ArchivDeutsches Ärzteblatt PP6/2006TOP II: Behandlung psychischer und psychosomatischer Erkrankungen – Zeichen setzen für die ärztliche Psychotherapie

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TOP II: Behandlung psychischer und psychosomatischer Erkrankungen – Zeichen setzen für die ärztliche Psychotherapie

PP 5, Ausgabe Juni 2006, Seite 255

Bühring, Petra

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Astrid Bühren: Wir müssen die psychosozialen Aspekte einer Erkrankung berücksichtigen, denn der fragmentierte Patient bleibt als Ganzes unscharf und wird nicht bestmöglich behandelt.
Astrid Bühren: Wir müssen die psychosozialen Aspekte einer Erkrankung berücksichtigen, denn der fragmentierte Patient bleibt als Ganzes unscharf und wird nicht bestmöglich behandelt.
Der Deutsche Ärztetag setzt sich für die Entstigmatisierung psychischer Erkrankungen ein und unterstützt die Forderung nach einem biopsychosozialen Behandlungsansatz in allen Fachgebieten.

Ein deutliches Signal gegen die Stigmatisierung psychisch Kranker und für die Förderung der psychiatrisch-psy-
chosomatisch-psychotherapeuti-
schen Kompetenz im ärztlichen Handeln setzten die Delegierten des 109. Deutschen Ärztetages. Die dramatische Zunahme psychischer und psychosomatischer Erkrankungen – sie sind in-
zwischen die häufigste Ursache für Arbeitsunfähigkeitstage und Frühberentungen – erforderte die Beschäftigung mit dem Thema auf einem Ärztetag. Die unipolare Depression steht an der Spitze der weltweit führenden Ursachen der durch Behinderung beeinträchtigen Lebensjahre (World Health Report, 2001). Alkoholismus kommt demnach an fünfter Stelle, Schizophrenie an siebter und bipolare Störungen an neunter Stelle, jeweils
bezogen auf die gesamte Lebensspanne.
Der von Dr. med. Astrid Bühren, Präsidentin des Deutschen Ärztinnenbundes, initiierte Tagesordnungspunkt verdeutlichte durch die Vielzahl der Wortmeldungen, dass den Delegierten das Thema am Herzen lag. Sie forderten adäquate Rahmenbedingungen, die es ermöglichen, die psychosozialen Kompetenzen der Ärztinnen und Ärzte verstärkt anwenden zu können. „Der Körper, die Seele und das soziale Umfeld gehören mit dem Patienten in das ärztliche Sprechzimmer“, betonte Astrid Bühren, die selbst ärztliche Psychotherapeutin ist. Immerhin wiesen 25 Prozent aller Patienten, die einen Hausarzt aufsuchten, eine komorbide psychische oder psychoso-
matische Erkrankung auf. „Wir halten eine biopsychosoziale Betrachtungsweise für unbedingt notwendig“, erklärte auch Prof. Dr. med. Thomas Loew, Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Psychosomatische Medizin und ärztliche Psychotherapie. Die psychosomatische Grundversorgung und die fachgebundene ärztliche Psychotherapie müssten deshalb gestärkt und noch stärker in die Medizin integriert werden, forderte er.
Eine zu einseitig somatisch ausgerichtete Medizin berge zum einen die Gefahr, hinter somatischen Symptomen möglicherweise liegende psychische Störungen nicht zu erkennen, führte Bühren weiter aus. Zum anderen wendeten Patienten sich aus diesem Grund verstärkt nicht-ärztlichen Berufsgruppen zu: „Die Patienten stimmen mit den Füßen ab, wenn sie nicht genügend Zuwendung erhalten“, erklärte sie. Sie suchten dann verstärkt alternative Therapiemethoden. Deutschland habe bei der Inanspruchnahme alternativer Maßnahmen eine „fragwürdige“ Spitzenposition. Neben 132 000 niedergelassenen Ärzten sind laut Statistischem Bundesamt 21 000 Heilpraktiker zugelassen. „Wir müssen die psychosozialen Aspekte einer Erkrankung berücksichtigen, denn der fragmentierte Patient bleibt als Ganzes unscharf und wird nicht bestmöglich ärztlich behandelt“, fasste Bühren zusammen.
„Die Stigmatisierung psychischer Erkrankungen steht einer optimalen Behandlung immer noch im Weg“, verdeutlichte Prof. Dr. med. Wolfgang Gaebel, Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universität Düsseldorf, obwohl sich
