ArchivDeutsches Ärzteblatt PP6/2006Entschließungen zum Tagesordnungspunkt II: Behandlung von Menschen mit psychischen und psychosomatischen Erkrankungen: gegen Stigmatisierung – für Stärkung der ärztlichen Psychotherapie

DOKUMENTATION: Deutscher Ärztetag

Entschließungen zum Tagesordnungspunkt II: Behandlung von Menschen mit psychischen und psychosomatischen Erkrankungen: gegen Stigmatisierung – für Stärkung der ärztlichen Psychotherapie

PP 5, Ausgabe Juni 2006, Seite 280

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LNSLNS Aktive Bekämpfung der Stigmatisierung und Diskriminierung von Menschen mit psychischen Erkrankungen
(1) Psychische Erkrankungen als eine der häufigsten Gesundheitsstörungen werden im Hinblick auf ihre gesundheitspolitische und volkswirtschaftliche Bedeutung für die Weltbevölkerung ein immer größer werdendes Problem:
Nach dem World-Health-Report der Welt­gesund­heits­organi­sation (WHO) (2001) stellen allein Depressionen bereits jetzt mit annähernd zwölf Prozent einen gewichtigen Anteil an den weltweit führenden Ursachen für durch Behinderung beeinträchtigte Lebensjahre. Unter den zehn wichtigsten Erkrankungen befinden sich außerdem Abhängigkeitserkrankungen, Schizophrenien und bipolare Störungen. Selbstmorde sind die zweithäufigste Todesursache bei Jugendlichen. Aufgrund der Überalterung der Bevölkerung ist in den nächsten Dekaden außerdem mit einem erheblichen Anstieg demenzieller Erkrankungen zu rechnen. Diese Daten spiegeln sich auch in den epidemiologischen Studien in Deutschland wider, wie sie in dem vom Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium beauftragten „Bundesgesundheitssurvey“ publiziert wurden. Der hohe Stellenwert psychischer Erkrankungen verdeutlicht sich u. a. in der Tatsache, dass inzwischen psychische Störungen die häufigste Ursache für Frühberentungen darstellen. Nach Schätzungen der Weltbank verursachen unter den psychischen Störungen depressive Erkrankungen die höchsten Gesundheitskosten. Die direkten Kosten für die Behandlung der Depression in Deutschland werden auf eine Höhe von vier Milliarden Euro geschätzt.
(2) Die Behandelbarkeit psychischer Erkrankungen hat sich in den letzten zwei Jahrzehnten entscheidend verbessert:
Die Mehrzahl aller Patientinnen und Patienten hat bei kompetenter Behandlung eine gute Chance auf Heilung oder eine entscheidende Besserung ihres Krankheitsbildes. Dies wurde durch ein zunehmend differenziertes Spektrum von sozialpsychiatrischen Maßnahmen Soziotherapien, Psychotherapieverfahren und Psychopharmaka, z. B. bei Angsterkrankungen, Essstörungen, Zwangserkrankungen, Depressionen, Persönlichkeitsstörungen, möglich. Vor allem im Kindes- und Jugendalter bestehen bei frühzeitiger Behandlung einer emotionalen oder psychosozialen Störung gute Heilungschancen. Auch die bei psychischen Erkrankungen häufig zu erwartenden Rezidive lassen sich bei konsequenter Behandlung inzwischen deutlich reduzieren. Selbst bei prognostisch eher ungünstigeren Erkrankungen wie der Schizophrenie gelingt es wesentlich häufiger, die Krankheit, wenn auch nicht zu heilen, so doch deutlich abzumildern und damit eine unabhängige, selbstständige Lebensführung zu ermöglichen.
(3) Trotz guter Heilbarkeit von psychischen Krankheiten sind die von ihnen direkt Betroffenen, ihre Angehörigen und die in der psychiatrisch-psychotherapeutischen Versorgung Beschäftigten subtilen und offensichtlichen Stigmatisierungen und Diskriminierungen auf allen gesellschaftlichen Ebenen ausgesetzt.
Die Geringschätzung der Heilbarkeit von psychischen Erkrankungen zeigt sich in der medialen Berichterstattung, im gesellschaftlichen Umfeld bis hin zu den privaten Krankenversicherern, Lebensversicherern und Berufsunfähigkeitsversicherern, die es ablehnen, mit denjenigen, die eine Psychotherapie in ihrer Vorgeschichte haben – selbst bei Ausschluss der psychischen Krankheit aus dem Leistungskatalog – einen Vertrag abzuschließen. Die in epidemiologischen Studien festgestellte niedrige Diagnoserate psychischer Erkrankungen im primären Versorgungssystem führt zu einer Verzögerung der Erstbehandlung mit der Konsequenz einer potenziellen Verschlechterung des Krankheitsverlaufs. Dies kann darauf hinweisen, dass Ärztinnen und Ärzte die Diagnose hinausschieben, um eine mögliche spätere Stigmatisierung der Patientinnen und Patienten zu umgehen. Psychose-Erkrankte werden generell als überdurchschnittlich gewalttätig eingeschätzt. An Depressionen oder an Alkoholismus Erkrankte werden als selbstschuldhaft und verantwortlich angesehen. Seelisch labile und gestörte Kinder sind oft in der Schule dem Mobbing ausgesetzt, wobei sich meist hinter den Aggressionen gegen diese die Abwehr eigener Ängste der Angreifer verbirgt. Eltern von psychisch kranken Kindern wird entgegen der wissenschaftlichen Kenntnis oft eine generell fehlerhafte Erziehung unterstellt.
(4) Für Deutschland ist belegt, dass ein großer Teil von Patientinnen und Patienten aus Scham wegen einer psychischen Erkrankung zu spät oder keine ärztliche Hilfe in Anspruch nimmt.
Sie leben mit der Angst, durch eine psychiatrisch-psychotherapeutische Behandlung zusätzlich stigmatisiert zu werden. Dies wiederum erhöht die Schwelle für die Patientin und den Patienten zur Inanspruchnahme einer fachkompetenten Behandlung deutlich. Besonders nachteilig wirkt sich die strukturelle Diskriminierung dieser Menschen im persönlichen Lebensumfeld, am Arbeitsplatz, auf dem Wohnungsmarkt oder in der Schule aus. Stationäre Aufenthalte und laufende Behandlungen werden vor den Arbeitskollegen, der Klasse und der Verwandtschaft geheim gehalten. Diese Umstände tragen ebenso wie ihre soziale Isolation zu einer Verschlechterung des Gesundheitszustandes und – damit verbunden – auch zu steigenden Gesundheitskosten bei. Die Tatsache, dass psychisch Erkrankte oft diese Stigmatisierung und Diskriminierung selbst übernehmen und dadurch ihr Leiden intensivieren, wurde bereits als „zweite Erkrankung“ bezeichnet (im Englischen: „self-stigma“ gegenüber „public-stigma“). Ähnliche Erfahrungen machen häufig auch die Angehörigen, die sich dadurch als Außenseiter der Gesellschaft erleben.
(5) International und national wird die Bekämpfung von Stigmatisierung und Diskriminierung als ein zentrales Ziel in der Versorgung und Behandlung psychisch Erkrankter angesehen.
Aus diesem Grund haben die Welt­gesund­heits­organi­sation, die World Psychiatric Association (WPA), die Ge­sund­heits­minis­ter­kon­fe­renz der EU, die Europäische Kommission und viele nationale Gesellschaften, z. B. in Großbritannien, Australien, aber auch in der Bundesrepublik Deutschland u. a. durch die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN), Aktionsprogramme ins Leben gerufen.
Der 109. Deutsche Ärztetag stellt folgende Forderungen:
- Der Gesetzgeber wird aufgefordert, die Gleichstellung und Gleichbehandlung psychisch Kranker in allen Bereichen des öffentlichen Lebens zu gewährleisten, damit es auch in Deutschland gelingt, die Lebens- und Behandlungssituation von psychisch Kranken und ihren Familien entscheidend zu verbessern.
- Für seelisch kranke und (teil-)stationär behandelte Kinder ist in allen Bundesländern der kontinuierliche Schulunterricht entsprechend der Belastbarkeit sicherzustellen.
- Gesetzliche Kran­ken­ver­siche­rung (GKV) und Kassenärztliche Vereinigungen werden gemäß § 72 SGB V aufgefordert, § 27 Abs. 1 Satz 3 SGB V (Bei der Krankenbehandlung ist den besonderen Bedürfnissen psychisch Kranker Rechnung zu tragen.) in seinen Erfordernissen ausdrücklich zu beachten und die Versorgung psychisch Kranker durch Vertragsärzte mit zusätzlichen Mitteln im Rahmen oder außerhalb der Gesamtvergütung der Kassenärztlichen Vereinigungen zu unterstützen.
- Die Kran­ken­ver­siche­rungs- und Rehabilitationsträger werden aufgefordert – im Sinne des Sozialgesetzbuches IX „Rehabilitation und Teilhabe behinderter Menschen“ –, verbessert trägerübergreifend für psychisch Erkrankte tätig zu werden. Die Patientinnen und Patienten einschließlich ihrer Familien müssen ohne Unterbrechung – auch bei Trägerwechsel – begleitet werden, beginnend vom Therapieplatz bis zur Wiedereingliederung am Arbeitsplatz und in der Schule oder beim Finden eines Heimplatzes.
- Die Gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung wird aufgefordert, die Umsetzung der häuslichen psychiatrischen Krankenpflege und der Sozialpsychiatrie-Vereinbarung der Soziotherapie zu gewährleisten sowie Menschen mit psychischen Erkrankungen im Sinne des § 44 SGB IX den Zugang zum Rehabilitationssport zu ermöglichen und zu finanzieren. Wissenschaftliche Studien beweisen, dass Rehabilitationssport nachweislich psychisch kranken Menschen hilft. Sie dürfen nicht gegenüber Menschen mit anderen Behinderungen diskriminiert werden.
- Die privaten Krankenversicherer, Lebensversicherer und Berufsunfähigkeitsversicherer werden aufgefordert, ihre bisherigen restriktiven Aufnahmevoraussetzungen insbesondere bei Menschen aufzugeben, die bereits eine Psychotherapie in ihrer Anamnese aufweisen oder von einer psychischen Krankheit betroffen waren und geheilt sind. Sie dürfen nicht gegenüber anderen Kranken benachteiligt werden.
- Ärztliche Organisationen und Lan­des­ärz­te­kam­mern sind aufgerufen, eine angemessene Vermittlung der Stigmatisierungsproblematik und ihre Überwindungsmöglichkeiten in der Aus-, Weiter- und Fortbildung von Ärztinnen und Ärzten und anderen medizinischen Professionen vorzusehen.
- Der Deutsche Ärztetag appelliert an alle Ärztinnen und Ärzte, sich konsequent dafür einzusetzen, dass alle psychisch Kranken die Möglichkeit erhalten, einen gleichberechtigten niederschwelligen Zugang zu allen verfügbaren Therapiemöglichkeiten zu bekommen und damit die indizierte Inanspruchnahme aller psychiatrisch-psychotherapeutischen Hilfssysteme deutlich zu erleichtern. Dies betrifft auch Menschen aus Zuwanderergruppen, die den Zugang oft nur mithilfe interkultureller Vermittler finden.
- Die Ärzteschaft ist gefordert, sich als Interessenvertreterin ihrer Patientinnen und Patienten zu verstehen und – gemeinsam mit Patienten- und Angehörigenverbänden – gegen nachweisliche strukturelle Benachteiligungen einzutreten.
Der 109. Deutsche Ärztetag begrüßt vor diesem Hintergrund die internationalen und europäischen Aktionsprogramme gegen Stigmatisierung und Diskriminierung von psychisch Kranken und unterstützt insbesondere das unter der Schirmherrschaft der Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­terin Ulla Schmidt stehende „Nationale Aktionsbündnis für seelische Gesundheit“ der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde und weitere Aktionsprogramme wie „Open the Doors“ oder das „Düsseldorfer Bündnis Depression“ der Ärztekammer Nordrhein sowie weitere Aktionsbündnisse „Depression“. Ferner begrüßt der 109. Deutsche Ärztetag die sich an Schüler wendenden Aktionen, wie die von „Irre menschlich e. V.“, sowie weitere Aktivitäten der kinder- und jugendpsychiatrischen Fachgesellschaften, wie das bundesweite Netzwerk ADHS.

