ArchivDeutsches Ärzteblatt24/2006Heroin: Blinder Aktionismus?

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Heroin: Blinder Aktionismus?

Dtsch Arztebl 2006; 103(24): A-1668 / B-1421 / C-1373

Baiker, Hans

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Eine Spritze mit Diamorphin wird aufgezogen. Foto: picture-alliance
Eine Spritze mit Diamorphin wird aufgezogen. Foto: picture-alliance
Die Behandlung von Drogenkranken ist eine uralte Krux in der Psychiatrie. Man lese nur die Dokumentation über das Debakel, in welches Sigmund Freud mit der Kokainbehandlung seines morphinabhängigen Freundes geraten ist. Bei S. Fischer sind seine Kokain-Schriften veröffentlicht. Jetzt also die neueste Drehung in dieser Endlosschraube und die Anpreisung der Behandlung Heroinabhängiger mit Heroin. Die Frage darf erlaubt sein, ob man sich am homöopathischen Simileprinzip orientiert oder ob es doch wieder nur blinder Aktionismus ist. Wenn ich die Auflistung der Kosten sehe, werde ich nur wütend, weil ich noch die Apothekenpreise der Betäubungsmittel aus den 70er- bis 80er-Jahren in Erinnerung habe, wirkliche Spottpreise im Vergleich zu heute. Und die Herstellung von L-Polamidon ist sicher nicht komplizierter geworden als vor 30 Jahren. Diazethylmorphin lässt sich bekanntlich mit dem Kosmos-Chemiekasten aus Morphinbase und Eisessig aufkochen. Aber Drogenhändler, ob legale oder illegale, haben ihre eigene Ethik und deshalb bekommt Diamorphin den Mondpreis, der ihm von den Politikern zugestanden wird. Gehen wir davon aus, es handelt sich nur um Aktionismus. Dieser hat noch nie weitergeholfen. Diesen Eindruck muss für einen langjährigen Drogenbeauftragten der Ärztekammer Westfalen-Lippe die Mitteilung hinterlassen, dass die Drogenbeauftragten jetzt die Heroinvergabe an Süchtige zulassen wollen. Es gibt keine vernünftigen Argumente, den Teufel mit dem Teufel austreiben zu wollen, nachdem das Austreiben mit dem Beelzebub schon für die Gesundheit der Drogenabhängigen nichts gebracht hat: Ob sie nun Heroin aus dem Schwarzmarkt nehmen, Methadon schlucken oder sich Heroin aus staatlichen Beständen spritzen lassen, sie bleiben abhängig und suchtkrank. Dies ist das zentrale gesundheitliche Problem. Die Entlastung für die Justizverwaltung und die staatlichen Sicherheitsorgane steht auf einem anderen Blatt. Diese werden aber nicht entlastet, indem Methadon durch Heroin ersetzt wird. Das Hauptargument gegen Heroinvergabe ist die schlechte Kontrolle des Beigebrauchs. Dieses Problem besteht auch bei den stillschweigend übergangenen anderen Substitutionsmethoden einschließlich Subutex und Codein. Wenn Methadon verordnet wird, kann mühelos die illegale Einnahme von Heroin kontrolliert werden. Dies ist nicht mehr möglich, wenn der Suchtersatzstoff mit dem illegalen Stoff identisch ist. Und Heroin dem Süchtigen vom Arzt spritzen lassen? Horribile! Für mich ist unverständlich, warum selbst Suchtexperten unter Politikern nicht mehr in Erinnerung haben, dass Heroin als „Heilmittel“ zur Behandlung der morphinabhängigen Soldaten im 1870er-Krieg entwickelt und auf den Markt gebracht wurde. Was damals falsch war und sich im wahrsten Sinne des Wortes als Rohrkrepierer herausgestellt hat, kann im 21. Jahrhundert nicht viel richtiger sein . . . Der Drogenpolitik wird langfristig nichts übrig bleiben, als sich von sozial-romantischen Vorstellungen aus dem Ende des letzten Jahrhunderts zu verabschieden . . .
Dr. med. Hans Baiker,
Lange Straße 55, 32756 Detmold
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