die Behandlungsmöglichkeiten grund-
sätzlich wesentlich verbessert hätten. Schuldzuweisungen gegenüber den psychisch Kranken, eine verzerrte Darstellung in den Medien oder Diskriminierung am Arbeitsplatz führten die Betroffenen immer mehr in die soziale Isolation und somit zu einer Zunahme der Chronifizierung der psychischen Erkrankung. Gaebel forderte eine Optimierung der psychiatrisch/psychotherapeutischen Versorgung in allen Fachbereichen, Vorurteilsfreiheit gegenüber der Behandlung sowie die Integration der Stigma-Problematik in die ärztliche Weiterbildung.
Für eine Stärkung der ärztlich-psychotherapeutischen Kompetenz in der Behandlung psychisch kranker Kinder und Jugendlicher setzte sich Prof. Dr. med. Dr. phil. Helmut Remschmidt, Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie der Universität Marburg, ein. Fünf Prozent der Heranwachsenden in Deutschland seien wegen psychischer Auffäl-
ligkeiten behandlungsbedürftig. Zugenommen haben insbesondere aggres-
sives Verhalten, Alkoholismus, Delinquenz, Depressionen und suizidales Verhalten. Doch mehr als 50 Prozent dieser Kinder würden unzureichend behandelt, kritisierte Remschmidt. Um dies zu ändern, forderte er unter anderem eine interdisziplinäre Zusammenarbeit, evaluierte Behandlungsmethoden, eine gemeindenahe Versorgung, eine psychotherapeutische Fortbildung in allen Arztgruppen sowie die gemeinsame psychotherapeutische Ausbildung für Ärzte und Psychologen, wie sie beispielsweise seit Jahren in Marburg praktiziert wird.
Prof. Dr. med. Michael Schulte-Markwort, Leiter der Klinik für Kinder- und Jugendpsychosomatik am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, wies darauf hin, dass 50 Prozent aller psychischen Störungen ihren Ursprung in der Kindheit haben. Deshalb sei es umso bedenklicher, dass eine ausreichende Versorgung psychisch kranker Heranwachsender in Deutschland nicht gewährleistet sei: 640 Kinderpsychiater stehen fünf Millionen unter 18-Jährigen gegenüber. Hinzu kommen rund 4 000 nicht-ärztliche Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten. „Die ärztliche Psychotherapie ist bei Kindern deutlich unterrepräsentiert“, bemängelte Schulte-Markwort.
Ein Zeichen gegen die „übermächtige“ Konkurrenz
Auch für die Behandlung psychisch kranker Erwachsener sehen sich 3 600 überwiegend psychotherapeutisch tätige Ärzte einer deutlich höheren Zahl (rund 11 400) Psychologischer Psychotherapeuten gegenüber. In der Diskussion der Delegierten wurde deutlich, dass diese „Übermacht“ zu einem Problem geworden ist. „Psychotherapie wird immer mehr mit Psychologen verknüpft, auch bei den Ärzten anderer Fachgruppen“, bemängelte beispielsweise Dr. med. Siegfried Stephan von der Lan­des­ärz­te­kam­mer Rheinland-Pfalz. Dr. med. Christa Roth-Sackenheim von derselben Kammer appellierte an die Ärzte, ihre Haltung zu überdenken und die Patienten „nicht einfach zum Psychologen zu schicken“. Die Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie betonte, dass sie einvernehmlich in einer Praxisgemeinschaft mit Psychologischen Psychotherapeuten tätig sei, doch ihr sei es wichtig,
dass „die Gesamtverantwortung für psychische Erkrankungen bei den Ärzten bleibt“.
Cornelia Krause-Girth: Die skandalöse Benachteiligung der nicht überwiegend psychotherapeutisch tätigen ärztlichen Psychotherapeuten muss aufgehoben werden.
Cornelia Krause-Girth: Die skandalöse Benachteiligung der nicht überwiegend psychotherapeutisch tätigen ärztlichen Psychotherapeuten muss aufgehoben werden.
Einen Grund für die Gleichsetzung von Psychologen mit Psychotherapeuten sei die Verwendung des Namens „Psychotherapeutenkammer“ für die Heilberufskammern der Psychologischen Psychotherapeuten und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten. Mit dem Namen werde „ein Alleinvertretungsanspruch zum Ausdruck gebracht, der praktisch nicht begründbar ist und bei Patienten den Eindruck
