ArchivDeutsches Ärzteblatt24/2006Diabetes mellitus: „Wir brauchen verlässliche Zahlen“

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Diabetes mellitus: „Wir brauchen verlässliche Zahlen“

Vetter, Christine

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LNSLNS Nationale Datenbank soll Transparenz über Epidemiologie und Therapiequalität der Erkrankung schaffen.

Konkrete Zahlen zu Inzidenz und Prävalenz des Diabetes mellitus fehlen in Deutschland. Schätzungen variieren von vier bis acht Millionen Erkrankten, die Realität ist jedoch unklar. Der Vorstand der Deutschen Diabetes-Gesellschaft hat deshalb bei ihrer Jahrestagung in Leipzig beschlossen, eine nationale Datenbank aufzubauen. „Wir brauchen verlässliche Zahlen“, betonte Kongresspräsident Prof. Dr. Wieland Kiess (Universitätsklinik für Kinder und Jugendliche, Leipzig). Bereits bestehende Strukturen – wie das Diabetesregister für Kinder in Baden-Württemberg und in Sachsen, das Diabetesregister in Düsseldorf sowie das „Nationale Aktionsforum Diabetes mellitus“ (NAFDEM) – sollen mit eingebunden werden.
Regionale Fehlversorgung
Sieht man von den fehlenden epidemiologischen Daten ab, ist die Situation der Diabetologie in Deutschland jedoch besser als ihr Ruf. „Wir brauchen uns im internationalen Vergleich keineswegs zu verstecken“, sagte Kiess. Daten der Kinderdiabetologen zeigten beispielsweise, dass die HbA1c-Werte und auch die Rate an Hypoglykämien sehr gut sind. Auch bei Typ-2-Diabetikern gebe es klare Hinweise auf eine gute Versorgungslage in Deutschland. „Das schließt regionale Fehlversorgungen jedoch nicht aus“, räumte Kiess ein. Vor allem die Behandlung von Diabetikern mit Folgeerkrankungen sei in ländlichen Gebieten nicht immer optimal. Dafür gebe es in manchen Städten eine Überversorgung.
Wie wichtig gute Daten zur Epidemiologie sind, machte der Diabetologe am Beispiel der „Akzelerator-Hypothese“ deutlich. Seit Jahren wird beobachtet, dass der Typ-1-Diabetes im Kindesalter zunimmt. „Betrachtet man die Krankheitszahlen, stimmt das für das gesamte Bundesgebiet“, erklärte Kiess. Aber: Parallel dazu nimmt die Zahl der Erwachsenen, die an einem Typ-1-Diabetes erkranken, merklich ab. Führt man die Daten zusammen, zeigt sich ein interessantes Phänomen: Es erkranken keineswegs mehr Menschen an einem Typ-1-Diabetes, die Erkrankung tritt lediglich in früheren Jahren auf.
Die Ursachen des Phänomens könnten ähnlich gelagert sein wie beim
Typ-2-Diabetes. Es besteht auch beim Typ-1-Diabetes eine genetische Prädisposition. Ist die betreffende Person schlank, scheint sich der Diabetes erst in späteren Jahren zu manifestieren.
Anders ist die Situation bei Kindern, die rasch gewachsen sind und ein vergleichsweise hohes Gewicht haben. Sie brauchen mehr Insulin und entsprechend der Akzelerator-Hypothese gehen die Betazellen des Pankreas rascher zugrunde, der Diabetes mani-
festiert sich deutlich früher. „Das passt zu Beobachtungen, wonach viele Kinder einen Wachstumsschub erlebt haben, kurz bevor der Typ-1-Diabetes auftrat“, sagt Kiess.
Doch nicht nur die genetische Disposition scheint eine Rolle zu spielen, enge Assoziationen bestehen auch zum Geburtsgewicht („fetale programming“). Die weitere Erforschung der Zusammenhänge könnte nach Kiess zu einem völlig neuen Verständnis der Pathophysiologie des Diabetes führen.
Mit der Wirkstoffgruppe der Gliptine steht eine deutliche Erweiterung der Therapieoptionen ins Haus. Die neuen Antidiabetika machen sich die physiologische Blutzuckerregulation über das im Darm gebildete Glucagon-like-Peptide-1 (GLP-1) zunutze. GLP-1 gehört zu den Inkretinhormonen und sorgt nach der Nahrungsaufnahme für eine rasche Freisetzung von Insulin aus den Betazellen des Pankreas. Die Hormonwirkung ist bei Typ-2-Diabetikern eingeschränkt, was erklärt, warum bei ihnen der frühe Insulin-Peak fehlt. Wegen seiner sehr kurzen Halbwertszeit ist laut Prof. Dr. Michael Sturmvoll (Leipzig) eine direkte Behandlung mit GLP-1 nicht möglich. Mit zwei verschiedenen Strategien lässt sich die GLP-1-Wirkung dennoch nutzen.
Pumpen mit kontinuierlicher Glucosemessung
Mit einer Substanz, die GLP-1 sehr ähnlich ist, versucht man, die Wirkung im Organismus nachzuahmen. Ein entsprechender Wirkstoff, der ursprünglich im Speichel der amerikanischen Krustenechse entdeckt wurde, ist in den USA bereits im Handel und steht in Europa zur Zulassung an. Eine zweite Strategie besteht darin, die GLP-1- abbauenden Enzyme zu hemmen und so die Wirkung zu erhalten. Mit der Entwicklung der Dipeptidyl-Peptidase-4-Inhibitoren (DPP-4) wird diese Strategie genutzt. Von den Gliptinen erhoffen sich Wissenschaftler zugleich die Möglichkeit, direkt in das Krankheitsgeschehen eingreifen zu können. Es gibt Hinweise darauf, dass sie den weiteren Untergang der Betazellen im Pankreas stoppen und sogar die Zellregeneration anregen.
Auch die Technik bietet Neuerungen. „Die Insulin-Pumpensysteme sind mittlerweile so ausgereift, dass sogar Kleinkinder damit eingestellt werden können“, berichtete Kiess. Inzwischen seien auch erste Systeme mit kontinuierlicher Glucosemessung im Einsatz: „Das ist ein Quantensprung in der Versorgung der Patienten.“ Die Deutsche Diabetes-Gesellschaft hat die aktuelle Entwicklung mit der Gründung der neuen Arbeitsgemeinschaft „Insulinpumpen und Technologie“ beantwortet. Christine Vetter

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