ArchivDeutsches Ärzteblatt24/2006Marokko: Trekking im Hohen Atlas – Wo Schakale Hochzeit feiern

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Marokko: Trekking im Hohen Atlas – Wo Schakale Hochzeit feiern

Sturmhoebel, Elke

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Fotos: Elke Sturmhoebel
Fotos: Elke Sturmhoebel
Maultiere tragen das Gepäck. Imlil, ein Bergdorf rund 50 Kilometer südlich von Marrakesch, ist Ausgangspunkt der Trekkingtour im Nationalpark Toubkal. Dort treffen wir auf die Begleitmannschaft, Köche und Mulitreiber. Zehn Tage lang wird es durch eine grandiose Landschaft gehen: durch Schluchten und oleandergesäumte Bachbetten, über Pässe und Hochebenen, durch üppig-grüne Oasen. Den Toubkal, den höchsten Berg Nordafrikas, werden wir am Ende der Tour besteigen.
Brahim Jabir begleitet die Gruppe. Er ist Berber und im Hohen Atlas aufgewachsen. In dieser Region kennt er jeden Wacholderbusch und jeden Stein. Was er unterwegs über sich erzählt, hätte sich auch Scheherazade, die Erzählerin in Tausendundeiner Nacht, ausdenken können: Als kleiner Junge musste er die Tiere hüten. Jeden Morgen ging er mit den Schafen und Ziegen auf die Hochweiden der Dadès-Schlucht. Eines Tages passierte das Unglück: Ein Schakal riss zwei Mutterschafe und tötete zwei Zicklein. Brahim, der fünfte von sieben Söhnen, hatte sich als Nichtsnutz erwiesen. Zur Strafe schickten ihn die Eltern in die Schule. Stundenlang musste er stillsitzen. Die Schule kam ihm wie ein Gefäng-nis vor. Doch Brahim lernte schnell, machte Abitur, studierte Sprachwissenschaften, Englisch und Literatur und spricht mittlerweile fünf Sprachen.
Das Thema Bildung ist ihm wichtig. Seit vier Jahren gebe es in Marokko die siebenjährige Schulpflicht. Brahim unterstützt seine 13 Nichten und Neffen in seinem Heimatdorf, damit sie in die Schule gehen können. Doch viele können sich diesen Luxus nicht leisten, denn Bücher und Hefte müssen selbst bezahlt werden. Erwachsene sind nachmittags aufgefordert, in die Schule zu gehen. Sie brauchen nur eine Schiefertafel mitzubringen. Es gilt, die Analphabetenrate zu senken, die derzeit bei 43 Prozent liegt. Seit König Mohammed VI. den Thron bestiegen hat, sind viele Reformen in die Wege geleitet worden.
Jallah, auf geht’s! Die Maultiere sind noch nicht bepackt, aber so viel ist klar: In Kürze werden sie uns überholen, dabei mit den Ohren wackeln und schon bald aus dem Blickfeld entschwunden sein. Während wir nur mit Tagesrucksack laufen und immer mal wieder verschnaufen, trippeln die Packtiere – mit Zelten, Schlafsäcken, Matten, Reisetaschen und der Küche auf dem Buckel – leichtfüßig und, wie es aussieht, mühelos an uns vorbei.
Die unberührte Natur nimmt uns gefangen. Schon bald erscheint uns das quirlige Marrakesch wie eine Fata Morgana, die allabendliche Inszenierung auf dem Platz der Gehenkten – die Gaukler, Schlangenbeschwörer, Affenbändiger, Wasserverkäufer und Wahrsagerinnen – wie ein flüchtiger Traum.
In Windeseile spricht es sich herum, wenn sich bleiche Europäer einem Dorf nähern. Und schnell ist ein Pulk Kinder um uns herum. Dass Familien im Durchschnitt fünf Kinder haben und ein Drittel der Bevölkerung jünger als fünfzehn Jahre ist, glaubt man gern.
Maultiere tragen das Gepäck.
Maultiere tragen das Gepäck.
Wie Schwalbennester kleben die Dörfer oberhalb der fruchtbaren Flusstäler an den Berghängen. Bis auf 2 100 Metern Höhe werden hauptsächlich Hartweizen, Mais und Feldfrüchte angebaut. In Zement eingefasste Kanäle sorgen für die Bewässerung der Terrassenfelder. Die Häuser sind oft noch aus Lehm gebaut, die Fensteröffnungen mit weißer Farbe gegen Insekten geschminkt. In den abgeschiedenen Dörfern gibt es keine Polizei oder andere Amtspersonen. Das Leben regelt vielmehr die Ratsversammlung der Großfamilien. Sie entscheidet bei Unstimmigkeiten über Weiderechte, Bewässerungszeiten und andere Probleme, die das Gewohnheitsrecht betreffen. Sie schlichtet aber auch Familien- oder Ehestreitigkeiten.