erweckt, Psychotherapeuten seien nicht Ärzte“, heißt es in dem Ent-
schließungsantrag von Prof. Dr. med. Cornelia Krause-Girth, Hessen. Ak-
tueller Hintergrund sei der Wunsch der Kammer für Psychologische Psychotherapeuten und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten in Hessen, wegen des „unaussprechbar langen Namens“, den Begriff „Psycho-
therapeutenkammer Hessen“ als Bezeichnung einzuführen. Die Landes-
ärztekammer hat sich dagegen ausgesprochen. Der Deutsche Ärztetag nahm den Antrag, der dazu aufforderte, den Begriff auf Bundes- und Landesebene nicht mehr zu verwenden, mit großer Mehrheit an.
Befürchtungen, dass sich das Ungleichgewicht zwischen ärztlichen und Psychologischen Psychotherapeuten noch vergrößern wird, brachte Astrid Bühren zum Ausdruck: Die Zahl der Fachärzte für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, also die ärzt-
lichen Psychotherapeuten, die überwiegend Richtlinien-Psychotherapie lei-
sten, werde sich in den nächsten zehn Jahren halbieren, wenn das Gebiet nicht gefördert werde. „Derzeit schlie-
ßen 90 Fachärzte die Weiterbildung ab, aus Altersgründen scheiden viele aus“, berichtete Bühren. Sie fordert deshalb, dass die so genannte 40-Prozent-Quote auch über das Jahr 2008 hinaus Bestand haben soll. Die gesetzliche Regelung (§ 101 Abs. 4 SGB V) besagt, dass 40 Prozent der Vertragsarztsitze in der psychotherapeutischen Versorgung für ärztliche Psychotherapeuten freigehalten werden. Diese Regel zum Bestandschutz der Ärzte läuft zum
Helmut Remschmidt (links): Mehr als 50 Prozent der psychisch kranken Kinder werden unzureichend behandelt. Wolfgang Gaebel (rechts): Die Stigmatisierung psychischer Erkrankungen steht einer optimalen Behandlung immer noch im Weg.
Helmut Remschmidt (links): Mehr als 50 Prozent der psychisch kranken Kinder werden unzureichend behandelt. Wolfgang Gaebel (rechts): Die Stigmatisierung psychischer Erkrankungen steht einer optimalen Behandlung immer noch im Weg.
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31. Dezember 2008 aus. Da viele dieser Quotensitze zurzeit jedoch nicht mit ärztlichen Psychotherapeuten, die ausschließlich Richtlinien-Psychotherapie erbringen, besetzt werden können,
fordert die Präsidentin des Deut-
schen Ärztinnenbundes, die Plätze für Psychiater freizugeben, statt für Psychologische Psychotherapeuten. Roth-Sackenheim geht noch weiter mit der Forderung, dass sich auch Ärzte mit Zusatztitel Psychotherapie auf die Vertragsarztsitze bewerben können sollten.
Fast 1 800 der Sitze, die für ärztliche Psychotherapeuten reserviert sind, waren im Jahr 2005 nicht besetzt, recherchierte die Bundes­psycho­therapeuten­kammer (BPtK). „Das verursacht eine erhebliche Versorgungslücke“, kritisiert der Präsident der BPtK, Prof. Dr. Rainer Richter, in einer Pressemitteilung zum Deutschen Ärztetag. Das Problem der Unterversorgung psychisch Kranker, vor allem in den neuen Bundesländern und bei Kindern und Jugendlichen ist auch
Dr. med. Wolfgang Loesch, Landes-
ärztekammer Brandenburg, bewusst: „Wir werden nicht in der Lage sein, die Sitze zu besetzen und sollten sie deshalb freigeben für Psychologische Psychotherapeuten.“ Er forderte in seinem Entschließungsantrag jedoch, „im Falle einer späteren Nachbesetzung“ die Sitze grundsätzlich für ärztliche Psychotherapeuten vorzubehalten. Dabei machte er deutlich, dass nicht die Kompetenz Psychologischer Psychotherapeuten angezweifelt werden soll, aber dass es spezifisch ärztliche Schwerpunkte gebe, wie zum Beispiel die medikamentöse Kombinationstherapie, die psychotherapeutische Versorgung schwer körperlich Kranker, die Psychotherapie in der aus-
klingenden Substitutionstherapie und Psychosen. Die Delegierten nahmen den Antrag an.
Schlechtere Honorierung
