ArchivDeutsches Ärzteblatt PP6/2006Paartherapie: Keine Wertung vornehmen

WISSENSCHAFT

Paartherapie: Keine Wertung vornehmen

PP 5, Ausgabe Juni 2006, Seite 271

Sonnenmoser, Marion

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LNSLNS Elemente der Traumatherapie können bei der Behandlung von Paaren mit Untreueproblematik hilfreich sein.

Psychotherapeuten, die mit Paaren arbeiten, werden regelmäßig mit der Problematik sexueller Untreue konfrontiert. Umfragen zeigen, dass 21 Prozent der Männer und elf Prozent der Frauen Seitensprünge eingestehen. Die Dunkelziffer liegt vermutlich höher, da über Seitensprünge nicht gern gesprochen wird – auch nicht mit Therapeuten. Verantwortlich dafür sind gesellschaftliche und persönliche Wertesysteme, die Monogamie und lebenslange Treue als Garanten des ehelichen Glücks propagieren. Seitensprünge oder außereheliche Verhältnisse stellen diese Wertesysteme infrage. Sie verdeutlichen nicht nur, dass die Vorstellungen der Partner von ihrer aktuellen Beziehung nicht übereinstimmen, sondern sie zeigen auch, dass Werte nicht immer ausreichen, um sexuelle Exklusivität zu garantieren.
Für die Betrogenen ist die Situation in der Regel schwieriger als für die Fremdgänger. Die meisten Betrogenen bekommen einen Schock und erleiden seelische Verletzungen, wenn sie den Treuebruch entdecken oder mitgeteilt bekommen. Mit einem Mal müssen sie alles, was ihnen vertraut und selbstverständlich war, infrage stellen. Sie verlieren ihr Vertrauen in den Partner und zweifeln an ihren Werten. Für sie stürzt eine Welt zusammen. Auch die Fremdgänger leiden, zum Beispiel unter einem schlechten Gewissen, doch insgesamt ist ihr Leidensdruck wesentlich geringer.
Beim Fremdgehen unterscheiden sich die Geschlechter vor allem in den mittleren und älteren Generationen. Während Männer jeden Alters häufiger fremdgehen als Frauen und eher dazu neigen, Seitensprünge zu verharmlosen, lässt die Neigung zum Fremdgehen bei Frauen im höheren Alter deutlich nach. In den jüngeren Generationen gleichen sich die Geschlechter jedoch immer mehr an, was sich darin äußert, dass junge Frauen heutzutage fast genauso häufig fremdgehen wie junge Männer.
Vor allem Männer begründen ihre Untreue oft mit unkontrollierbaren Trieben. Sätze wie „es passierte einfach“ oder „es kam über mich“ zählen daher zu den Standardausreden. Tatsächlich gibt es für Untreue nicht immer einen Anlass oder Auslöser. In den meisten Fällen lässt sich Untreue jedoch auf mindestens einen der folgenden Faktoren zurückführen:
- interne Risikofaktoren: früher Geschlechtsverkehr, frühe Heirat, häufiger Partnerwechsel vor der Ehe, Geburt und Auszug von Kindern, unausgewogenes Machtverhältnis, sehr autonome Partner, Desinteresse an der Beziehung, eheliche Zerrüttung, unerfüllte (sexuelle) Bedürfnisse;
- externe Risikofaktoren: Gelegenheiten, die sich im privaten oder beruflichen Umfeld ergeben, berufliche Tätigkeit mit vielen persönlichen Kontakten, Reisen ohne Partner, Reizerhöhung durch Verbot und Tabuisierung.
Manche Faktoren, wie etwa eine verminderte Beziehungsqualität oder Unzufriedenheit mit dem ehelichen Sexualleben, sind zugleich Ursache und Wirkung sexueller Untreue.
Oftmals Traumasymptome
Die Konfrontation mit sexueller Untreue kommt oft einem Trauma gleich: Die Betrogenen empfinden starke, negative Gefühle, die von Rache über Selbstzweifel, Depressionen, Ausgeliefertsein bis hin
zu Kontrollverlust reichen. Sie verfallen in intensives Grübeln, dass sowohl ihr Leben als auch ihre berufliche Leistungsfähigkeit beeinträchtigt. Darüber hinaus verändern sie ihr Denken über den Partner und verlieren jedes Vertrauen in die Beziehung. Auch auf der Verhaltensebene sind Traumasymptome zu beobachten. Einige Betrogene beenden die Beziehung sofort, andere verdrängen hingegen das Problem und gehen zum Alltag über. Manche werden auch miss-trauisch, ziehen sich zurück, fragen den Partner obsessiv aus oder agieren auf andere Weise extrem und strafend. Zu diesen Symptomen gesellen sich häufig auch unspezifische Depressionen, Ängste und Selbstmordabsichten.
Da die Entdeckung sexueller Untreue zu Symptomen führt, die denen einer posttraumatischen Belastungsstörung sehr ähnlich sind, plädieren Kristina Coop Gordon von der University of Tennessee-Knoxville, Donald Baucom von der University of North Carolina-Chapel Hill und Douglas Snyder von der Texas A&M University dafür, Elemente der Traumatherapie in der Behandlung von Paaren mit einer Untreueproblematik einzusetzen. Das Programm, das die drei US-amerikanischen Psychologen entwickelt haben, basiert auf kognitiver Verhaltenstherapie und sieht drei Behandlungsschritte vor.
