ArchivDeutsches Ärzteblatt PP6/2006Ludwig Binswanger: Begründer der Daseinsanalyse

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Ludwig Binswanger: Begründer der Daseinsanalyse

PP 5, Ausgabe Juni 2006, Seite 264

Goddemeier, Christof

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LNSLNS Vor 125 Jahren wurde der Psychiater und Psychotherapeut geboren.

Der Name seines Onkels Otto Binswanger ging in die klinische Nomenklatur ein: Als Ordinarius für Psychiatrie in Jena beschrieb er die Binswanger-Krankheit, eine Form der Demenz, bei der langjähriger Bluthochdruck und Arteriosklerose zu einer Schädigung des Gehirns führen. Ludwig Binswanger begründete im Anschluss an Sigmund Freud, Edmund Husserl und Martin Heidegger die „daseinsanalytische Schule der Medizin und Psychiatrie“, heute eine der wichtigen tiefenpsychologischen Lehrmeinungen. Forscher wie Medard Boss haben sich an Binswanger angelehnt und sein Werk weiter ausgebaut.
Der Psychoanalyse freundlich verbunden
Am 13. April 1881 wird Ludwig Binswanger in Kreuzlingen (Schweiz) geboren. Sein Vater leitet hier das Sanatorium Bellevue. 1907 beendet Binswanger sein Medizinstudium mit einer psychiatrischen Dissertation. Durch seinen Doktorvater Carl Gustav Jung wird er auf die Psychoanalyse aufmerksam. Ein „Vollblut-Psychoanalytiker“ wird Binswanger zwar nicht, denn er versteht sich hauptsächlich als Psychiater. Doch bleibt er Sigmund Freud und der Psychoanalyse zeitlebens freundschaftlich verbunden: „Ich kann ruhig sagen, dass meine ganze wissenschaftliche Entwicklung sich (. . .) am Leitfaden philosophischer und wissenschaftlicher Auseinandersetzung mit der Psychoanalyse (. . .) abgespielt hat.“ Während Freud philosophischen Spekulationen eher ablehnend begegnet und Vorannahmen seiner Grundbegriffe nicht im Detail überprüft, bemerkt Binswanger Widersprüche: Teilweise beschreibt Freud die menschliche Seele wie ein Naturding, dann wieder wie ein Subjekt. Was gilt nun? Wenn der Mensch wesensmäßig Person und Ich ist, wird ihm die Analyse als Triebwesen und Libido-Maschine nicht gerecht. So konfrontiert Binswanger in seinem ersten Hauptwerk „Einführung in die Probleme der allgemeinen Psychologie“ (1922) die Psychoanalyse mit der Idee der menschlichen Personalität. Ist eine naturwissenschaftliche Darstellung des Psychischen überhaupt möglich, wünschenswert und praktisch nützlich? Philosophen wie Henri Bergson und Wilhelm Dilthey zeigen eindrücklich, dass jede Seelenmechanik zum Scheitern verurteilt ist. Im Anschluss an diese wendet Binswanger sich gegen den Versuch, Seelisches kausal zu erklären, das heißt es in das Schema von Ursache und Wirkung zu zwängen, was sich in den Naturwissenschaften zweifellos bewährt hat. Wenn die menschliche Persönlichkeit im Rahmen ihrer vielen Bedingungen frei und schöpferisch ist, muss man sich ihr verstehend nähern, ein Hilfsmittel, das seit Dilthey dem „Nachvollziehen von Sinngebilden“ vorbehalten bleibt. Zwar kommen Binswanger zufolge Psychologie und Psychoanalyse nicht ohne den Begriff der Person aus; doch ist die Person nicht als „isoliertes Ich“ zu verstehen, sondern sie lebt in ihren „Ich-Du-Beziehungen“ und indem sie an den überpersönlichen „Wesenheiten der Kultur“ teilhat. Deshalb muss jede psychologische Forschung in Kultur- und Geisteswissenschaft verankert sein.
Als Frucht seiner Beschäftigung mit der philosophisch-literarischen Tradition des Abendlandes legt Binswanger 1942 sein zweites Hauptwerk vor: „Grundformen und Erkenntnis des menschlichen Daseins“. So sehr ihn die Philosophie Heideggers beeindruckt, so deutlich vermisst er in dessen Existenzanalyse die „Daseinsgestalt der Liebe“, für Binswanger die zentrale Kategorie des Menschseins, aus der sich alle anderen Existenzweisen ableiten lassen. So pendelt unser Dasein zwischen den beiden Polen „Welt der Liebe“ und „Welt der Lieblosigkeit“, und je mehr es dem Pol des Liebesmangels zuneigt, desto stärker treten krankmachende Lebensweisen in den Vordergrund.
Der Anwendung von Phänomenologie und Existenzphilosophie bei der
Behandlung psychisch Kranker dient eine Reihe von Abhandlungen, die Binswanger seit den 30er-Jahren verfasst. Hier zeigt er in den Symptomen psychischer Krankheit Abwandlungen der Grundstrukturen des Menschseins auf: Seelische Krankheit verändert die Gestimmtheit des Menschen und vermindert seine Fähigkeit zur „Zeitigung der Existenz“. Heilung heißt dann, den Kranken umzustimmen und ihn zum geschichtlichen Wesen zu machen, das die Verantwortung für seine Existenz übernimmt. „Drei Formen missglückten Daseins – Verstiegenheit, Verschrobenheit, Manieriertheit“ (1956) setzt psychiatrisch-tiefenpsychologisches Denken mit kunstgeschichtlicher Betrachtungsweise in Beziehung. Demnach hat neurotisches und schizophrenes Erleben viele Entsprechungen in der Kultur- und
Geistesgeschichte: Der seelisch kranke Mensch „erfindet“ seine Krankheit nicht selbst, sondern er nimmt vieles aus der ihn umgebenden Kultur auf.
Verantwortung für die Existenz übernehmen
In Jena lernt Binswanger seine Frau Hertha Buchenberg kennen. Das Paar hat sechs Kinder. Nach dem Tod seines Vaters leitet er fast fünfzig Jahre das Sanatorium Bellevue. Weil Binswanger ähnlich schwierig schreibt wie Husserl und Heidegger, sind seine Werke nur schwer in andere Sprachen übersetzbar. Doch nach dem Zweiten Weltkrieg werden sie zunehmend auch in den USA verbreitet. Am 5. Februar 1966 stirbt Ludwig Binswanger 84-jährig in Kreuzlingen. Christof Goddemeier
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