Diskriminierung psychisch Kranker in der privaten Kran­ken­ver­siche­rung
In der Regel führt die Diagnose „Psychische Erkrankung“ (darunter auch Suchterkrankung) dazu, dass die privaten Versicherer bei Antrag auf Aufnahme in die Versicherung Leistungen ausschließen oder Risikozuschläge erheben. Aus diesem Grund unterlassen die Patienten eine dringend notwendige Behandlung und verursachen so die Chronifizierung der Erkrankungen und zum Teil erhebliche berufliche Schäden.
Die Delegierten des 109. Deutschen Ärztetages fordern, dass die Diskriminierung psychisch kranker Menschen durch die privaten Krankenversicherer beendet und stattdessen die Aufnahme in die Versicherung ermöglicht wird.

Stärkung und Förderung der psychiatrisch-psychosomatisch-psychotherapeutischen Kompetenz im ärztlichen Handeln
Psychische und psychosomatische Erkrankungen gehören zu den häufigsten Gesundheitsstörungen der Bevölkerung. Während im somatischen Bereich die Arbeitsunfähigkeitstage abnehmen, steigen sie im Bereich psychischer und psychosomatischer Erkrankungen kontinuierlich an. Psychische und psychosomatische Erkrankungen sind inzwischen auch die Hauptursache für Frühberentung. Der Stärkung der Prävention, Erkennung, Behandlung und Rehabilitation psychischer und psychosomatischer Erkrankungen in allen Sektoren ärztlichen Handelns kommt deshalb eine herausragende Bedeutung zu.
Psychosoziale Kompetenzen waren schon immer integraler Bestandteil des ärztlichen Handelns. Sie drohen jedoch aus vielfältigen Gründen aus der Medizin zusehends verdrängt zu werden. Gründe hierfür sind die zunehmende Bedeutung der apparativen Medizin, der zunehmende Zeitdruck in Klinik und Praxis u. a. durch den Dokumentationsaufwand, der immer weniger Raum für den direkten Patienten-Kontakt lässt, aber auch die Ausrichtung der Abrechnungssysteme, die psychosoziale und kommunikative Aspekte der ärztlichen Tätigkeit nicht ausreichend honorieren. Auf der anderen Seite legen Patientinnen und Patienten größten Wert darauf, dass sich ihr Arzt und ihre Ärztin viel Zeit für das Gespräch nimmt, was erwiesenermaßen auch zu einer höheren Sicherheit bei der Diagnosestellung somatischer, psychischer und psychosomatischer Erkrankungen und damit zu höherer klinischer Effektivität führt. Eine gute Arzt-Patienten-Beziehung und damit einhergehend das therapeutische Gespräch haben bei Patientinnen und Patienten einen hohen Stellenwert. Finden sie diese Kompetenzen und Fertigkeiten nicht mehr in der Medizin, besteht die Gefahr, dass die Patienten und Patientinnen in paramedizinische Bereiche, beispielsweise zum Heilpraktiker ausweichen, um dort eine vermeintlich umfassendere, das heißt auch ihre psychosozialen Bedürfnisse berücksichtigende Behandlung zu finden. Hier besteht das Risiko der Deprofessionalisierung der ärztlichen Heilkunst. Hingegen führt die Beachtung psychosozialer Aspekte zu höherer beruflicher Zufriedenheit im ärztlichen Beruf und kann dazu beitragen, dass der ärztliche Nachwuchs wieder stärker motiviert ist, nach der Approbation auch tatsächlich in der Krankenversorgung tätig zu werden. Psychosoziale Kompetenz des Arztes und der Ärztin ist in allen medizinischen Bereichen mit direktem Patientenkontakt erforderlich und verdient systematisch reflektiert und erlernt zu werden.
Die Psychotherapie als Behandlungsverfahren droht ebenfalls aus der ärztlichen Tätigkeit verdrängt zu werden. Obwohl ein großer Behandlungsbedarf bei psychisch und psychosomatisch Kranken besteht, hat die Anzahl ärztlicher Psychotherapeuten in den letzten Jahren abgenommen. Dieser Trend wird sich vermutlich fortsetzen. Auch hier droht dem medizinischen Versorgungsbereich, dass die ärztliche Psychotherapie als Behandlungsverfahren gegenüber dem nichtärztlichen Versorgungsbereich an Bedeutung verliert. Andererseits muss im Interesse von Patientinnen und Patienten gewährleistet bleiben, dass die komplexe Behandlung psychischer Störungen und der somatischen Aspekte von Erkrankungen ausschließlich in ärztlicher Hand bleiben, einschließlich Krankschreibungen, medikamentöser Behandlung und Krankenhauseinweisung. Ziel muss es sein, abgestuft auf allen Behandlungsebenen, z. B. neben der Psychosomatischen Grundversorgung weiterhin den Bereich Psychotherapie bzw. die fachgebundene Psychotherapie bedarfsgerecht in allgemein- und fachärztliche Behandlungskonzepte einzubeziehen. Beispielhaft baut die Gesellschaft für Psychosomatische Frauenheilkunde und Geburtshilfe selbst ein Weiterbildungsinstitut Psychosomatische Frauenheilkunde zur Vermittlung der Weiterbildungsinhalte für die fachgebundene Psychotherapie auf.
Ärztliche Psychotherapie kommt in unterschiedlicher Form zur Anwendung.
1. Die „Psychosomatische Grundversorgung“
qualifiziert Ärztinnen und Ärzte im primären
Versorgungssystem zu einer frühen Erfassung
psychosomatischer Faktoren im allgemein- und im fachärztlichen Bereich, die für die weitere medizinische Behandlung bedeutungsvoll ist. Die Ärztinnen und Ärzte mit dieser Qualifikation haben eine Screening-Funktion und können z. B. psychosoziale Interventionen und Entspannungsverfahren therapeutisch anwenden. Die systematische Beachtung der Arzt-Patient-Interaktion zur Herstellung und Absicherung einer guten Compliance erlaubt es, auch psychische Gesichtspunkte zu thematisieren und einen Perspektivwechsel beim Patienten auf seine Erkrankung einzuleiten. Eine große Gruppe dieser bisher derart qualifizierten Ärztinnen und Ärzte sind z. B. Fachärzte für Allgemeinmedizin, für Innere Medizin sowie für Kinder- und Jugendmedizin. Diese Gruppe stellt mehr als die Hälfte aller niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte dar.
