ArchivDeutsches Ärzteblatt24/2006Psychoanalyse: Verdrängung der Realität

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Psychoanalyse: Verdrängung der Realität

Dtsch Arztebl 2006; 103(24): A-1668

Eul, Winfried

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LNSLNS . . . Der Artikel von Prof. Buchholz preist etwas an, was die Psychoanalyse zuallerletzt ist: eine Lebenskunst. Vielleicht stimmt das für satte Vereinsmitglieder, aber nicht für jene Psychiater, die als verleumdete und angefeindete Einzelkämpfer, aber aus Überzeugung, eine psychoanalytische Psychiatrie zum Wohle ihrer Patienten als Spezialität anbieten können. Es ist seit Freud in der Psychoanalyse eine neurotische Tradition, alles zu verdrängen oder bewusst zu ignorieren, was das System gefährden könnte. Ich erinnere daran, dass Freud seinen berühmten Vorgänger, Carl Gustav Carus, nach dem die Medizinische Akademie der Dresdener Universität benannt ist und dessen lesenswerte „Psyche“ von 1846 in diesem Jahr ihren 160. Geburtstag feiert, nirgends in seinen Schriften erwähnt und dass es ihm alle seine Anhänger bis heute, soweit ich das Schrifttum kenne, nachmachen. C. G. Jung war da eine Ausnahme. Die „Lebenskunst“ als eine Essenz der Psychoanalyse hinzustellen und eigene Offenbarungen sowie Klatsch und Tratsch über andere, mit Veröffentlichungen von Randfiguren der Psychoanalyse garniert, als den frischen Wind in der Psychoanalyse zu vermarkten, ist unglaubwürdig . . . Der psychologische Artikel im DÄ mag ehrlich gemeint sein, wie die Psychoanalyse es immer sein sollte, aber er verdrängt die Realität, den unverändert weiterschwelenden Konflikt zwischen Psychiatrie und Psychoanalyse. In der Rückschau auf die letzten 25 Jahre Psychoanalyse gibt der 150. Geburtstag Freuds Anlass zu kritischer Bilanz. Das Gelobte Land der Psychiatrie ist für Moses und seinen Josua noch lange nicht erreicht (Brief Freuds an Jung v. 17. 1. 1909, zitiert aus „Selbstdarstellungen“, Fischer Taschenbuch, S. 29). Haben etwa die Anwendungen der Psychoanalyse, vor allem im Bereich der Psychiatrie, während dieser Zeit mehr Geltung bekommen? Ich glaube nicht. Wo sind die Ideen und die Begeisterung der damaligen Lehrstuhlinhaber geblieben, die die Psychoanalyse auf die Lehrstühle in die Universitäten gebracht haben? Liest man ihre lesenswerten Veröffentlichungen heute überhaupt noch, oder übt man sich auch hier im Verdrängen? Wie ist es möglich, dass man seelisch Leidende heute immer noch zum „Neurologen“ schickt – wie vor 150 Jahren – und nicht direkt zum Spezialisten überweist? . . .
Dr. med. Winfried Eul, Westwall 189, 47798 Krefeld
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