ArchivDeutsches Ärzteblatt PP6/2006Fotoausstellung: „Ich bin krank, nicht verrückt“

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Fotoausstellung: „Ich bin krank, nicht verrückt“

PP 5, Ausgabe Juni 2006, Seite 259

Klinkhammer, Gisela

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Während des Deutschen Ärztetages wurde mit einer Fotoausstellung für den
natürlichen und verständnisvollen Umgang mit psychisch Kranken geworben.

Mit so einem Psychopathen wollen wir nichts zu tun haben – das war so ein Satz, der mich zu einer Bekloppten stigmatisierte, der höllisch wehtat und mir als Borderlinerin mal wieder zeigte, ich bin nicht liebenswert. Viele Leute glauben, sie seien tolerant, aber wenn sie jemanden treffen, der anders ist, dann sind sie schnell wieder weg. Borderliner wollen immer perfekt sein und nicht auffallen. Irgendeiner muss anfangen, Gesicht zu zeigen. Deshalb sehen Sie mich hier“, sagt die 20-jährige Saskia Reiß von sich selbst in einer Bildlegende.
Die Fotografie ist eine von mehreren Porträts, die während des Deutschen Ärztetages in der Magdeburger Bördelandhalle gezeigt wurden. Die Ausstellung mit den Fotos von Frank Gellert ist ein gemeinsames Projekt der Bundesärztkammer und von „stern gesund leben“. Zu jedem Foto wurden, wie bei Saskia Reiß, der Name, die Erkrankung sowie eine kurze Selbstdarstellung gestellt. So erfuhr man von dem 19-jährigen Frederick Flecken, dass er am Tourette Syndrom leidet. Früher habe er, wenn sein Bein plötzlich zuckte, einfach Karten verteilt, die erläuterten, warum er nicht anders kann. Das sei leichter als alles zu erklären. „Ich finde es gut, wenn mich Leute fragen. Ich kann viel offener sein, wenn sich jemand interessiert. Dem kann ich zeigen: Ich bin krank, nicht verrückt“, wird Flecken zitiert.
Die Ausstellung stand in Zusammenhang mit dem Tagesordnungspunkt II des Ärztetages „Entstigmatisierung psychischer und psychosomatischer Krankheiten“. Immer wieder blieben Delegierte und Gäste vor diesen Fotos von Menschen stehen, die, so die Aussteller, „ein Stigma tragen, das zwar nicht mehr wie in der Antike auf der Stirn prangt – aber wirkt.“ Denn wenn die Psyche krank wird, schweige man lieber, weil selbst die nähere Umgebung ablehnend reagiere. Doch wir lebten schließlich nicht mehr im Mittelalter, sondern bräuchten einen natürlichen und verständnisvollen Umgang mit psychisch Kranken, fordert Dr. med. Astrid Bühren, Ärztin für psychosomatische Medizin und Psychotherapeutin sowie Vorstandsmitglied der Bundes­ärzte­kammer. Anfangen müsse jeder bei sich selbst, indem man psychisch Kranken offen begegnet. Gisela Klinkhammer
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