ArchivDeutsches Ärzteblatt PP6/20068. Deutscher Psychotherapeutentag: Signal für die Neuropsychologie

POLITIK

8. Deutscher Psychotherapeutentag: Signal für die Neuropsychologie

Bühring, Petra; Gerst, Thomas

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LNSLNS Die Delegierten der Landespsychotherapeutenkammern verabschiedeten eine (Muster-)Weiter­bildungs­ordnung, deren Nutzen zuvor kontrovers diskutiert worden war.

Mit 54 zu 32 Stimmen verabschiedeten die Delegierten die (Muster-)Weiter­bildungs­ordnung. Fotos: Jörg Hermann
Mit 54 zu 32 Stimmen verabschiedeten die Delegierten die (Muster-)Weiter­bildungs­ordnung. Fotos: Jörg Hermann
Mit der Verabschiedung der (Muster-)Weiter­bildungs­ordnung (MWBO) hoffen die Delegierten des 8. Deutschen Psychotherapeutentages, bessere Voraussetzungen dafür geschaffen zu haben, um die neuro-psychologische Behandlung als psychotherapeutische Methode anzuerkennen und damit als ambulante Leistung in der Gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung zuzulassen. „Eine MWBO ist ein erster wichtiger Schritt, um die Neuropsychologie zu verankern“, erklärte der Präsident der Bundes­psycho­therapeuten­kammer (BPtK), Prof. Dr. Rainer Richter, am 13. Mai in Frankfurt. Patienten, die beispielsweise nach einem Schlaganfall oder Schädelhirntrauma an neuropsychologischen Störungen leiden, können sich bisher nur stationär behandeln lassen. In Rehabilitationskliniken gehört Neuropsychologie seit langem zum Standard – im ambulanten Bereich ist sie jedoch nicht zugelassen. Der Gemeinsame Bundes­aus­schuss diskutiert, Neuropsychologie als Heilmittel zuzulassen, das Ergotherapeuten durchführen können. Damit würde sie nach Ansicht der BPtK jedoch als „bloßes Training herabgestuft“, eine qualifizierte Behandlung durch niedergelassenene Psychologische Psychotherapeuten sei dann nicht möglich. Die Notwendigkeit dieser Behandlung unterstrichen die Delegierten auch in einer Resolution (siehe Kasten).
Die im Vorfeld des Psychotherapeutentags in Bezug auf „Chancen und Risiken“ sehr kontrovers diskutierte (Muster-)Weiter­bildungs­ordnung verabschiedete der Deutsche Psychotherapeutentag mit 54 zu 32 Stimmen und auch zunächst nur für die Weiterbildung in Klinischer Neuropsychologie. Nach Psychologie-Studium und Ausbildung zum Psychologischen Psychotherapeuten (PP) beziehungsweise der Approbation soll also künftig eine Weiterbildung in diesem Bereich möglich sein. Die MWBO empfiehlt zwei Jahre Tätigkeit in einer entsprechenden Klinik, mindestens 100 Stunden fallbezogene Supervision und 400 Stunden Theorie. Danach kann der Psychologische Psychotherapeut die Zusatzbezeichnung Klinische Neuropsychologie tragen.
Vorstellbar sind nach dem Bericht der Weiterbildungskommission der BPtK auch Weiterbildungsregelungen für PP und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten zu anderen Psychotherapieverfahren, die in der eigenen Ausbildung nicht behandelt wurden, beispielsweise Verhaltenstherapie für Psychoanalytiker oder psychoanaytisch begründete Psychotherapieverfahren für Verhaltenstherapeuten. Auch in Gesprächspsychotherapie, Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie sowie klinischer Somatopsychologie könnten künftig Weiterbildungen möglich sein. Doch hier setzt die grundsätzliche Kritik an: „Weiterbildung in Verfahren, die längst anerkannt sind, ist absurd“, bemängelte Hermann Scheuerer-Englisch von der Bayerischen Landeskammer, die einen Antrag auf Nicht-Verabschiedung der MWBO vorgelegt hatte. Es sei ein
