ArchivDeutsches Ärzteblatt24/2006DRGs und die Folgen: Eine Wissenschaft für sich

POLITIK

DRGs und die Folgen: Eine Wissenschaft für sich

Dtsch Arztebl 2006; 103(24): A-1646 / B-1407 / C-1359

Rieser, Sabine

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LNSLNS Für allgemeine Aussagen über die Auswirkungen des Fallpauschalensystems auf die Patientenversorgung ist es noch zu früh, sagen manche. Andere meinen: Es ist schon zu spät.

Der Deutsche Ärztetag befürchtet mit der Einführung dieses DRG-Systems eine deutliche Verschlechterung durch einen Verlust an Qualität und Humanität. Eine Industrialisierung der Patientenversorgung in deutschen Krankenhäusern ist absehbar.“ So formulierten die Delegierten 2001 eine ihrer Befürchtungen angesichts der geplanten Einführung der Diagnosis Related Groups (DRGs).
Heute scheint alles gut – zumindest wurde während des Berliner Hauptstadtkongresses Mitte Mai in einer Expertenrunde so argumentiert. Für die Patienten habe sich die Umstellung auf DRGs als ein „sanfter Einstieg“ entpuppt, der „keine gravierenden Auswirkungen auf die Versorgung“ habe, behauptete Ulrich Dembski, beim AOK-Bundesverband verantwortlich für die Abteilung stationäre Leistungen/Rehabilitation: „Blutige Entlassungen sind uns nicht bekannt.“ Das Urteil von Priv.-Doz. Dr. med. Thomas Mansky, bei der Helios Kliniken GmbH für das Qualitätsmanagement zuständig, fiel noch positiver aus: Die durch DRGs gesetzten Anreize zur Verbesserung der Prozesse im Krankenhaus nutzten den Patienten.
Ob sie mit verkürzten Liegezeiten zufrieden sind, ob sie heute so gut wie früher auf die Beine kommen – dazu gibt es allerdings keine Angaben. Zwar heißt es in § 17 b Krankenhausfinanzierungsgesetz zu den Aufgaben der DRG-Vertragspartner, also den Spitzenverbänden der Krankenkassen, der Deutschen Krankenhausgesellschaft und der privaten Kran­ken­ver­siche­rung: Sie „führen eine Begleitforschung, insbesondere zu Veränderungen der Versorgungsstrukturen und zur Qualität der Versorgung durch; dabei sind auch die Auswirkungen auf die anderen Versorgungsbereiche sowie Art und Umfang von Leistungsverlagerungen zu untersuchen . . . Erste Ergebnisse sind 2005 zu veröffentlichen“. Doch bis Oktober 2005 war noch kein Auftrag vergeben.
Eine Ursache dafür sind sicher methodisch-wissenschaftliche Probleme, eine andere vermutlich das Desinteresse der Beteiligten einschließlich der Politik, die Auswirkungen der DRGs näher zu ergründen. „Eine Nulllinie als Ausgang für einen Vergleich wurde nie gezogen“, erläutert Rudolf Henke, Vorstandsmitglied der Bundes­ärzte­kammer. Schließlich konnten Krankenhäuser optional bereits 2003 auf das neue Vergütungssystem umstellen. Zudem werden zwar in vielen Kliniken Patienten nach ihrer Zufriedenheit befragt. Doch umfassende, systematische Erhebungen vor und nach der DRG-Einführung fehlen. Außerdem überlappen sich vielerorts mehrere Veränderungen, sodass es methodisch schwierig ist herauszufinden, was eine Folge der DRG-Einführung ist. Henke nennt als Beispiel das Universitätsklinikum Gießen-Marburg. Dort sind derzeit drei Veränderungen zu bewältigen: der Wechsel von einem öffentlichen zu einem privaten Träger, die Fusion zweier Standorte und die DRG-Einführung.
Weitere Probleme werden im Bericht über die erste DRG-Begleitforschung des Instituts für das Entgeltsystem im Krankenhaus (InEK) benannt, die das Institut unter großem Zeitdruck im März vorlegte. Darin heißt es für das Berichtsjahr 2004: „Die Aussagekraft der Auswertungen . . . ist eingeschränkt.“ Als einen Grund führt das InEK an, dass die vorliegenden Daten zu lückenhaft sind, um über Veränderungen zwischen den Sektoren Genaueres sagen zu können. So sind Angaben zu ambulanten Behandlungen im Krankenhaus nach § 116 SGB V nicht in die übermittelten Angaben eingeschlossen. Das gilt ebenso für Daten über voll- oder teilstationäre Leistungen im Rahmen von Chronikerprogrammen oder Integrierter Versorgung.
Interesse an den Fragen der Skeptiker ist gering
Dass die DRG-Umstellung für Kranke ein sanfter Prozess ist, glaubt Henke auch ohne aussagekräftige Studien nicht. Die Ärzte wüssten, „dass die Patienten im Übergang von der stationären zur ambulanten Versorgung mehr Schwierigkeiten haben, als es manche wahrhaben wollen“. Mehr Licht ins Dunkel bringt möglicherweise ein Forschungsprojekt des Berliner Wissenschaftszentrums gemeinsam mit dem Bremer Zentrum für Sozialpolitik. Es trägt den sperrigen Namen „Sozialwissenschaftliche Längsschnittanalyse der Auswirkungen des DRG-Systems auf den pflegerischen und medizinischen Dienstleistungsprozess und die Versorgungsqualität im Krankenhaus“. Basis sind Befragungen von Patienten, Pflegenden und Ärzten seit 2002. Der Abschlussbericht soll noch dieses Jahr vorliegen. Was neue Erkenntnisse bewirken würden, ist ungewiss. „Das Interesse der Normgeber des DRG-Systems zu ergründen, ob die Warner Recht hatten, ist gering“, urteilt Henke. Sabine Rieser
Foto: Photothek
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