ArchivDeutsches Ärzteblatt23/2006Zur Zukunft der klinischen Forschung: Wissenschaft als Beruf

STATUS

Zur Zukunft der klinischen Forschung: Wissenschaft als Beruf

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
Foto: picture-alliance/akg-images
Foto: picture-alliance/akg-images
Die Stimmung an den Unikliniken ist explosiv – auch, weil die Forschung zur Nebensache geworden ist. Eine Umfrage belegt dies.

Wissenschaft als Beruf – so lautet der Titel einer kurzen Schrift
des deutschen Nationalökonomen und Soziologen Max Weber (1864 – 1920). Er untersucht darin die Bedeutung und den Stellenwert des Wissenschaftsberufs. Stichwörter Webers sind die zunehmende Spezialisierung, die Rationalisierung mit Einschränkung der finanziellen Ressourcen, das akademische Leben als individuelles Risiko sowie das tiefgehende Problem des Sinnverlusts in der Wissenschaft. Heute, 87 Jahre später, ist die Thematik aktueller denn je. Die Streiks und Proteste der Universitätskliniksärzte belegen, wie groß der Unmut an den Universitätskliniken inzwischen ist.
Die Autoren haben die aktuelle Situation anhand einer Ad-hoc-Fragebogenerhebung unter den Assistenzärzten einer süddeutschen Universitätsklinik untersucht. Es konnten 247 Fragebögen ausgewertet werden, was einer Rücklaufquote von 60 bis 70 Prozent in den beteiligten Kliniken entspricht. Da die aufgeführten Daten nicht auf Grundlage einer wissenschaftlichen Untersuchung erhoben wurden, ist die Erhebung formal nicht repräsentativ. Dennoch dürften die geschilderten Umstände die Situation vieler anderer Universitätsklinika widerspiegeln. Die Daten werden mit den Kernaussagen der Weberschen Schrift verglichen (blau und kursiv). Webers Ausgangsfrage lautet:
Wie gestaltet sich die Lage eines absolvierenden Studenten, der Wissenschaft innerhalb des akademischen Lebens sich berufsmäßig hinzugeben?
Der Nationalökonom und Soziologe schildert das deutsche Habilitationsverfahren, das sich im Prinzip seither nicht verändert hat. Interessanterweise bemerkt Weber damals bereits eine Tatsache: nämlich die, dass dieses Verfahren Gefahren in sich birgt. Warum ist das so?
„Eine wirklich endgültige und tüchtige Leistung ist heute stets eine spezialisierte Leistung.“
Die Spezialisierung eines Wissenschaftlers ist an deutschen Universitätskliniken inzwischen die Regel. Sie ist Vorausset-zung für die individuelle Arbeit und deren Erfolg. Diese Spezialisierung führt nach Weber zu einer Scheuklappenmentalität und hat damit ihren Preis. Heute ist es für einen klinisch tätigen Wissenschaftler jedoch noch mehr als früher erforderlich, den Facharztstatus und in vielen Fächern zusätzlich noch die entsprechende Schwerpunktbezeichnung zu erwerben. Die Autoren fragten die Assistenzärzte, inwieweit dies denn überhaupt in der Praxis zeitgerecht möglich ist? Den Angaben zufolge schafft es nur knapp die Hälfte aller Ärztinnen und Ärzte der Universitätsklinik, diese Qualifikation in der Regelzeit der Ausbildung zu erwerben. Die Struktur der Facharztweiterbildung in den einzelnen Kliniken wird von etwa 40 Prozent der Befragten als willkürlich empfunden.

