POLITIK

Stigmatisierung

PP 5, Ausgabe Juni 2006, Seite 257

Krüger-Brand, Heike E.

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Norman Sartorius: Der erfolgreiche Kampf gegen Stigmatisierung steht und fällt mit unserer Bereitschaft, diesen Kampf zu unserer eigenen Sache zu machen.
Norman Sartorius: Der erfolgreiche Kampf gegen Stigmatisierung steht und fällt mit unserer Bereitschaft, diesen Kampf zu unserer eigenen Sache zu machen.
„Viele Krankheiten sind stigmatisiert, nicht nur psychische. Doch das Stigma psychischer Krankheiten unterscheidet sich von dem anderer Krankheiten.“ Darauf verwies Prof. Dr. med. Dr. phil. Dr. h.c. mult. Norman Sartorius, Wissenschaftlicher Direktor des Weltprogramms gegen Stigma und Diskriminierung der World Psychiatric Association in Genf, in seinem Eingangsreferat. Als Stigma bezeichnet man falsche, in der Regel negative Annahmen über Personengruppen, Individuen oder Dinge, die durch ein bestimmtes Merkmal gekennzeichnet sind (Beispiel: „Psychisch Kranke sind unberechenbar und gefährlich.“). Diese negativen Annahmen oder Vorurteile äußern sich in Einstellungen und im Verhalten – aufgrund ihres Stigmas werden die Betroffenen benachteiligt und herabgesetzt, das heißt diskriminiert. Nach Sartorius sind die Spezifika der Stigmatisierung psychischer Erkrankungen:
- Die Ausbreitungstendenz. So bezieht sich das Stigma auf alles, was mit der psychischen Erkrankung zu tun hat: auf den Patienten, seine Familie, die an der Therapie Beteiligten, die behandelnden Institutionen und die Behandlungsmethoden.
- Die zeitliche Konstanz. Das Stigma psychischer Erkrankungen überdauert Generationen.
- Die Tatsache, dass psychische Störungen oft nicht als Krankheiten, sondern als antisoziales Verhalten interpretiert werden. So werden Depressive beispielsweise häufig als mitverantwortlich für ihre Störung angesehen. Stigmatisierung und Diskriminierung führen dazu, dass viele Betroffene aus Scham und mangelndem Selbstwertgefühl heraus zu spät oder gar nicht Hilfe in Anspruch nehmen und sich zurückziehen. Dies trägt zur Zustandsverschlechterung des Patienten bei und verschärft die Ausprägung der Symptome – ein Teufelskreis für die Patienten.
Zu den Faktoren, die zur Stigmatisierung beitragen, zählen unter anderem die Symptomatik der Erkrankung selbst, die Urbanisierung, die Komplexität der Arbeitswelt (zum Beispiel hohe Arbeitslosigkeit, Stress im Beruf), das Verhalten des medizinischen Personals, die Berichterstattung in den Medien, der geringe Selbstwert der Patienten und ihrer Angehörigen sowie die demographische Entwicklung mit der Verkleinerung der Familie.
Im Gesundheitswesen zeigt sich die Stigmatisierung psychischer Erkrankungen in vielerlei Hinsicht. Weil man psychisch Kranke als „unwert“ betrachte, werde beispielsweise die medikamentöse Behandlung stets als zu teuer erachtet, kritisierte Sartorius. Die Prävalenz psychischer Erkrankungen werde unterschätzt, weil die Krankheit lange versteckt werde und auch die Behandlung im Verborgenen oder überhaupt nicht stattfinde. Darüber hinaus nehmen Patienten aus Angst vor negativen Folgen medizinische Dienste meist nur zögerlich in Anspruch. Psychische Kranke, die auch physisch erkranken, werden häufig schlechter behandelt. Dieses Phänomen ist nach Sartorius weltweit zu beobachten: So stirbt in Asien einer von zwei psychisch Kranken an einer komorbiden somatischen Erkrankung. Hinzu kommt die ungenügende finanzielle Ausstattung von psychiatrisch-psychotherapeutischen Einrichtungen sowie die im Vergleich zur allgemeinmedizinischen Versorgung schlechtere Vergütung psychiatrisch-psychotherapeutischer Leistungen.
Inzwischen gibt es auf internationaler und nationaler Ebene Aktionsbündnisse, die einer Diskriminierung psychisch Kranker entgegenwirken wollen. Beispiele sind das 2002 gestartete „Mental Health Global Action Programme“ der Welt­gesund­heits­organi­sation WHO oder das vom Weltverband für Psychiatrie (WPA) 1996 initiierte Programm „Open the Doors“, an dem sich rund 20 Länder, darunter auch Deutschland, beteiligen. Das Anti-Stigma-Programm der WPA sei nicht als kurzfristig angelegte Kampagne zu verstehen, sondern solle im Hinblick auf die Finanzierung und die Auswahl der Maßnahmen als „normaler Teil“ des Gesundheitsdienstes langfristig in die Gesundheitsprogramme der Länder eingebunden werden, erläuterte Sartorius. „Die Verminderung und sogar die Beseitigung der Stigmatisierung sind heute möglich“, ist Sartorius überzeugt. Die Ziele der Maßnahmen müssten gemeinsam mit allen Betroffenen – Patienten, Betreuern und medizinischem Personal – aus der Praxis heraus bestimmt werden. Die Beteiligung der Ärzte sei hierfür wesentlich. Heike E. Krüger-Brand
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