ArchivDeutsches Ärzteblatt PP6/2006Vertragsärzte: Hausärzte fordern eigene KV

POLITIK

Vertragsärzte: Hausärzte fordern eigene KV

PP 5, Ausgabe Juni 2006, Seite 253

Rabbata, Samir

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Auf Konfrontationskurs zum KVSystem: der Vorsitzende des Hausärzteverbandes Rainer Kötzle Foto: Bernhard Eifrig
Auf Konfrontationskurs zum KVSystem: der Vorsitzende des Hausärzteverbandes Rainer Kötzle Foto: Bernhard Eifrig
Der Deutsche Hausärzteverband betreibt die Loslösung von den Kassenärztlichen Vereinigungen und wehrt sich gegen Vorwürfe, damit einen Keil in die Ärzteschaft zu treiben.

Dass ihr Ausflug nach Potsdam kein Vergnügen wird, dürfte Regina Feldmann geahnt haben. Als Vorsitzende der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Thüringen hatte sie bei der Delegiertenversammlung des Deutschen Hausärzteverbandes in der brandenburgischen Landeshauptstadt einen schweren Stand. Doch die Wucht der Wut, die der Hausärztin von ihren Kollegen entgegenschlug, hat wohl auch sie überrascht. Die Delegierten warfen ihr „Verrat an der gemeinsamen Sache“ vor. Wenn sie als KV-Vorsitzende wiedergewählt werden wolle, müsse sie die Interessen der Hausärzte als KV-Vorsitzende stärker vertreten, sagte der Vorsitzende des bayerischen Hausärzteverbandes, Dr. med. Wolfgang Hoppenthaller.
Vordergründig war die Empörung der Delegierten der erfolgreichen Klage der KV Thüringen gegen den Barmer-Hausarztvertrag geschuldet, die auch von der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) unterstützt wird. Weil das Sozialgericht Gotha in dem Hausarztmodell keinen klassischen Integrationsvertrag sieht, droht der Barmer als Vertragspartner des Hausärzteverbandes nun die Rückzahlung von Fördermitteln aus dem Finanztopf für die Integrierte Versorgung.
Vor allem aber richtete sich die Wut der Hausärzte gegen das KV-System selbst, für dessen Erhalt sich neben Feldmann auch die Berliner KV-Vorsitzende und Hausärztin Dr. med. Angelika Prehn stark machte. Erfolglos, wie sich zeigte, denn mit großer Mehrheit stimmten die Delegierten für ein Positionspapier des Vorstandes, das eine Spaltung der vertragsärztlichen Selbstverwaltung und die Bildung einer eigenen Bundeshausärzte-KV vorsieht. „Wenn die Politik die ärztlichen Körperschaften erhält, sind wir dafür, dass wir Hausärzte unsere Belange, unsere Vergütung, unsere Arbeitsbedingungen in einer Körperschaft wie der KV selbst regeln“, sagte der Vorsitzende des Hausärzteverbandes, Rainer Kötzle, in einer kämpferischen Rede. Man werde es nicht mehr hinnehmen, dass die Hausärzte in der Honorarverteilung an letzter Stelle stehen, dass die hausärztliche Tätigkeit abgewertet und die Technik hoch bewertet werde. Kötzle sprach sich für die Etablierung eines Hausarztsystems aus. Forderungen einzelner Delegierter nach einem rigiden staatlichen Primärarztsystem erteilte er jedoch eine Absage: „Das wollen wir nicht. Wir wollen die Wahlfreiheit der Versicherten erhalten. Allerdings sollen Versicherte, die eine Steuerung durch den Hausarzt nicht wollen, auch für die vermehrten Kosten aufkommen.“
Hausärzte wollen Honorare selbst verhandeln
Konkret sieht das Positionspapier des Hausärzteverbandes vor, dass Wahltarife für die Versicherten eingeführt werden. Das so genannte Mehrtarifsystem basiert auf einem Standardtarif, der im Wesentlichen der bisherigen „Kollektivvertragsphilosophie“ entspricht. Darüber hinaus soll es verschiedene Hausarzttarife mit kassenspezifischen Ausprägungen geben. Vertragspartner der Krankenkassen wären sowohl die Bundeshausärzte-KV, die einen Hausarzttarif nach § 73b SGB V anbieten würde, als auch einzelne Hausärzte, die Verträge mit den Kassen aushandeln könnten. Der Gesetzgeber sollte hierfür anders als heute auch zweiseitige Verträge ohne sektorübergreifenden Bezug zulassen.
Das Reformkonzept des Verbandes sieht zudem eine hausärztliche Gebührenordnung mit festen Euro-Beträgen vor. Diese soll eine Grundpauschale von etwa 75 Euro pro Quartal und Versicherten enthalten sowie einzelne, teilweise qualifikationsabhängige Zuschläge für technische Leistungen, die zusätzlich etwa 13 Euro pro Quartal und Versicherten ausmachen würden. Hinzu kommt ein so genannter DMP-Multimorbiditätskomplex von rund 25 Euro pro Quartal für die Koordination der Betreuung multimorbider Patienten.
Die Berliner KV-Vorsitzende Prehn warnte davor, dass mit dem Vorstoß der Hausärzte einer Spaltung der Vertragsärzteschaft Vorschub geleistet werde. Sie mahnte innerärztliche Solidarität an: Gerade im Vorfeld der nächsten Gesundheitsreform dürfe kein Keil in die Reihen der Ärzteschaft getrieben werden. Kötzle ließ diesen Einwand nicht gelten: „Wir spalten gar nichts. Wir sind für den Erhalt der Freiberuflichkeit auch für Fachärzte. Dabei wollen wir weiterhin mit den niedergelassenen gebietsärztlichen Kollegen zusammenarbeiten.“ Doch werde die innerärztliche Solidarität immer dann gefordert, wenn die Hausärzte ihre Interessen selber vertreten. „Wir sollten uns deshalb nicht beirren lassen“, forderte Kötzle. Samir Rabbata
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