2. Die bisherige Zusatz-Weiterbildung und die im Jahr 2003 in die (Muster-)Weiter­bildungs­ordnung eingeführte fachgebundene Psychotherapie erweitern die ärztliche Weiterbildung in den so genannten somatischen Fächern um die psychiatrischen, psychosozialen und psychosomatischen Kompetenzen. Diese dienen einer besseren Versorgung von Patientinnen und Patienten mit psychischen und psychosomatischen Störungen im hausärztlichen und somatisch-fachärztlichen Bereich und einer gegebenenfalls bedarfsgerechten Indikationsstellung für eine fachärztliche Psychotherapie und deren Durchführung. Patienten und Patientinnen lassen sich eher auf ein Gespräch über mögliche psychische und psychosomatische Aspekte ihrer Beschwerden ein, wenn schon eine vertrauensvolle Arzt-Patient-Beziehung besteht.
3. Ärztinnen und Ärzte der Gebiete Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatische Medizin und Psychotherapie sowie Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie sind qualifiziert, Prävention, Diagnostik, Therapie und Rehabilitation primär psychischer sowie psychosomatischer Erkrankungen entweder bei Kindern, Jugendlichen oder bei Erwachsenen durchzuführen. Zur Anwendung kommen im GKV-System auch die Verfahren der so genannten Richtlinien-Psychotherapie, d. h. Tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie, Psychoanalytische Therapie, Verhaltenstherapie.
Der Deutsche Ärztetag stellt daher nachfolgend angeführte Forderungen:
- Der Deutsche Ärztetag fordert die Bundesregierung auf, nicht nur Kostendämpfung zu betreiben bzw. Spargesetze zu erlassen, sondern der Ärzteschaft auch die Möglichkeit zu eröffnen, den bereits praktizierenden Ärztinnen und Ärzten sowie auch dem ärztlichen Nachwuchs in Klinik und Praxis durch intensive Förderung der psychosozialen Kompetenz und der aktiven Unterstützung durch die Krankenkassen eine Medizin zu praktizieren, die wieder bewusst Heilkunst für Körper und Seele bringt.
- Der Deutsche Ärztetag fordert die Bundes­ärzte­kammer auf, sich angesichts der großen gesundheitspolitischen Herausforderung durch die zunehmenden psychischen und psychosomatischen Erkrankungen verstärkt in Benehmen mit Fachgesellschaften und Berufsverbänden für folgende Aktivitäten einzusetzen:
– eine Publikation einer themenbezogenen Fortbildungsreihe im Deutschen Ärzteblatt,
– die Schaffung von Transparenz durch präzise Benennung von Institutionen der ärztlichen und psychologischen Berufsgruppen,
– die Hilfestellung bei berufs- und arbeitsrechtlichen Belangen von Ärztinnen und Ärzten in den neuen Versorgungsstrukturen; z. B. sollte eine Anstellung von Ärzten bei Psychologen nicht möglich sein. Bei solchen Verträgen ist das Berufsrecht zu beachten. Ärzte dürfen in medizinischen Belangen nicht Weisungen von Nicht-Ärzten unterstehen.
- Der Deutsche Ärztetag fordert die Bundes­ärzte­kammer und die Lan­des­ärz­te­kam­mern auf, in ihren Weiterbildungsgremien – entsprechend der Forderung der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften – sich mit den Weiterbildungsinhalten der (Muster-)Weiter­bildungs­ordnung im Hinblick auf psychische und psychosomatische Erkrankungen für alle patientenbezogenen Gebiete zu befassen, um die psychiatrische, psychosomatische und psychotherapeutische Kompetenz im alltäglichen ärztlichen Handeln in Klinik und Praxis zu stärken. Der Deutsche Ärztetag empfiehlt, die Weiterbildungsinhalte der bisherigen „Psychosomatischen Grundversorgung“ zu überarbeiten und zu aktualisieren, um den veränderten Versorgungsbedürfnissen gerecht zu werden. Damit die Inhalte dieser Weiterbildung wiedergegeben werden, soll durch die zuständigen Fachgremien geprüft werden, die Bezeichnung „Psychosomatische Grundversorgung“ in „Grundversorgung psychischer und psychosomatischer Erkrankungen“ zu ändern. Es muss darüber nachgedacht werden, die Kurs-Weiterbildung „Grundversorgung psychischer und psychosomatischer Erkrankungen“ für alle patientenbezogenen Gebiete als Bestandteil von deren Weiterbildung vorzusehen, wobei der Umfang der Kurs-Weiterbildung entsprechend der spezifischen Anforderungen des jeweiligen Gebietes festgelegt wird. Gleiches gilt für die ärztliche Fortbildung. In der Allgemeinmedizin sowie in der Frauenheilkunde und Geburtshilfe ist diese Zusatzkompetenz bereits fester Bestandteil der Weiterbildung. Ein entsprechendes Angebot von Qualitätszirkeln und interventionsbezogenen Fallbesprechungen soll angestrebt werden.
- Der Deutsche Ärztetag begrüßt, dass die Approbationsordnung für Ärztinnen und Ärzte eine verbesserte Vermittlung psychosozialer, psychiatrischer, psychotherapeutischer und psychosomatischer Kenntnisse und Fertigkeiten in der studentischen Ausbildung vorsieht. Er fordert daher, dass auch die haus- und fachärztliche Weiter- und Fortbildung, z. B. in ärztlicher Gesprächsführung und Gestaltung einer therapeutischen Beziehung, weiter ausgebaut wird.
- Der Deutsche Ärztetag fordert den Gemeinsamen Bundes­aus­schuss auf, im Rahmen einer anstehenden Aktualisierung der Bedarfsplanung auch für die ambulante Versorgung eine Anpassung an die veränderten Bedingungen vorzunehmen. Die Versorgung im ambulanten Bereich hat sich nach Einführung der Budgetierung deutlich verschlechtert: Das jetzige Budget gewährleistet nicht ausreichend Zeit pro Patient. Das Problem ist besonders gravierend im Zusammenhang mit einem massiven Bettenabbau in der stationären Psychiatrie innerhalb der vergangenen Jahre. Durch die massive Verkürzung der stationären Aufenthaltsdauer in psychiatrisch-psychotherapeutischen Kliniken sind die anschließend ambulant zu behandelnden Patientinnen und Patienten jetzt im Durchschnitt kränker und benötigen mehr psychosoziale, medikamentöse und psychotherapeutische Leistungen.
