaffen: Bereiche für „einfache“ Leistungen einerseits, Zentren zum Beispiel für Schwerbrandverletzte andererseits.
Investition ist auch Belohnung
Dass sie mit ihren marktwirtschaftlichen Vorstellungen unethische Gesellen sind, bestreiten die drei Herren. „Wir investieren alle sehr stark in die Qualität der Medizin“, stellt Broermann klar. In den Asklepios-Kliniken gebe es mehr Mitarbeiter als vor den Übernahmen. „Investition ist auch Belohnung“, ergänzt Münch. Deutlich wird zudem, dass das Geschäft kein Zuckerschlecken ist. Die privaten Konzerne konkurrieren hart. „Der Erwerb einer Universitätsklinik macht für jeden von uns Sinn“, sagt Broermann mit einem Seitenblick auf Münch. Dessen Rhön-Klinikum AG hat vor kurzem das Universitätsklinikum Gießen-Marburg gekauft. „Wir nehmen auch mehr, wenn es passt“, ergänzt Küstermann. Dass man genau hinsehen muss, bevor man eine Klinik kauft, sagt er ebenfalls: Genug Häuser für Übernahmen gebe es, aber zu wenig sanierungserfahrenes Führungspersonal. Münch geht davon aus, dass auch Geld in den Sand gesetzt werden wird. Mancher Landrat wolle eine unrentable Klinik durch Finanzspritzen erhalten. Am Ende sei das Geld weg und die Klinik zu, prognostiziert er: „Das ist großes Wirtschaftsmonopoly.“ Sabine Rieser
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