ArchivDeutsches Ärzteblatt24/2006Nationale Gesundheitsziele zu Depressionen: Verhindern, früh erkennen oder wirksam behandeln

POLITIK

Nationale Gesundheitsziele zu Depressionen: Verhindern, früh erkennen oder wirksam behandeln

Dtsch Arztebl 2006; 103(24): A-1648 / B-1408 / C-1360

Weber, Ingbert

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LNSLNS Der hohen Prävalenz depressiver Erkrankungen soll mit abgestimmten Maßnahmen und Aktionen begegnet werden.

Das Forum zur Entwicklung und Umsetzung von Gesundheitszielen (gesundheitsziele.de) hat als sechstes Thema depressive Erkrankungen ausgewählt. Die zentralen Ziele sind: „Depressive Erkrankungen verhindern, früh erkennen oder nachhaltig behandeln.“ Ein Expertenpapier mit gleichlautendem Titel hat auf der Grundlage evidenzbasierter Erkenntnisse konkrete Schritte zur Umsetzung dieser Ziele entwickelt und so auf einen alarmierenden Handlungsbedarf reagiert. Depressionen zählen auch in Deutschland zu den häufigsten psychischen Erkrankungen. Ihre Formen reichen von kurzfristigen Verstimmungen, über Reaktionen im Zusammenhang mit Lebenskrisen bis hin zu chronischen Erkrankungen. Die Lebensqualität der Betroffenen ist teils stark eingeschränkt, bei schwerer Erkrankung enden nicht wenige von ihnen mit Suizid.
Schwere der Erkrankung häufig unterschätzt
Die gesellschaftlichen Kosten von Depressionen sind erheblich: In Deutschland beliefen sich die direkten Kosten im Jahr 2002 auf vier Milliarden Euro. 157 000 Arbeitsjahre gingen im selben Jahr verloren. Nur etwa die Hälfte der etwa 2,5 Millionen depressiv Erkrankten in Deutschland wird in hausärztlichen Praxen erkannt und therapiert. Ein Grund für das häufige Nichterkennen besteht nach Prof. Ulrich Hegerl, Universität München, darin, dass betroffene Patienten ihre somatischen Beschwerden in den Vordergrund stellen. Auch werde häufig die Schwere der Erkrankung unterschätzt, sowohl von Betroffenen wie auch auf ärztlicher Seite.
Aber selbst bei Depressionen, die als behandlungsbedürftig erkannt sind, ist es unter Umständen schwer, sie erfolgreich zu behandeln. Nicht selten werden auch unangemessene therapeutische Verfahren angewendet oder Behandlungen zu früh beendet. Deshalb ist das Rückfallrisiko hoch. Schätzungen gehen davon aus, dass bei adäquater Therapie ein erheblicher Teil der Krankheitslast vermieden werden könnte, bei gleichzeitig niedrigeren Behandlungskosten als gegenwärtig.
Die konsensual verabschiedeten Ziele und Maßnahmen beziehen sich auf sechs Aktionsfelder:

Aktionsfeld Aufklärung: Viele Betroffene erkennen selbst nicht, dass sie unter Depressionen leiden, sondern glauben, körperlich erkrankt zu sein. Andere nehmen aus Angst vor Stigmatisierung Hilfsangebote nicht wahr. Angemessene Hilfe setzt eine Verbesserung des Wissens voraus.
Prävention: Durch Bekämpfung der Risikofaktoren gilt es, die Entwicklung depressiver Störungen zurückzudrängen oder sie zumindest im Ansatz zu erkennen, damit frühzeitig geeignete Behandlungen angeboten werden können.

Diagnostik, Indikation, Therapie: Die Abgrenzung gedrückter Stimmungslagen zur krankheitswertigen Depression ist nicht leicht. Solche Kompetenzen sind aber wichtig, denn nur durch rechtzeitige und leitliniengerechte Interventionen können die Prognose wesentlich verbessert und ein chronischer Verlauf vermieden werden.
Partizipation: Patienten und Angehörige in den Entscheidungs- und Behandlungsprozess mit einzubeziehen hat realistischere Erwartungen über den Krankheitsverlauf und die Behandlung zur Folge und bewirkt daher höhere Zufriedenheit.

Rehabilitation: Da depressive Störungen großteils rezidivierende Verläufe annehmen, greift eine auf eine Krankheitsepisode oder die aktuelle Symptomatik abgestellte Behandlung meist zu kurz. Erforderlich ist häufig eine Therapie unter Langzeitperspektive.
Versorgungsstruktur: Hausärzte sind als primäre Ansprechpartner für an einer Depression Erkrankte anzusehen. Ihnen müssen in ausreichender Zahl ärztliche und nicht-ärztliche Spezialisten zur Seite stehen, um dem Behandlungsbedarf genügen zu können. Derzeit sind entsprechende Angebote regional ungleich verteilt.
Gesundheitspolitisches Instrument
Mit den Gesundheitszielen zum Thema Depressionen wird der vor fünf Jahren begonnene nationale Gesundheitsziele-Prozess, an dem inzwischen mehr als 70 Verbände des Gesundheitswesens mitarbeiten, fortgesetzt. Auf Initiative des Bundesministeriums für Gesundheit und koordiniert von der Gesellschaft für Versicherungswissenschaft und -gestaltung e.V. waren in den letzten Jahren bereits Gesundheitsziele zu anderen Themen vorgestellt worden: zu Diabetes mellitus Typ 2, Brustkrebs, Patientenkompetenz, Tabakkonsum sowie zu gesunder Entwicklung von Kindern und Jugendlichen.
Gesundheitsziele stellen ein gesundheitspolitisches Instrument dar und sollen gemeinsame Problemwahrnehmung und -lösungen fördern. Sie initiieren bei verschiedenen Akteuren des Gesundheitswesens Vorhaben mit gleicher Zielrichtung und bauen mitunter Brücken zwischen den verschiedenen Zuständigkeiten. Ingbert Weber

Der Bericht „Depressive Erkrankungen: verhindern, früh erkennen, nachhaltig behandeln“, herausgegeben vom Bundesministerium für Gesundheit kann angefordert werden unter Bestell-Nr. 315, E-Mail: info@bmg.bund.de oder Telefon: 0 18 05/2 78 52 71.
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