- Der Deutsche Ärztetag fordert die Bundes­ärzte­kammer auf, Fortbildungskonzepte zu erarbeiten, die es ermöglichen, grundlegende Erkenntnisse der Psychotraumatologie patientenbezogen zu erwerben. Im Fall von Großschadensereignissen und Naturkatastrophen sind die entsprechenden Fachgesellschaften und Berufsverbände bedarfsgerecht einzubinden. Erfreulicherweise hat das Kursbuch „Notfallmedizin“ diese Aspekte bereits aufgegriffen.
- Der Deutsche Ärztetag fordert den Gesetzgeber auf, darauf hinzuwirken, dass auch über das Jahr 2008 hinaus § 101 Abs. 4 SGB V weiter Bestand hat oder bei einer aktualisierten Bedarfsplanung ein Versorgungsanteil von 40 Prozent für ärztliche Psychotherapeuten festgeschrieben wird. Eine entsprechende Initiative des Berufsverbandes der Fachärzte für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie beim Bundesministerium für Gesundheit wird vom Deutschen Ärztetag unterstützt. Sollten Vertragsarztsitze nicht durch Fachärzte für Psychosomatische Medizin nachbesetzt werden können, sollten andere psychotherapeutisch tätige kompetente Ärzte und Ärztinnen für Psychiatrie und Psychotherapie und für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie, aber auch diejenigen mit der Zusatzbezeichnung Psychotherapie, falls sie bereit sind, ausschließlich psychotherapeutisch tätig zu werden, als nächste Anwärter gelten.
- Der Deutsche Ärztetag fordert den Gesetzgeber, die gesetzlichen und privaten Krankenkassen und die Kassenärztliche Bundesvereinigung auf, das Vergütungssystem für die Erbringung von psychiatrischen, psychosomatischen und psychotherapeutischen Leistungen auf allen Versorgungsstufen so zu regeln, dass die entsprechende Patientenversorgung unter vertretbaren wirtschaftlichen Bedingungen gewährleistet wird. Nach dem derzeitigen Vergütungssystem werden diejenigen Ärztinnen und Ärzte deutlich benachteiligt, welche eine wichtige Rolle in der primären Versorgung von psychisch und psychosomatisch Kranken spielen. Die Förderung und Stärkung der ärztlichen Psychotherapie ist nur gewährleistet, wenn sie unter vertretbaren wirtschaftlichen Bedingungen geleistet werden kann, wobei das möglichst nicht zulasten anderer Arztgruppen gehen soll. Eine Beteiligung der Fachärzte für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, für Psychiatrie und Psychotherapie sowie für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie nicht nur in den KV-Fachausschüssen „Psychotherapie“, sondern auch in den Fachausschüssen „Fachärzte“ kann hilfreich sein.
- Eine Ausdehnung der Stützung der Auszahlungspunktwerte für psychotherapeutische Leistungen für Leistungserbringer unterhalb der 90-Prozent-Grenze sowie eine Aufnahme weiterer Leistungen, wie die Psychosomatische Grundversorgung und die fachgebundene Psychotherapie, in den Katalog der stützungsfähigen Leistungen zieht die Frage nach sich, wie die zusätzlich notwendigen Finanzmittel aufgebracht werden. Der Deutsche Ärztetag fordert den Gesetzgeber bzw. die Gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung und die Kassenärztliche Bundesvereinigung auf, die notwendigen Gesetzesänderungen vorzunehmen bzw. zu prüfen, inwieweit der entstehende zusätzliche Finanzbedarf mit entsprechenden zusätzlichen Mitteln durch die Krankenkassen zu decken ist.
- Der Deutsche Ärztetag fordert die privaten Kran­ken­ver­siche­rungen auf, keine „Mindeststandards“ für eine private Krankenvollversicherung zu definieren, indem sie die Anzahl ambulanter psychotherapeutischer Sitzungen in ihren Tarifbestimmungen begrenzen, ohne den tatsächlichen Behandlungsbedarf der Patientinnen und Patienten zu berücksichtigen. Dies gilt insbesondere auch für Alkoholerkrankungen.
- Der Deutsche Ärztetag fordert den bedarfsgerechten Ausbau vernetzter und integrierter gemeindenaher Versorgungssysteme im Sinne des
§ 140 a SGB V für Menschen mit psychischen und psychosomatischen Erkrankungen unter Einbeziehung von Hausärzten, Fachärzten für Psychiatrie und Psychotherapie, für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie und für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie sowie den bedarfsgerechten Ausbau psychotherapeutischer Behandlung von Abhängigkeitserkrankungen im gesamten medizinischen ambulanten und stationären Versorgungssystem.
- Der Deutsche Ärztetag fordert eine Förderung der adäquaten fachärztlichen Versorgung, insbesondere von schwer psychisch Kranken, psychisch kranken alten Menschen sowie der Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie.
- Der Deutsche Ärztetag fordert den Gesetzgeber und die Krankenkassen auf, zur flächendeckenden und wohnortnahen Versorgung von psychisch kranken Kindern und Jugendlichen das Modell der sozialpsychiatrischen Praxen nach der so genannten Sozialpsychiatrie-Vereinbarung in kinder- und jugendpsychiatrischen Praxen beizubehalten und dieses Modell mit den Primärkassen auch in den fehlenden Regionen endgültig einzuführen. Ein vergleichbares Modell wäre auch für die Psychiatrie und Psychotherapie anzustreben.
- Der Deutsche Ärztetag fordert die Ärztekammern und die Kassenärztlichen Vereinigungen auf, dafür Sorge zu tragen, dass eine hohe Qualität der ärztlichen Psychotherapie und der flächendeckende Zugang für die Patienten sichergestellt und weiterentwickelt werden.
- Der Deutsche Ärztetag fordert, dass die
Versorgungsforschung verstärkt das Problem der psychiatrisch-psychosomatisch-psychotherapeutischen Versorgung in Deutschland aufgreift, insbesondere umfassende Erhebungen über die Versorgungssituation für Menschen mit psychischen Erkrankungen durchführt mit dem Ziel, ein patientengerechtes Versorgungssystem weiterzuentwickeln.