1. Schritt. Bewusstwerdung: In der ersten Phase sollen sich die Betroffenen des ganzen Ausmaßes und der Bedeutung ihres interpersonalen Traumas bewusst werden. Sie sollen sich selbst ihre Ängste, Ärger, Misstrauen, Schuldgefühle, Kontrollverlust, Verletzungen und Reaktionen eingestehen. Die therapeutischen Ziele bestehen darin, über die Traumatisierung aufzuklären, den Schaden zu begrenzen und den Patienten bei der Konfrontation mit ihrem Trauma beizustehen. In dieser Phase ist es nach Meinung der Psychologen Elizabeth Allen von der University of Colorado und David Atkins von der Fuller Graduate School of Psychology außerdem hilfreich, eine Bestandsaufnahme der Affäre durchzuführen. Dazu werden die Beteiligten, die Beziehungsqualität und der Kontext analysiert. Außerdem wird ermittelt, wie sich die Affäre entwickelt hat und in welchem Stadium sie sich befindet.
2. Schritt. Verstehen: Die Paare sollen in dieser Phase versuchen, die Ursachen für die Affäre zu ermitteln und ihre Entwicklung nachzuzeichnen. Sie haben dadurch die Chance, sich besser verstehen zu lernen und Fehler zukünftig zu vermeiden. Diese Phase trägt dazu bei, dass die Patienten sich wieder sicherer fühlen, ihre Welt als überschaubar und vorhersehbar erleben und eine zuversichtliche Haltung entwickeln.
3. Schritt. Weiterleben: Die Paare,
insbesondere der betrogene Part, entwickeln in dieser Phase eine neue, ausgewogenere Sicht ihrer Beziehung. Ihre negativen Gefühle sind zwar immer noch vorhanden, aber der Betrogene wird nicht mehr davon gesteuert. Der Betrogene soll in dieser Phase freiwillig das Streben aufgeben, den anderen bestrafen zu wollen. Er kann möglicherweise dem Partner sogar verzeihen. In erster Linie soll er sich jedoch von seinen traumatischen Erfahrungen erholen und eine Zukunftsperspektive entwickeln – mit oder ohne den Partner.
Beziehung nicht um jeden Preis wiederherstellen
Die Behandlung zerrütteter Paare zielt nicht darauf ab, die Beziehung um je-
den Preis wiederherzustellen. Vielmehr bleiben verschiedene Optionen bis zum Schluss offen. „Eine Therapie kann Paaren sowohl dabei helfen, ihre Beziehung in konstruktiver Weise zu beenden, als auch, die nötigen Veränderungen vorzunehmen, um sie fortsetzen zu können“, sagen Gordon, Baucom und Snyder. Eine Therapie trägt außerdem dazu bei, die Perspektive beider Partner darzustellen und dafür zu sorgen, dass die Partner miteinander im Kontakt bleiben. Darüber lernen die Paare Problemlösungs- und Kommunikationstechniken, die es ihnen ermöglichen, sich offen über Beziehungsprobleme auszutauschen. Die gemeinsame Analyse der Affäre schärft zudem die Aufmerksamkeit der Partner für mögliche Risiken und hilft ihnen dabei, diese zu vermeiden. Aufschlussreich für beide Partner sind darüber hinaus Gespräche über ihre Vorgeschichte, Gründe für die Heirat, Einstellungen sowie Werte des Partners. Sie tragen dazu bei, ein realistischeres Bild von der Beziehung und dem Partner zu bekommen. Das Aussprechen mit einer dritten Person kann für die Patienten ebenso entlastend wirken wie die Erfahrung, mit ihren Problemen nicht allein zu sein.
Förderlich für die Therapie ist es, wenn das Paar eine starke emotionale Bindung und ein genuines Interesse daran hat, die Beziehung aufrechtzuerhalten. Sehr hilfreich ist es außerdem, wenn die Partner in der Lage sind, ihre Emotionen zu regulieren. Der Therapeut kann zum Gelingen des therapeutischen Prozesses beitragen, indem er das Vertrauen des Paares gewinnt und ihm einen sicheren Rahmen bietet, der nach außen absolute Schweigepflicht, nach ihnen aber größtmögliche Offenheit und Ehrlichkeit vorsieht. Eine Schwierigkeit sehen Gordon, Baucom und Snyder darin, dass das Wertesystem von Therapeuten in Konflikt geraten kann mit den moralischen Einstellungen und Verhaltensweisen der Patienten. Therapeuten sollten daher auf die Behandlung verzichten, wenn sie es nicht schaffen, beide Partner gleichermaßen zu akzeptieren. Für die Behandlung ist es nämlich unerlässlich, dass der Therapeut keine Wertung vornimmt. Die Patienten dürfen sich nicht beschuldigt fühlen, der Therapeut sollte die Patienten und ihre Taten aber auch nicht entschuldigen. „Nur Therapeuten, die zu beiden Partnern eine ausgewogene, tragende Arbeitsbeziehung aufbauen, können sie durch den langen und oft schmerzhaften Therapieprozess führen“, sagen Gordon, Baucom und Snyder. Dr. phil. Marion Sonnenmoser

Literatur
1. Allen EB, Atkins DC, Baucom DH, Snyder DK, Gordon KC, Glass S: Intrapersonal, interpersonal, and contextual factors in engaging in and responding to infidelity. Clinical Psychology: Science and Practice 2005; 12: 101–30.
2. Allen ES, Atkins DC: The Multidimensional and Deve-
lopmental Nature of Infidelity: Practical Applications. Journal of Clinical Psychology: In Session 2005; 11: 1371–82.
3. Gordon KC, Baucom DH, Snyder DK: Treating Couples Recovering From Infidelity: An Integrative Approach. Journal of Clinical Psychology: In Session 2005; 11: 1393–405.
4. Smith G: Treating Infidelity: Therapeutic Dilemmas And Effective Strategies. Journal of Family Therapy 2006; 2: 105–6.

Kontakt:
Kristina Coop Gordon Ph.D., Dep. of Psychology, 311B Austin Peay Building, University of Tennessee, Knoxville, E-Mail: kgordon1@utk.edu
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