Der Arbeiter ist angewiesen auf die Arbeitsmittel, die vom Staat zur Verfügung gestellt werden; er ist infolgedessen vom Institutsdirektor ebenso abhängig wie ein Angestellter in einer Fabrik.
Für Weber bildet die finanzielle Unabhängigkeit die Voraussetzung für eigenständiges und produktives wissenschaftliches Arbeiten. Nur wer besitzt diese heute? Die Einschränkung der zur Verfügung stehenden Mittel ist vielmehr deutlicher denn je: An den Universitätskliniken herrscht der Zwang zur Einwerbung von Drittmitteln, bisweilen mit der Gefahr des Vorwurfs der Vorteilsnahme. Die Motivation des Universitätsforschers, diese einzuwerben, ist wegen der ausufernden allgemeinen Arbeitsbelastung meist gering. Die Rahmenbedingungen stimmen nicht: Fachfremde Arbeiten belasten die heutigen Ärzte zunehmend. Mehr als 60 Prozent der Befragten verbringen mit solchen Tätigkeiten mehr als 30 Prozent ihrer Zeit in der Klinik. Dies ist sicher einer von vielen Gründen, dass Angaben zufolge nur noch knapp die Hälfte der Ärzte Zeit für eine intensive Forschungstätigkeit hat. Und dies obwohl Forschung zu den Dienstaufgaben eines Universitätskliniksassistenten gehört. Hinzu kommt, dass diejenigen, die Forschung aktiv betreiben, dies nur zu zehn Prozent in der regulären Arbeitszeit tun. Eine Freistellung durch den eigenen Klinikdirektor erfolgt nur in Ausnahmefällen. Es ist in Deutschland immer noch der Regelfall, dass Forschung am Wochenende oder nach der regulären Dienstzeit erfolgt. Dies gaben mehr als 60 Prozent der Ärzte an. Die Forschungstätigkeit nach Dienstschluss wird dabei nahezu nie als Überstunde dokumentiert und ist damit „reines Freizeitvergnügen“. Und dies bei einem Gehaltsniveau, das fühlbar unter dem bei kommunalen und privaten Trägern liegt.

Das akademische Leben ist also ein wildes Hasard.
Das Leben des Wissenschaftlers ist außerdem mit einem hohen persönlichen Risiko verbunden. Wie schon zu Webers Zeit ist das Risiko, unter den geschilderten Rahmenbedingungen als forschender Arzt zu scheitern, groß. In diesem Zusammenhang ist es als problematisch zu bewerten, dass auch heute mehr als ein Viertel der Befragten die Organisationsstruktur der eigenen Klinik primär als hierarchisch einstuft. Dies führt unter anderem dazu, dass rund 40 Prozent der Ärzte das Arbeitsklima in der eigenen Abteilung als nicht zufrieden stellend empfinden. Allerdings gibt es hierbei auch Abteilungen, in denen sehr günstige Arbeitsbedingungen herrschen. Dies ist allerdings nicht die Regel. Persönliche Missgunst und Neid in Klinik und Forschung stellen zusätzliche Risiken dar, in der akademischen Laufbahn zu scheitern.
Wie Weber bereits dargelegt hat, ist es vor diesem Hintergrund schwierig, den akademischen Nachwuchs zu fördern. Ausschlaggebend ist dabei die deutsche Besonderheit der Einheit von Lehre und Forschung neben der klinischen Tätigkeit. Die weit überwiegende Mehrheit der Ärzte (80 Prozent) hat durch die zunehmende Arbeitsverdichtung nach eigenen Angaben keine Zeit, um Studenten adäquat zu unterrichten oder anzuleiten. Auch die eigene Fortbildung kommt oft zu kurz: Circa 60 Prozent der Befragten erhalten zwar in der Regel eine Freistellung für externe Fortbildungsmaßnahmen, vom Arbeitgeber bezahlt werden diese jedoch nur in Ausnahmefällen.