Sicherung ambulanter ärztlicher Psychotherapie
Der Vorstand der Bundes­ärzte­kammer wird beauftragt, mit dem Gesetzgeber dahingehend zu verhandeln, dass die nach dem 31. Dezember 2008 entsprechend dem § 101 Abschnitt 4 SGB V zur Aufrechterhaltung der Versorgung durch Psychologische Psychotherapeuten zu besetzenden ärztlichen Kontingentplätze (40 Prozent der Psychotherapeutensitze stehen derzeit für Ärzte zur Verfügung) im Falle der späteren Nachbesetzung Vertragsarztsitze für ärztliche Psychotherapeuten bleiben.
Begründung
Wenn ambulante ärztliche Psychotherapie weiter abnimmt – und die Gefahr dafür ist groß – fehlt ein wesentliches Element für die Entwicklung des Fachs. Viele Aufgaben ärztlicher Psychotherapie können durch Psychologische Psychotherapeuten nur sehr bedingt übernommen werden oder kommen kaum in den Aufmerksamkeitsfokus ambulant tätiger Psychologischer Psychotherapeuten.
Wenn wir die Ausdünnung der niedergelassenen ärztlichen Psychotherapeuten, insbesondere der Fachärzte für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, weiter zulassen, wird es bald keine ambulanten Weiterbildungsmöglichkeiten für Ärzte mehr geben, denn unser Nachwuchs sollte doch weiterhin von ärztlichen Weiterbildungsermächtigten ausgebildet werden! Ebenso werden die niedergelassenen ärztlichen Psychotherapeuten dringend als Ausbilder in der psychosomatischen Grundversorgung benötigt.
Ausdrücklich soll nicht die grundsätzliche Kompetenz Psychologischer Psychotherapeuten angezweifelt werden, aber es sollte von allen Seiten respektiert werden, dass es spezifisch ärztliche psychotherapeutische Aufgaben und Schwerpunkte gibt wie unter anderem:
-Kombinationstherapie – medikamentös und psychotherapeutisch
-psychotherapeutische Versorgung schwer körperlich Kranker
-Psychotherapie in der ausklingenden Substitutionsbehandlung
-Psychotherapie bei Psychosen
-spezielle psychosomatische Therapie bedrohlicher somatischer Symptome.