„abschreckendes Signal für den Nachwuchs“, wenn sich nach langem Studium und drei- bis fünfjähriger Ausbildung auch noch eine Weiterbildung anschließen solle. Nicolaus Melcop, der Präsident der Kammer in Bayern, gab zu bedenken, dass Weiterbildung eine Abwertung der Ausbildung zur Folge habe, denn Außenstehende könnten annehmen, dass nur derjenige, der die Zusatzbezeichnung führt, in dem Verfahren kompetent sei. Außerdem werde der Druck, eine Weiterbildung zu absolvieren, zunehmen, denn in einem Gesundheitssystem, das geprägt ist von Wettbewerb, seien mögliche Weiterbildungen nachteilig für alle, die sie nicht haben. „Wir werden uns in drei Jahren fragen: ,Welche Weiterbildung hast du denn schon?‘“, glaubt Melcop. Ellen Bruckmayer, ebenfalls bayerische Delegierte, kritisierte, dass der Begriff Weiterbildung unglücklich gewählt sei: „Unsere MWBO wird wegen des Begriffes analog zur MWBO der Ärzte angesehen werden.“ Das dürfe nicht sein: „Besser wäre der Begriff Zusatzqualifikation.“ Zum Verständnis: Was Psychologen als „Weiterbildung“ nach ihrer „Ausbildung“ zum Psychotherapeuten oder Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten bezeichnen, können Ärzte erst nach ihrer Facharztweiterbildung absolvieren. In der ärztlichen Begrifflichkeit wäre in dieser Systematik von Zusatzqualifikation oder Zusatztitel die Rede.
Die Diskussion der Delegierten zeigte, dass die Bedenken der bayerischen Vertreter ernst genommen wurden. Der Antrag auf Nicht-Verabschiedung wurde dennoch abgelehnt. Neben den Argumenten zugunsten der Neuropsychologie überzeugte die Mehrheit, die von Monika Konitzer, stellvertretender Präsidentin der BPtK, vertretene Position, dass es sinnvoll sei, berufsrechtliche Regelungen „vorher zu definieren, bevor Beamte und Politiker über uns entscheiden“, oder, wie Alfred Kappauf, Präsident der Psychotherapeutenkammer Rheinland-Pfalz, formulierte: „Wenn wir wollen, dass das Sozialrecht dem Berufsrecht folgt, dann müssen wir unsere Hausaufgaben machen und eine (Muster-)Weiter­bildungs­ordnung verabschieden.“
Dr. Walter Ströhm, Sprecher der Weiterbildungskommission: „Die Risiken einer (Muster-)Weiter­bildungs­ordnung können nicht wegdiskutiert werden.“
Dr. Walter Ströhm, Sprecher der Weiterbildungskommission: „Die Risiken einer (Muster-)Weiter­bildungs­ordnung können nicht wegdiskutiert werden.“
Satzungsänderung vertagt
Gerade als es beim nächsten Tagesordnungspunkt spannend wurde, war es auch schon wieder vorbei: Die Debatte über eine von der Satzungskommission vorgeschlagene Satzungsänderung, die zu einer neuen Machtbalance zwischen den Psychotherapeutenkammern der Länder und der BPtK geführt hätte, wurde auf den nächsten Deutschen Psychotherapeutentag vertagt. Nach der langen, gleichwohl aber notwendigen Diskussion über die Notwendigkeit einer Weiter­bildungs­ordnung blieb nicht mehr genug Zeit, sich dieser wichtigen Frage ausführlich zu widmen.
Anlass für die Satzungsdiskussion waren Abstimmungsprobleme zwischen Länderrat und Vorstand der BPtK in der Vergangenheit gewesen. Angesichts des schwierigen Dialogs waren die Auflösung des Länderrats und die Bildung des BPtK-Vorstandes aus den Vorsitzenden der Landespsychotherapeutenkammern gefordert worden. Der 5. Deutsche Psychotherapeutentag hatte vor rund einem Jahr in München eine Arbeitsgruppe damit beauftragt, auf der Grundlage der vorgelegten Änderungsanträge Vorschläge für eine neue Satzung zu entwickeln. Diese lagen den Delegierten nunmehr vor. Der wesentliche Änderungsvorschlag: Über den Länderrat soll den Landespsychotherapeutenkammern ein stärkere Mitwirkung an der Bundespolitik zugestanden werden. Der Bundesvorstand wird in seinem Handeln an die Beschlüsse des Länderrates gebunden und ist somit auf eine enge Zusammenarbeit mit den Landeskammern angewiesen. Neben der Delegiertenversammlung würde der Länderrat direkt die Politik der BPtK mitbestimmen. Dass es zu diesen Vorschlägen der Satzungskommission größeren Diskussionsbedarf gibt, kann nicht überraschen. Für Gesprächsstoff beim 9. Deutschen Psychotherapeutentag in Köln (18. November) ist auf jeden Fall gesorgt. Petra Bühring, Thomas Gerst