Foto: dpa
Foto: dpa
Denn nichts ist für den Menschen als Menschen etwas wert, was er nicht mit Leidenschaft tun kann.
Weber fordert als Voraussetzung für den Erfolg des Wissenschaftlers harte Arbeit und Sinnfindung in der eigenen wissenschaftlichen Tätigkeit. Harte Arbeit stellt heute jedoch schon die klinische Tätigkeit dar. Als Stichwörter seien genannt: Dienste über 24 Stunden und Betreuung von mehr Patienten in kürzerer Zeit. Diese Beanspruchung behindert eine adäquate Forschungstätigkeit, die dann noch zusätzlich geleistet werden soll. Die Webersche Leidenschaft für das eigene wissenschaftliche Spezialgebiet kann man nur entwickeln, wenn die Rahmenbedingungen stimmen, angefangen von den materiellen, bis zu den finanziellen und personellen Grundlagen der Abteilung und der Freistellung zur wissenschaftlichen Tätigkeit.
Damit ist die Situation heute oft geprägt von einer Perspektivlosigkeit und einem Sinnverlust für den Einzelnen. Die zu erwartenden Stellenaussichten für akademisch besonders qualifizierte Nachwuchskräfte sind rar und geringer dotiert als noch in der jüngsten Vergangenheit. Die Motivation, wissenschaftlich tätig zu sein, um später die Chance auf eine Chefarztstelle zu wahren, ist unter den aktuellen organisatorischen und finanziellen Bedingungen heutiger Ausschreibungen nicht mehr attraktiv.
Mit diesem Sinnverlust verbunden ist ein Verlust an Wertschätzung wissenschaftlicher Arbeit und des Ansehens des klinisch tätigen Wissenschaftlers in Deutschland. Zwei Zahlen belegen dies in erschreckender Weise: 25 Prozent der befragten Ärztinnen und Ärzte würden heute den Arztberuf nicht mehr wählen. 90 Prozent (!) könnten sich vorstellen, wegen der speziellen Situation in Deutschland, künftig auch im Ausland zu arbeiten. Nochmals die zentrale Frage Max Webers:

Was bedeutet Wissenschaft als Beruf für den, der sich ihr hingibt?
Wissenschaft als Beruf an deutschen Universitätskliniken ist heute meist nicht kalkulierbar und von ungewissem Ausgang für den Einzelnen: Etwa 80 Prozent der Uniklinikärzte halten ihre Anstellung in der Klinik für nicht zukunftssicher. Die Vertragsdauer von mehr als 25 Prozent der Befragten liegt bei zwölf Monaten oder darunter. Auch privat hat dies Auswirkungen: Die Frage, ob das Privatleben unter der klinischen Tätigkeit leide, bejahten 90 Prozent. Eine gute eigene Lebensqualität sehen nur noch knapp 15 Prozent der Ärztinnen und Ärzte für sich gewährleistet.

Persönlichkeit auf wissenschaftlichem Gebiet hat nur der, der rein der Sache dient.
Weber fordert die wissenschaftliche Persönlichkeit, die Leidenschaft entwickelt, um ihr Ziel und nur dieses zu erreichen. Ist das unter den geschilderten Bedingungen heute überhaupt machbar? Er würde den Autoren sicherlich Recht geben, wenn wir diese Frage heute unter der Prämisse, die aktuellen Arbeitsbedingungen wie folgt zu ändern, trotzdem explizit bejahten:
- Das Arbeitsumfeld in den Kliniken muss stimmen: weniger Hierarchie, mehr Kollegialität, bessere finanzielle und personelle Ausstattung der Abteilungen.
- Der wissenschaftliche Nachwuchs muss gezielt gefördert werden. Studienordnungen und Facharztcurricula müssen diesbezüglich konsequent modifiziert werden.
- Eine adäquate Vergütung ist Voraussetzung dafür, dass wir die erfolgreich klinisch und wissenschaftlich Tätigen in Deutschland halten können.
- Um wissenschaftlich erfolgreich zu arbeiten, bedarf es einer gewissen Autonomie, die erfordert, dass die Vertragsdauer bei mindestens drei, besser fünf Jahren liegt.
- Es muss gewünscht und umsetzbar sein, dass Forschungstätigkeit auch innerhalb der regulären Arbeitszeit möglich ist.
Die Begeisterung für Forschung ist letztlich persönliche Einstellungssache. Die äußeren Umstände sollten jedoch ein Klima schaffen, damit auch in einigen Jahren noch erfolgreiche Forschung an den deutschen Universitätsklinika durchgeführt werden kann.
Die Verfasser sind der Redaktion namentlich bekannt.*

Literatur: Max Weber, Wissenschaft als Beruf. Verlag von Duncker und Humblot, Leipzig, München 1921.

*Auf ausdrücklichen Wunsch der Klinikdirektion erfolgte die Publikation anonym. Die dargestellten Daten sind nicht auf Grundlage einer wissenschaftlichen Untersuchung erhoben worden. Es handelt sich um eine Ad-hoc-Befragung. Diese ist unter dem Eindruck der gegenwärtigen Situation entstanden (Umfragezeitraum 24. März bis 31. März 2006).
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.