ArchivDeutsches Ärzteblatt8/1996Befragung in Hannover: Was Ärzte rückblickend von ihrer Ausbildung halten

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Befragung in Hannover: Was Ärzte rückblickend von ihrer Ausbildung halten

Dtsch Arztebl 1996; 93(8): A-451 / B-363 / C-341

Pabst, Reinhard; Rothkötter, Hermann-Josef

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LNSLNS Über die Notwendigkeit einer Reform des Medizinstudiums besteht international und national Einigkeit. Über ihren Umfang und die Zielsetzung wird intensiv diskutiert. In Deutschland haben unter anderem der Wissenschaftsrat und die Sachverständigenkommissionen beim Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium, der Murrhardter Kreis und der Deutsche Ärztetag Vorschläge zur Reform des Medizinstudiums vorgelegt. Viele Diskutanten haben das Studium in der derzeitigen Form aber gar nicht selbst durchlaufen oder kennen als Hochschullehrer nur einzelne Lehrveranstaltungen. Deshalb ist die Einschätzung jüngerer Kolleginnen und Kollegen viel wichtiger. An der Medizinischen Hochschule in Hannover wurden deshalb Ärztinnen und Ärzte rückblickend nach ihren Ansichten befragt.


Kürzlich wurden Medizinstudierende am Ende des Studiums dazu befragt, wie relevant einzelne Kurse und Vorlesungen für die ärztliche Ausbildung ihrer Meinung nach waren (1). Dabei überraschten die großen Unterschiede in der Einschätzung der Bedeutung einzelner Fächer. Nun gingen wir der Frage nach, wie junge Kollegen und Kolleginnen nach einigen Jahren Berufserfahrung, das heißt zur Zeit der Facharztprüfung, das Medizinstudium im Rückblick beurteilen (siehe Tabelle). Bei der Meldung zur Facharztprüfung bei der Ärztekammer Niedersachsen erhielten die Ärztinnen und Ärzte einen Fragebogen und einen erläuternden Begleitbrief. Einige Erkenntnisse aus den ersten 84 Antworten sollen hier dargestellt werden (Rücklauf: circa 30 Prozent).
Der Anteil der Ärztinnen an den Antwortenden betrug 30 Prozent. Die häufigsten Weiterbildungsfächer waren: Innere Medizin (25 Prozent), Chirurgie (20 Prozent), Gynäkologie und Geburtshilfe (zehn Prozent), Allgemeinmedizin und Anästhesie (jeweils sieben Prozent). Diese Verteilung entspricht weitgehend der Gesamtverteilung bei den Facharztprüfungen im Bereich der Ärztekammer Niedersachsen im Jahr 1993. Bei den Befragten waren seit dem Staatsexamen zwischen vier und 16 Jahren vergangen. So hatten auch nur 42 Prozent die AiP-Zeit ableisten müssen. Nur sechs Prozent hielten diese Phase für sinnvoll. Ein Prozent war der Auffassung, man solle die AiP-Zeit auf die ursprünglich geplanten zwei Jahre verlängern. Alle anderen (93 Prozent) bezeichneten die Zeit als Arzt im Praktikum als "unsinnig".
Die große Mehrzahl der Ärztinnen und Ärzte (72 Prozent) war promoviert. 89 Prozent von ihnen urteilten, daß es sinnvoll gewesen sei, eine Doktorarbeit zu schreiben. Von denjenigen, die nicht promoviert waren, sagten einige (11 Prozent), sie hätten kein Interesse gehabt. Manche hatten noch Pläne, die Arbeit abzuschließen (43 Prozent). Die meisten hatten die Arbeit nicht beendet (54 Prozent).
Die Antworten auf folgende Frage waren überraschend: "Wurden im Studium zu viele Themen behandelt, die Ihrer Ansicht nach in die Weiterbildung gehören?" Nur 17 Prozent beantworteten diese Frage mit Ja. Demnach hält die überwiegende Mehrheit die Themen des Medizinstudiums für eine sinnvolle Grundlage für die Weiterbildung. Zwei Drittel der Befragten meinen, die vorgeschriebene Studienzeit sei angemessen, und ein Drittel hält sie für zu lang.
Großes Interesse wurde an Lehrveranstaltungen in den Medizinischen Fakultäten während der Weiterbildung geäußert (84 Prozent). Fast die Hälfte der Befragten zeigte Interesse an speziellen Praktika und Kursen in den Fakultäten, die Spezialwissen für die jeweilige Weiterbildung betreffen sollten. Das sind offensichtlich Aufgaben für die Fakultäten, die bisher zu wenig wahrgenommen werden.
Aus der Tabelle wird deutlich, daß die abgefragten Themen von Prüfung zu Prüfung als relevanter für die Weiterbildung eingeschätzt wurden. Gefragt wurde auch nach der Bedeutung der in der Approbationsordnung vorgeschriebenen Unterrichtsveranstaltungen für die ärztliche Ausbildung. Am geringsten wurden im Rückblick folgende fünf Fächer eingeordnet: Biomathematik, Terminologie, Ökologisches Stoffgebiet, Physik und Chemie. Die größte Bedeutung wurde folgenden fünf Fächern zugewiesen: Makroskopische Anatomie, Innere Medizin, Untersuchungskurs, Pharmakologie und Chirurgie.1)
Die Ergebnisse dieser Befragung müssen natürlich mit Vorsicht bewertet werden, da die geringe Zahl der Teilnehmer keine repräsentativen Ergebnisse liefert. Trotzdem können die Antworten Anregungen sein zu überlegen, in welchen Fächern offensichtlich die Ausrichtung auf die ärztliche Ausbildung dringend verbessert werden müßte. Auch sollte das Interesse an Lehrveranstaltungen in den medizinischen Fakultäten während der Weiterbildung registriert werden.
Unter den freien Äußerungen in den Fragebogen ragten der Wunsch nach mehr praktischer Ausbildung und der Wunsch nach der Integration von Theorie und Praxis heraus. Das entspricht auch den Angaben aus dem Absolventenreport Medizinstudium (2). Befragungen von Ärztinnen und Ärzten mit einigen Jahren Berufserfahrung und Abstand zum Studium liefern demnach wichtige Hinweise für die Diskussion um die Verbesserung der Ausbildung und sollten bei der Reform des Medizinstudiums berücksichtigt werden.


Literatur:
1. Pabst R, Rothkötter HJ: Wie beurteilen Medizinstudenten die Bedeutung verschiedener Lehrveranstaltungen für die ärztliche Ausbildung? Dtsch Med Wochenschr 120, 84-85, 1995
2. Minks KH, Bathke GW: Absolventenreport Medizin: Ergebnisse einer Längsschnittuntersuchung zum Berufsübergang von Absolventinnen und Absolventen der Humanmedizin. Bundesministerium für Bildung und Wissenschaft, Bonn, 1994


Anschrift der Verfasser:
Prof. Dr. med. Reinhard Pabst
Priv.-Doz. Dr. med. Hermann-Josef Rothkötter
Abteilung Funktionelle und Angewandte Anatomie
Medizinische Hochschule Hannover
30623 Hannover

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