ArchivDeutsches Ärzteblatt PP6/2006Virtual-Reality-Technologien: Weitere Forschung notwendig

WISSENSCHAFT

Virtual-Reality-Technologien: Weitere Forschung notwendig

Eichenberg, Christiane

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LNSLNS Vor- und Nachteile von Virtual-Reality-Technologien für psychotherapeutische Interventionen

Virtual-Reality-Technologien ermöglichen, computerbasierte Modelle der realen Welt zu erstellen, mit denen mittels Mensch-Maschine-Schnittstellen interagiert werden kann. Die Beobachtung, dass virtuelle Reize reale Ängste auslösen, die begleitet sind von physiologischen Symptomen, wie erhöhtem Blutdruck, Schwitzen und Übelkeit, führte dazu, diese modernen Anwendungen auch in das Spektrum therapeutischer Interventionstechniken einzubinden.
Virtual-Reality-Technologien (VR) wurden zunächst in verschiedenen medizinischen Bereichen eingesetzt (8). In der Psychotherapie werden sie insbesondere für die verhaltenstherapeutische Behandlung von verschiedenen spezifischen Phobien angewendet. Nach den lerntheoretischen Annahmen der Verhaltenstherapie muss die furchtauslösende Situation aufgesucht werden, da ansonsten die Vermeidung verstärkt und damit korrektive Erfahrungen verhindert werden. Ziel ist es, unangepasste Konzepte zu revidieren und neues Verhalten zu erlernen. Das Erleben und Aushalten der Angstgefühle stellt somit einen wesentlichen Teil der Therapie dar. Zwei verschiedene Formen der Expositionsbehandlung werden unterschieden: Die Konfrontation mit der angst-besetzten Situation beziehungsweise dem angstauslösenden Objekt in der Realität wird als „In-vivo“-Exposition bezeichnet, die reine Imagination dieser Situationen als „in sensu“. In beiden Varianten kann stufenweise beziehungsweise graduiert konfrontiert werden, das heißt, die Konfrontation beginnt bei wenig angstauslösenden Reizen und wird mit der Zeit gesteigert oder massiv eingesetzt. In diesem Fall werden die Patienten mit ihrer extremsten Angst überflutet („flooding“ beziehungsweise „Implosion“ bei der In-sensu-Konfrontation). Expositionsbehandlungen, die VR-Anwendungen nutzen, gehen somit einen Schritt weiter als Konfrontationen mittels Imagination, denn sie stellen eine dreidimensionale und interaktiv explorierbare Umgebung dar.
Die empirische Forschung zur VR-basierten Konfrontationstherapie begann mit Einzellfallstudien von Patienten mit Höhenangst. So berichteten Rothbaum et al. (11) von einem akrophobischen Studenten, der nach der Vermittlung von Angstbewältigungstechniken fünf therapeutische Sitzungen erhielt, in denen er mehrere virtuelle Umgebungen erlebte und in denen er graduiert immer höhere Ebenen aufsuchen konnte. Auf jeder Ebene nutzte der Student Entspannungstechniken, um an die Höhe zu habituieren. Im Prä-Post-Vergleich zeigte sich eine Verbesserung der Symptome. Auch wenn erste Studien methodische Mängel aufwiesen (zum Beispiel wurden die Effekte der Entspannungstechniken von den Wirkungen der Konfrontationstechniken nicht getrennt), illustrieren sie die grundsätzlichen Vorteile gegenüber traditionellen Konfrontationen: Zum einen sind reale Orte, wie in diesem Falle zum Beispiel hohe Brücken, oft nur
aufwendig zu erreichen, und Passanten könnten die Intervention stören. Zum anderen ermöglichen virtuelle Realitäten die richtige Dosierung des Reizes und das Aufsuchen der angstauslösenden Situationen in einer sicheren Umgebung, die individuell nachmodelliert werden kann. Das therapeutische Potenzial von VR-Konfrontation als Teil eines verhaltenstherapeutischen Ansatzes bei höhenängstlichen Personen konnten Emmelkamp et al. (5, 6) in einer Studienserie mit randomisiertem Design erhärten. Weitere Studien beschäftigen sich mit anderen spezifischen Phobien. In Einzelfallstudien wurden von erfolgrei-
chen Behandlungen von Spinnenphobie (3) und Klaustrophobie (1) berichtet.
Kontrollierte Studien liegen unter anderem zur sozialen Phobie (zum Beispiel 11, 15) und zur Flugangst (zum Beispiel 12, 15) vor. Bei der Behandlung von Flugangst sprechen einige dieser spezifischen angstimmanenten Eigenheiten konzeptionell für denn Einsatz von VR. So ist der logistische und finanzielle Aufwand im Vergleich zu einer In-vivo-Konfrontation geringer und die Privatheit und Vertraulichkeit der Behandlung im Gegensatz zur Exposition während eines regulären Linienflugs höher (14).
Auch für andere Störungsbilder wurde der Einsatz von VR-Unterstützung in der Therapie ebenso geprüft (zum Beispiel bei Essstörungen von Riva et al. [10]; zur Übersicht weiterer Störungen siehe Botella et al. [2]; Schubert & Regenbrecht, [14]). Bei manchen Konzepten muss die ethische Vertretbarkeit jedoch infrage gestellt werden. Vietnamveteranen mit schwerer posttraumatischer Belastungssymptomatik per VR authentisch nachgestellten Kriegssituationen auszusetzen (12) oder bei Personen, die den Terroranschlag auf das World Trade Center in New York erlebt haben, die dramatische Situation virtuell nachzustellen (4), inszeniert eine Form der Konfrontation, die nach dem Stand der Forschung zur Therapie von traumatisierten Patienten kontraindiziert ist. Dem Wiedererleben und Durcharbeiten der traumatischen Erfahrung müssen stets verschiedene Phasen (unter anderem Stabilisierung, Aufbau eines tragfähigen Arbeitsbündnisses, Phase der Gestaltbildung, in der die traumatische Situation in ihrem äußeren Ablauf einen Umriss und damit eine Begrenzung erfährt) vorangehen (7). All diese Phasen wurden in den zitierten Studien in der Behandlung nicht berücksichtigt und bergen daher mehr die Gefahr einer Retraumatisierung als einer produktiven Aufarbeitung der traumatischen Erfahrung.
Befunde ergänzungsbedürftig
Die Einbindung von VR-Anwendungen in die Psychotherapie bringt Vorteile und Nachteile mit sich (siehe Kasten). Virtuelle Realitäten sind nach ersten Studien ein wirkungsvolles Instrument im Rahmen der verhaltenstherapeutischen Behandlung von Angststörungen. Es existieren keine Hinweise, dass beispielsweise die Behandlung von Höhen- und Flugangst mittels VR weniger effektiv ist als herkömmliche Exposition in vivo. Dennoch sind die vorliegenden Befunde ergänzungsbedürftig: Die Anzahl der Studien sowie die Stichprobengröße sind zu gering, um allgemeine Aussagen treffen zu können. Zudem fehlen langfristige Katamnesen. Dar-über hinaus wäre die Untersuchung von Persönlichkeitsvariablen (zum Beispiel Einstellungen gegenüber der Technik, Realitäts- und Identitätsverständnis, Imaginationsfähigkeit) als mögliche Moderatoren wichtig.

