ArchivDeutsches Ärzteblatt45/1996Börsebius & Märkte: Was Gerüchte so anrichten

VARIA: Schlusspunkt

Börsebius & Märkte: Was Gerüchte so anrichten

Dtsch Arztebl 1996; 93(45): [32]

Rombach, Reinhold

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LNSLNS Gerüchte sind auch nicht mehr das, was sie mal waren. Zumindest kann man sich in deutschen Börsensälen nicht mehr auf sie verlassen. Beispiele hierzu gibt es zur Genüge.
Die Vereinigten Wirtschaftsdienste VWD meldeten dieser Tage aufgeregt über ihre Ticker, daß bei der Deutschen Babcock ein Konkurs unmittelbar bevorstünde. Binnen Sekunden stürzte die Börsennotiz unter 40 Mark, und der Vorstand mußte flugs verkünden, dies sei alles völliger Quatsch, und die Märkte seien einer Ente aufgesessen. In der Tat scheint es bei der Deutschen Babcock so zu sein, daß interessierte Kreise den Kurs nach "unten sprechen" wollen, um billig an die Papiere zu kommen.
Auf der anderen Seite stiegen dieser Tage die Kurse einiger Chemietitel gleich um zwei bis drei Prozent aufgrund der Nachricht, es sei bald möglich, daß Unternehmen auch in Deutschland ihre eigenen Aktien zurückkaufen können. In Windeseile fingen die Finanzanalysten das Rechnen an, welche AG denn furchtbar viel Geld in der Kasse habe und welche Aktien dieser Spezies eigentlich unterbewertet seien. So kamen die Herren Experten schnell auf die Chemiebranche, und dementsprechend schossen die Kurse nach oben.
Über die Sinnhaftigkeit einer solchen Nachricht wurde offenbar nicht lange nachgedacht. Schon gar nicht über den Realisierungszeitpunkt. Wenn überhaupt, kommt eine solche einschneidende Änderung des Aktienrechtes erst in Jahren zustande.


Der Markt ist überhitzt
Wenn man überdies bedenkt, daß die Märkte lediglich auf das Hirnschmalz der "Koalitionsarbeitsgruppe zur Verbesserung der Kontrolle und Transparenz im Unternehmensbereich" reagierten, dann mag ein gewisses Staunen über das begierige Aufgreifen einer bloßen Absichtserklärung durchaus angebracht sein. In dieser Arbeitsgruppe geht es nämlich zunächst nur einmal darum, sich zum Beispiel über die Effizienz von Aufsichtsräten Gedanken zu machen.
Was mich völlig verblüfft: Die Pläne der Bundesregierung, Aktienkursgewinne künftig zu besteuern, haben an der Börse zu keinerlei negativen Reaktionen geführt. Normalerweise hätte ein solcher Hammer zu drastischen Kursabschlägen führen müssen.
Die Konsequenz aus alledem? Wenn die Börse die "passenden" Gerüchte mit Kurssteigerungen honoriert und die eher unbequemen ignoriert, dann ist das ein Zeichen eines völlig überhitzten und ungesunden Marktes. Das Ende der Hausse folgt in solchen Fällen meist auf dem Fuße. Börsebius

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