Psychotherapie
Der 109. Deutsche Ärztetag fordert den Vorstand der Bundes­ärzte­kammer auf, darauf zu achten, dass die „ärztliche Psychotherapie“ gemäß ihrer Bedeutung für die Patientenversorgung auf allen Ebenen bei Vereinbarungen, Verträgen und Gesetzen Berücksichtigung findet.

Positionspapier der Bundes­psycho­therapeuten­kammer
Die Bundes­ärzte­kammer fordert die Bundes­psycho­therapeuten­kammer dazu auf, ihr Positionspapier zur Unterversorgung psychisch kranker Kinder und Jugendlicher zurückzuziehen, um Schäden abzuwehren. Psychisch Kranke haben in unserer Gesellschaft einen schweren Stand und keine Lobby. Dies trifft insbesondere für Kinder und Jugendliche zu. Das Positionspapier der Bundes­psycho­therapeuten­kammer „Unterversorgung psychisch kranker Kinder und Jugendlicher, Handlungsbedarf im Vertragsärztegesetz“ ist wenig geeignet, dem Anliegen einer besseren Versorgung dieser Patientengruppe gerecht zu werden. Krankheitsbilder bedürfen immer einer gründlichen ärztlichen Voruntersuchung und Diagnosestellung, um organische Ursachen sicher auszuschließen. Ärztliche Kinder- und Jugendpsychotherapeuten sind umfassend weitergebildet und in der Lage, adäquate Therapien durchzuführen bzw. zu veranlassen. Das Versorgungsdefizit darf nicht dazu führen, nicht qualifizierte psychologische Therapeuten zu generieren.
Bevor berechtigte Forderungen an die Verantwortlichen gestellt werden, ist eine gemeinsame Analyse der Ärzteschaft und der Psychologischen Psychotherapeuten erforderlich, damit alle Aspekte Eingang in Lösungsmöglichkeiten finden.