für gleiche Leistung
In einem weiteren Antrag wies Krause-Girth auf eine Ungleichbehandlung in der Honorierung psychotherapeutischer Leistungen hin, die durch eine gesetzliche Regelung erst geschaffen wurde. Die hessische Delegierte forderte die Kassenärztliche Bundesvereinigung auf, „die skandalöse Be-
nachteiligung der nicht überwiegend psychotherapeutisch tätigen ärztlichen Psychotherapeuten aufzuheben“. Nach § 85 Abs. 4 SGB V in Zusammenhang mit Urteilen des Bundes-
sozialgerichts und Beschlüssen des Bewertungsausschusses haben Psycho-
logische Psychotherapeuten und ärztliche Psychotherapeuten, die mehr als 90 Prozent antrags- und genehmigungspflichtige psychotherapeutische Leistungen erbringen, Anrecht auf einen gestützten festen Punktwert. Diese Regelung soll ihnen ermöglichen, bei ausgelasteter Praxis auf einen Mindestumsatz zu kommen, der dem einer durchschnittlichen Arztpraxis entspricht, da sie keine Möglichkeit haben, ihre Leistungen auszuweiten. Alle anderen ärztlichen Psychotherapeuten und Psychiater erhalten für ihre Leistungen der Richtlinientherapie – also für die gleichen Leistungen – einen schwankenden Punktwert, der meist deutlich niedriger ist. Krause-Girth gibt als Beispiel den Betrag von 30 Euro für eine 50-minütige The-
rapiesitzung in Hessen an. Diese schlechte Honorierung der Richtlinien-Psychotherapie in der fachärztlichen und allgemeinärztlichen Versorgung führe „zum Aussterben dieser in die Praxis integrierten psychotherapeutischen Fachleistung und der fachgebundenen Psychotherapie“, kritisierte Krause-Girth. Die Delegierten nahmen den Antrag mit deutlicher Mehrheit an. Bei einigen Vertretern der Ärztekammer Nordrhein herrscht der Eindruck vor, dass die Bundes­ärzte­kammer (BÄK) sich nicht ausreichend für die „Sicherstellung der hohen Qualität der ärztlichen Psychotherapie“ einsetze. Sie forderten deshalb den Vorstand in einem Beschlussantrag auf, dem Referat „Psychotherapie“ eine Ständige Konferenz bei-
zuordnen. Die Bundes­ärzte­kammer-Vizepräsidentin, Dr. med. Cornelia Goesmann, wies darauf hin, dass es bereits einen gemeinsamen Beirat mit der Bundes­psycho­therapeuten­kammer gebe. Auch in anderen Wortmeldungen wurde argumentiert, dass eine solche Ständige Konferenz nicht nötig sei, weil damit der Psychotherapie eine Sonderrolle gegeben werde. Dr. med. Heiner Heister, einer der Antragsteller, sah das jedoch anders: „Die Bundes­psycho­therapeuten­kammer be-
setzt hochprofessionell psychotherapeutische Themen und ist der BÄK meist mehrere Schritte voraus.“ Psychologische Psychotherapeuten und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten konkurrierten nun einmal mit den ärztlichen Psychotherapeuten. Birgit Löber-Kraemer, ebenfalls Antragstellerin, bekräftigte: „Wenn wir jetzt nicht ein Zeichen setzen, ist die Psychotherapie aus unserem Bereich weg.“ Der Vorstand wird sich mit dem Antrag beschäftigen. Petra Bühring


50 Jahre ärztliche Psychotherapie
1956 Integration in die (Muster-)Weiter­bildungs­ordnung (MWBO): Zusatzbezeichnung „Psychotherapie”
1969 Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie
1970 DDR: Facharzt „Psychotherapie”
1978 Zusatzbezeichnung „Psychoanalyse”
1984/87 Einführung der „Psychosomatischen Grundversorgung” in die MWBO
1992 Umbenennung des „Facharztes für Psychiatrie” in „Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie” sowie des „Facharztes für Kinder- und Jugendpsychiatrie” in „Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie”
1992 Aufnahme des „Facharztes für Psychotherapeutische Medizin” in die
MWBO
2003 Umbenennung in „Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie”
2003 Einführung der „Fachgebundenen Psychotherapie” neben der Zusatzweiterbildung „Psychotherapie”
Quelle: Dr. Astrid Bühren, 109. Deutscher Ärztetag

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