Frauen, schwer bepackt mit Grünzeug für das Vieh und Brennmaterial, kommen wie wandelnde Büsche daher. Man sieht sie beim Wäschewaschen, Wasserholen und beim Jäten. Männer seien nur deshalb nicht zu sehen, weil sie schon frühmorgens mit den Tieren zu den Weiden gingen. Und vorher hätten sie noch die Felder bewässert, verteidigt Brahim das männ-
liche Geschlecht. Ob die buckelnden Frauen wissen, dass der König vor zwei Jahren ein neues Familienrecht verfügt hat und sie nun zu den Emanzipiertesten in der arabischen Welt gehören? Doch bis die Kunde in jedes Tal dringt, dass die Frau dem Mann nicht mehr Untertan ist und keinen Vormund mehr braucht, wenn sie heiraten will, sie sich mit einer zweiten Ehefrau einverstanden erklären muss, werden noch Jahre ins Land gehen.
Marrakesch: Platz der Gehenkten – Jemaa- el-Fna. Bis weit in die Nacht wird getrommelt.
Marrakesch: Platz der Gehenkten – Jemaa- el-Fna. Bis weit in die Nacht wird getrommelt.
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Das Bachbett im Tafelka-Canyon wird von mannshohen rosa blühenden Oleanderbüschen gesäumt. Der Weg zum Camp nimmt kein Ende. Als wir ankommen, ist das Gemeinschaftszelt aufgebaut und der süße Pfefferminztee für die müden Wanderer schon zubereitet. Die Mulis grasen. Die Köche Ahmed und Mohammed backen Fladenbrote im Steinofen. Ein Donnergrollen ist zu vernehmen, obwohl keine Gewitterwolken zu sehen sind. Das seien Schakale, die Hochzeit feiern, sagt Brahim.
Am Tag darauf schlagen wir die Zelte bei Assarag auf. In dem rund 4 000 Einwohner zählenden Städtchen gibt es eine kleine Klinik und auch ein Café. Ein Hufschmied ist aus dem Ort gekommen, um die Maultiere neu zu beschlagen. Die Tiere sind eine Geldanlage und müssen entsprechend gepflegt werden. Mit 600 bis 1 000 Euro schlägt ein kräftiges, weibliches Tier zu Buche. Lasten tragen dürfen sie erst mit fünf Jahren. Das erste Jahr noch ohne Hufeisen, damit sie ein Gefühl für den Boden bekommen. Nachdem die Tiere „verarztet“ wurden, bekommen sie einen Sack mit Kraftfutter um den Hals gehängt. Sechs Handvoll Gerste stehen ihnen morgens und abends zu.
Der Lac d’Ifni auf fast 2 300 Metern Höhe ist der einzige natürliche Bergsee im westlichen Teil des Hohen Atlas. Nach sechs Stunden Gehzeit von Assarag – fast immer leicht bergauf – liegt der blaugrüne See auf einmal unter uns. Das klare Wasser sorgt für Abkühlung – es hat nie mehr als 17 °C. Der letzte und schwerste Abschnitt der Trekkingtour liegt nun vor uns: Der Anstieg zum 3 664 Meter hohen Tizi Ouanoums, der sich wie eine Barriere vor den Toubkal geschoben hat. In aller Frühe geht es los, damit wir noch vor der Mittagshitze den Pass erreichen.
Und wieder dauert es nicht lange, bis wir von der Mulikarawane überholt werden. Flinken Schrittes und schwer bepackt stolzieren sie an uns vorbei. Der Pfad ist die reinste Muliautobahn, denn wir sind nicht die einzige Gruppe, die den 4 167 Meter hohen Toubkal zum Ziel hat. Bei der Neltner-Hütte schlagen wir das Basislager auf. Morgen geht es auf den höchsten Gipfel ohne die Mulis. Die Verschnaufpause sei ihnen gegönnt. Elke Sturmhoebel


Reise-Tipps
Trekking im Hohen Atlas ist nur im Sommer möglich, wenn kein Schnee mehr liegt. Die beschriebene 15-tägige Tour mit Brahim Jabir als Führer bietet Wikinger Reisen an vier Terminen zwischen Juli und September an. Sie kostet einschließlich Flug nach Marrakesch ab 1 158 Euro.
Auskunft im Reisebüro oder im Internet unter www.wikinger.de und über den Hohen Atlas beim Staatlichen Marokkanischen Fremdenverkehrsamt, Graf-Adolf-Straße 59, 40210 Düsseldorf, Telefon: 02 11/37 05 51-52, Fax: 02 11/37 40 48, Internet: www.tourismus-in-marokko.de und www.marokko.com.

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