Resolutionen (in gekürzter Fassung):


Anpassung der Psychotherapie-Richtlinien

Der 8. Deutsche Psychotherapeutentag (DPT) fordert den Gemeinsamen Bundes­aus­schuss (G-BA) auf, bei der Anpassung der Psychotherapie-Richtlinien zu berücksichtigen, dass indikationsbezogene Zulassungen nicht der Versorgungsrealität entsprechen, weil Psychotherapie ein genuin ganzheitlicher Ansatz ist. Die Psychotherapieforschung hat die Wirksamkeit weiterer psychotherapeutischer Behandlungsformen belegt. Der Transfer dieser Ergebnisse in die Versorgung der GKV-Versicherten sollte zeitnah und konsequent erfolgen.
Der DPT fordert den G-BA auf, wissenschaftliche Forschung zu ermöglichen und zu fördern. Ergänzend zu kontrollierten Wirksamkeitsstudien (efficacy) bedarf es einer Stärkung der Versorgungsforschung und einer stärkeren Gewichtung der Ergebnisse naturalistischer Studien (effectiveness). Die Standards des Bewertungsverfahrens sollten weiterentwickelt werden und den besonderen Wirkprinzipien einer psychotherapeutischen Behandlung, die durch eine zwischenmenschliche Beziehung charakterisiert ist, angemessen sein.


Drogenprävention im Kindes- und Jugendalter verstärken

Angesichts des steigenden Cannabis-Konsums bei Jugendlichen (siehe Nachricht zum Drogen- und Suchtbericht) fordern die Delegierten des DPT eine Ausweitung der Präventionsmaßnahmen. Weiter fordern sie die Bundesregierung auf, höhere Zugangsbarrieren zu Tabakwaren zu schaffen sowie das Werbeverbot der Europäischen Union auch in Deutschland umzusetzen. Weil die Neigung zum Substanzmittelmissbrauch maßgeblich in der psychischen Disposition verankert ist, gehört zu einer erfolgreichen Prävention auch die entwicklungsfördernde Stärkung der Persönlichkeit. Das dazu notwendige Netz niederschwelliger Beratungs- und Präventionsangebote darf nicht durch Mittelkürzungen zerstört werden.


Master-Abschluss als Zugangsvoraussetzung zur Ausbildung zum Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten

Auch für Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten (KJP) sichert erst der Master-Abschluss als akademische Grundqualifikation eine qualitätsgesicherte Versorgung. Psychotherapie für Kinder ist keine „kleine“ Psychotherapie, die geringere Anforderungen stellt. Der Bachelor-Abschluss ist nicht ausreichend. Der DPT fordert die Verantwortlichen daher auf, den Master-Abschluss als bundesweit einheitliche Zugangsvoraussetzung für die Ausbildung zum KJP und zum Psychologischen Psychotherapeuten einzusetzen.


Gesprächspsychotherapie in die GKV-Versorgung aufnehmen

Die Delegierten des 8. DPT fordern den Gemeinsamen Bundes­aus­schuss auf, die sozialrechtliche Anerkennung der Gesprächspsychotherapie (GT) zu beschließen. Die Wirksamkeit der GT und ihr Nutzen für die Versorgung sind seit langem nachgewiesen. Auch in Deutschland wird sie seit Jahrzehnten in der ambulanten und stationären Versorgung eingesetzt. In Beratungsstellen und Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe zählt die GT zu den zentralen Behandlungsverfahren. Für die ambulante psychotherapeutische Versorgung ist die Gesprächstherapie eine unverzichtbare Ergänzung.


Ambulante Versorgung von Patienten mit hirnorganisch bedingten psychischen Störungen sichern

Der DPT fordert den Gemeinsamen Bundes­aus­schuss auf, die klinische Neuropsychologie als psychotherapeutische Methode umgehend anzuerkennen, um die Versorgung von Patienten mit hirnorganischen Störungen auch im ambulanten Bereich sicherzustellen. Die Neuropsychologie umfasst neben Funktionstraining und Kompensationstherapie weitere speziell auf diese Patienten angepasste psychotherapeutische Techniken. Sie kann qualitätsgesichert nur von approbierten Psychotherapeuten erbracht werden, heißt es in der Resolution.
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