Literatur
 1. Botella C, Baños RM, Perpiña C, Villa H, Alcaniz M, Rey A: Virtual reality treatment of Claustrophobia: a case report. Behaviour Research and Therapy 1998; 36: 239–46.
 2. Botella C, Quero S, Baños RM, Perpiña C, Garcia-Palacios A, Riva G: Virtual Reality and Psychotherapy. In:
Riva G, Botella C, Légeron P, Optale G (Hrsg.): Cyber-therapy, Internet and Virtual Reality as Assessment and Rehabilitation Tools for Clinical Psychology and Neuroscience 2004. Amsterdam: IOS Press.
 3. Carlin AS, Hoffman HG, Weghorst S: Virtual reality and tactile augmentation in the treatment of spider phobia: a case study. Behaviour Research and Therapy 1997; 35: 153–8.
 4. Defede J, Hunter HG: Virtual Reality Exposure Therapy for World Trade Center Posttraumatic Stress Disorder: A Case Report. Cyberpsychology & Behavior 2002; 6: 529–35.
 5. Emmelkamp P, Bruynzel M, Drost L, van der Mast C:
Virtual reality treatment in acrophobia: a comparison with exposure in vivo. Cyberpsychology and Behavior 2001; 4: 335–41.
 6. Emmelkamp P, Krijn M, Hulsbosch L, de Vries S, Schuemie MJ, van der Mast C: Virtual reality treatment versus exposure in vivo: a comparative evaluation in acrophobia. Behavior Research and Therapy 2002: 509–16.
 7. Fischer G: Mehrdimensionale Psychodynamische Traumatherapie MPTT. Manual zur Behandlung psycho-
traumatischer Störungen. Heidelberg: Asanger 2000.
 8. Kaltenborn K-F: Virtuelle Realität – Anwendungen, Möglichkeiten und Grenzen einer neuen Computertechnologie. Biomedical Journal 1994; 39: 4–14.
 9. Klinger E, Bouchard S, Legeron P, Lauer F, Chemin I, Nugues P: Virtual Reality Therapy versus Cognitive Behaviour Therapie for Social Phobia: A Preliminary Controlled Study. Cyberpsychology and Behaviour 2005; 1: 76–88.
10. Riva G, Bacchetta M, Baruffi M, Molinari E: Virtual Reality-Based Multidimensional Therapy for the Treatment of Body Image Disturbances in Obesity: A Controlled Study. Cyberpsychology & Behavior 2001; 4: 511–26.
11. Rothbaum BO, Hodges LF, Kooper R, Opdyke D, Williford J, North M: Virtual reality graded exposure in the treatment of acrophobia: a case report. Behavior Therapy 1995; 26: 547–54.
12. Rothbaum BO, Hodges LF, Alarcon R, Ready D, Shahar F, Graap K, Paor J, Hebert P, Gotz D, Willis B, Baltzell D: Virtual reality exposure therapy für PTSD Vietnam veterans: A case study. Journal of Traumatic Stress 1999; 12: 263–71.
13. Roy S, Klinger E, Légeron P, Lauer F, Chemin I, Nugues P: Definition of a VR-Based Protocol to Treat Social Phobia. CyberPsychology & Behavior 2003; 6, 4: 411–20.
14. Schubert T, Regenbrecht H: Wer hat Angst vor virtueller Realität? Angst, Therapie und Präsenz in virtuellen Welten. In: Bente G, Krämer N, Petersen A (Hrsg.): Virtuelle Realitäten. Göttingen: Hogrefe 2002: 255–74.
15. Wiederhold BK, Gevirtz RN, Spira JL: Virtual Reality Exposure Therapy vs. Imagery Desensitization Therapy in the Treatment of Flying Phobia. In: Riva G, Galimberti C (Hrsg.): Towards CyberPsychology: Mind, Cognitions and Society in the Internet Age (Cap. 14). Amsterdam, IOS Press 2003.