Schlechte Honorierung der ärztlichen Psychotherapie, die nicht unter die Bestimmungen des § 85 Absatz 4 SGB V zur angemessenen Vergütung fällt
Die Bundes­ärzte­kammer fordert die Kassenärztliche Bundesvereinigung auf, die skandalöse Benachteiligung der nicht überwiegend psychotherapeutisch tätigen Ärzte gegenüber den ausschließlich psychotherapeutisch tätigen ärztlichen oder Psychologischen Psychotherapeuten mit gestütztem Punktwert aufzuheben und damit auch die Spaltung in eine edizin für die Seele und eine für den Körper. Alle
antrags- und genehmigungspflichtigen Psychotherapie-Leistungen sollen angemessen honoriert werden und einen gestützten Punktwert erhalten.
Entsprechend dem BSG-Urteil vom 25. August 1999 bzw. Beschluss des Bewertungsausschusses der Kassenärztlichen Bundesvereinigung haben nur die Psychologischen Psychotherapeuten, Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten, die drei so genannten Psycho-Fachärzte, sowie die Ärzte, die mindestens 90 Prozent ihrer Gesamtleistungen als Psychotherapie erbringen, Anspruch auf eine angemessene Vergütung der antrags- und genehmigungspflichtigen psychotherapeutischen Leistungen (überwiegend psychotherapeutisch Tätige).
Begründung
Für eine angemessene ärztliche Versorgung von Menschen mit psychosozialen Leiden ist die Integration psychiatrischer und psychotherapeutischer Kompetenzen in möglichst vielen ärztlichen Praxen sinnvoll und wünschenswert.
Die schlechte Honorierung der Psychotherapie in der allgemeinärztlichen oder fachärztlichen Versorgung (z. B. nicht einmal 30 Euro für 50 Minuten in Hessen) führt zum Aussterben dieser in die tägliche Praxis integrierten psychotherapeutischen Fachleistung und zum Aussterben fachgebundener Psychotherapie.

Psychotherapeutenkammern
Der Deutsche Ärztetag lehnt die Verwendung des Begriffs „Psychotherapeutenkammer“ auf Bundes- und Länderebene ab, weil darin ein Alleinvertretungsanspruch zum Ausdruck gebracht wird, der praktisch nicht begründbar ist und bei Patientinnen und Patienten den Eindruck erweckt, Psychotherapeuten/innen seien nicht Ärztinnen oder Ärzte.
Begründung
Die Kammern der Psychologischen und Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeuten vertreten nur zwei Berufsgruppen der psychotherapeutisch Tätigen und schließen alle ärztlichen Psychotherapeuten ebenso aus wie die Gruppen, die nach dem Heilpraktikergesetz Psychotherapie praktizieren.
Die Hessische Lan­des­ärz­te­kam­mer hat dazu eine eindeutig ablehnende Stellungnahme abgegeben: „Die Psychologische Psychotherapeutenkammer hat vorgetragen, eine Bezeichnung für ihre Körperschaft im Heilberufsgesetz aufzunehmen, die eine kürzere Variante des bisher ,unaussprechbar langen Namen‘ ablösen soll.“ Erneut tragen wir der Landesregierung vor, dass die Lan­des­ärz­te­kam­mer Hessen den Begriff „Psychotherapeutenkammer Hessen“ zur ausschließlichen Verwendung für die Landeskammer der Psychologischen Psychotherapeuten und für Kinder- und Jugendlichentherapeuten keinesfalls akzeptieren kann. Das Präsidium hat sich wiederholt einstimmig dagegen ausgesprochen, dass die Berufsgruppe der Psychologischen Psychotherapeuten und derjenigen Kinder- und Jugendlichentherapeuten den irreführenden Begriff „Psychotherapeutenkammer Hessen“ zugewiesen bekommt.
Dieser Begriff erweckt in der Öffentlichkeit zu Unrecht den Eindruck, in dieser Kammer seien alle psychotherapeutisch tätigen Heilberufler Mitglied. Das Gegenteil ist richtig. Die Psychotherapie als diagnostisches und therapeutisches Verfahren wurde vor mehr als 100 Jahren ärztlicherseits begründet und weiterentwickelt. Die Psychotherapie ist nicht nur in den klinischen Fachgebieten mit Patientenbezug enthalten, sondern darüber hinaus hat sich die Psychotherapie durch Ärzte im ärztlichen Beruf derart weiterentwickelt und ausdifferenziert, sodass dieses Verfahren nicht nur in der Psychiatrie, in der psychotherapeutischen Medizin, in der Kinder- und Jugendlichenpsychiatrie und -psychotherapie, in der Psychoanalyse und letztlich auch in der Psychotherapie patientenzentriert präsent ist. Von Verfahren wie der psychotherapeutischen Grundversorgung und seiner weiten Verbreitung ganz zu schweigen.
Hiermit ist begründet, warum der Begriff „Psychotherapeutenkammer“ ausschließlich für Psychologen den Grundprinzipien der psychotherapeutischen Tätigkeit durch Ärzte und Psychologen fundamental widerspricht. Gerade wegen der Gemeinsamkeiten und enorm großen Schnittmenge diagnostischer und therapeutischer Vorgehensweisen hat der hessische Gesetzgeber seinerzeit den Beirat für beide Körperschaften institutionalisiert. Dieser hat sich bewährt. Wir versperren uns sicher nicht einer anderen Formulierung, die einprägsamer und besser aussprechbar ist; sie darf aber nicht den irreführenden Alleinvertretungsanspruch zum Gegenstand haben.

Förderung der Psychosomatik
Die psychosomatische Kompetenz ist Bestandteil jeder „somatischen“ Patientenversorgung. Es muss daher für alle „somatisch“ tätigen, an der unmittelbaren Patientenversorgung beteiligten Kollegen und Kolleginnen möglich sein, eine entsprechende Kompetenz zu erwerben.