Dr. Christiane Eichenberg, Dipl.-Psych.
Institut für Klinische Psychologie und Psychotherapie, Universität zu Köln, Höninger Weg 115, 50969 Köln,
E-Mail: eichenberg@uni-koeln.de, Internet: www.christia neeichenberg.de


Vor- und Nachteile von Virtual-Reality-Anwendungen in der Psychotherapie

Vorteile
- Ermöglicht oder erhöht die Bereitschaft mancher Patienten zur Angstexposition
- Subjektiv erhöhtes Sicherheitsgefühl
- Stärkere Kontrolle über die dargebotenen Stimuli
- Privatere Atmosphäre im Gegensatz zu Expositionen in der Öffentlichkeit
- Ökonomie: geringer logistischer und finanzieller Aufwand (zum Beispiel bei Flugangst)
- Bei eingeschränkter Visualisierungsfähigkeit kann die medienunterstützte Darbietung von Reizen die Imagination der angstauslösenden Situationen fördern.

Nachteile
- Potenziell negative Effekte (zum Beispiel „Simulatorkrankheit“)
- Technische Ausrüstung bisher kaum erschwinglich: VR-Technologien haben keinen Eingang in die alltägliche Praxis von Verhaltenstherapeuten gefunden.
- VR-Behandlungen sind nicht so weit verbreitet, dass interessierte Patienten dieses Angebot breitflächig nutzen könnten.
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