Frühzeitige Erkennung von psychischen Erkrankungen bei Kindern änder und Kommunen werden aufgefordert, die Kinder- und Jugendgesundheitsdienste in den Kommunen zu stärken und ggf. finanzielle Mittel für Kooperationsmodelle mit Kinder- und Jugendpsychiatern sowie Kinder- und Jugendärzten und Allgemeinärzten, die hausärztlich tätig sind, zur Verfügung zu stellen.
Begründung
Die frühzeitige Erkennung – und damit Initiierung der erforderlichen therapeutischen Maßnahmen – von Verhaltensauffälligkeiten und psychischen Störungen ist gerade im Kindesalter wichtig. Hier bietet sich der Ausbau der Präsenz der Kinder- und Jugendgesundheitsdienste vor Ort in den Schulen an, ggf. in Kooperation mit Kinder- und Jugendärztinnen und -ärzten und Kinder- und Jugendpsychiaterinnen und -psychiatern, um auch Kinder und Jugendliche erreichen zu können, die vom Regelversorgungssystem nicht erreicht werden.


Andere Entschließungen

Präventionsgesetz
Der 109. Deutsche Ärztetag fordert die Politik auf, der Prävention in allen gesellschaftlichen Bereichen eine größere Bedeutung beizumessen und zu diesem Zweck ein Präventionsgesetz mit fachlicher Unterstützung der Ärzteschaft auf den parlamentarischen Weg zu bringen.
Zur Stärkung der Prävention fordert der 109. Deutsche Ärztetag, die Gesund­heits­förder­ung und Prävention auf allen gesellschaftlichen Ebenen zu stärken sowie weiterzuentwickeln und über die
Sozialversicherungen als auch über Steuermittel und private Zuwendungen in einem gesamtgesellschaftlichen Ansatz zu finanzieren.

Begründung
Durch die Förderung der Gesundheit und gezielte Präventionsmaßnahmen lassen sich Krankheiten vermeiden, mögliche Risikofaktoren für Erkrankungen positiv beeinflussen, Erstmanifestationen von Krankheiten rechtzeitig erkennen und behandeln sowie Krankheitsverläufe stabilisieren und verbessern.
Die Gesundheit des Einzelnen kann sowohl durch eine allgemeine Verbesserung der Lebensbedingungen, eine Stärkung des öffentlichen und betrieblichen Gesundheitsschutzes wie auch durch individuumsbezogene Maßnahmen der Prävention verbessert werden.
Dazu ist es unabdingbar, Prävention in unserem Gesundheitswesen zu stärken und als eine weitere Säule zu etablieren sowie eine Konkretisierung
ihrer Aufgabenfelder, ihrer Akteure und ihrer Finanzierungsgrundlagen vorzunehmen.
Da die Grenzen zwischen Gesundheit und Krankheit fließend sind, lässt sich alles, was dem Erhalt von Leben und der Verbesserung von Lebensqualität dient, unter dem Begriff der „Prävention“ subsumieren. Umso notwendiger ist es, eine klare Grenzziehung zwischen dem vorzunehmen, was Aufgabe der Solidargemeinschaft der Versicherten, was Aufgabe des Staates und seiner Organe im Rahmen seiner allgemeinen Fürsorgepflicht gegenüber dem Bürger ist und was darüber hinaus durch Dritte organisiert und finanziert werden soll. Das geplante Präventionsgesetz muss daher zu einer Klärung der jeweiligen Aufgabenbereiche und Zuständigkeiten beitragen.
Bund und Länder sind verpflichtet, ihre Verantwortung für wichtige präventive Aufgaben außerhalb der Medizin umzusetzen, zum Beispiel in der Bildungs-, Arbeits-, Umwelt- und Verkehrspolitik sowie im Verbraucherschutz.
Ein Präventionsgesetz muss bestehende Präventionsprogramme stärken und weiter entwickeln. Es darf nicht dazu dienen, bereits bestehende und bewährte Maßnahmen vor allem im Bereich der Sekundär- und Tertiärprävention zu schwächen oder Prävention und Kuration gegeneinander auszuspielen. Vielmehr sollte das Gesetz auch dazu beitragen, dass bestehende Maßnahmen der Prävention flächendeckend und dauerhaft gestärkt und ergänzende, neue Aufgabenbereiche benannt werden.
Wir Ärzte haben die Kompetenz, gesundheitliche Risiken abzuklären, über geeignete Maßnahmen aufzuklären und deren Erfolg zu überprüfen. Dies ist bei der Formulierung eines Präventionsgesetzes zwingend zu berücksichtigen – denn vorbeugen ist besser als heilen!

Prävention bei Kindern
Bundesregierung und Landesregierungen sollen Maßnahmen entwickeln, um Kindern sozial schwacher Familien die Teilnahme an kostenpflichtigen schulischen oder außerschulischen Arbeits- und Sportgemeinschaften zu ermöglichen.

Begründung
Kinder von sozial schwachen Familien sind aus finanziellen Gründen von der Teilnahme an kostenpflichtigen schulischen oder außerschulischen Arbeits- und Sportgemeinschaften ausgeschlossen.
Eine Förderung für präventives Verhalten durch Sport oder die Entwicklung von Gemeinschaftssinn ist bei diesen Kindern nicht ausreichend
gegeben.

Prävention von Misshandlung, Vernachlässigung und Verwahrlosung von Kindern und Jugendlichen
In der Diskussion um die Prävention von Misshandlung, Vernachlässigung und Verwahrlosung von Kindern und Jugendlichen fordert der 109. Deutsche Ärztetag die Bundesländer auf, die Kinder- und Jugendgesundheitsfürsorge innerhalb des öffentlichen Gesundheitsdienstes zu stärken und auszubauen.
Im bestehenden Gesundheitssystem sind Kinder aus Familien mit sozialem Risiko oft nur durch eine aufsuchende Betreuung zu Hause, in Kindergarten oder Schule erreichbar und für Unterstützung zugänglich. Eine enge Kooperation mit den Möglichkeiten in der ambulanten Versorgung ist unerlässlich, mit dem Ziel, diese Familien in das Regelversorgungssystem zu integrieren und dort zu halten.
Der 109. Deutsche Ärztetag lehnt eine regelhafte Meldung durchgeführter Kindervorsorgeuntersuchungen durch Ärzte ab, da diese einen erheblichen Eingriff in das Vertrauensverhältnis zwischen Arzt und Familie bedeutet.
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