THEMEN DER ZEIT

Gehaltsabrechnung

Dtsch Arztebl 2006; 103(24): A-1666 / B-1419 / C-1371

Böhmeke, Thomas

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Heilen und Helfen – so heißen die beiden Neurotransmitter, die nicht nur uns Ärzte zu ständigen Höchstleistungen anspornen. Aber satt wird keiner davon, auch unsere Arzthelferinnen müssen sich ernähren, ein Dach über dem Kopf haben und für die Rente sorgen. Für sie bedeutet ihr Gehalt auch Schmerzensgeld für die besonderen Anforderungen ihrer Tätigkeit. Immer schön freundlich bleiben, auch wenn sie unseren Schutzbefohlenen Dinge vermitteln müssen, die so angenehm sind wie Stacheldraht in der Speiseröhre: Praxisgebühr, Zuzahlungen, Wartelisten und so weiter. Eine gewisse Leidensbereitschaft scheint Grundvoraussetzung für diesen Job zu sein, auch was die absolute Höhe des tariflich festgelegten Einkommens anbelangt. Der Grund, warum jetzt meine Helferin sichtlich erbost vor mir sitzt, ist allerdings ein anderer: „Von meinen 1 500 Euro, die ich im Monat bekomme, bleiben mir noch nicht mal 900 Euro, da kann ich mich ja gleich arbeitslos melden! 150 Euro allein für die Lohnsteuer!“ Ich versuche sie damit zu trösten, dass ich mit einer ganz anderen Progression verhaftet sei und ein Drittel meines Einkommens der Extinktion durch den Fiskus . . . – „Hier, schauen Sie mal! 110 Euro Kran­ken­ver­siche­rung!“ Aber sie ist wenigstens nicht in einer privaten Kran­ken­ver­siche­rung, die mir mal eben 500 Euro absaugen würde . . . – „Und die Rentenversicherung macht mich noch mal 150 Euro ärmer! Wo doch jeder weiß, dass man davon, wenn man alt ist, nichts wieder bekommt!“ Dieses Argument ist differenzialdiagnostisch schwer zu kontern, man könnte die Rentenzahlungen als milde Gabe verstehen; schließlich fordert das Berufsethos . . . – „. . . und der Soli kostet acht Euro, die Kirche grapscht sich 13 Euro, wo bleibt denn die Solidarität mit mir, wer macht für mich eine Fürsprache?!“ Ich entgegne, dass so hohe Güter wie der Aufbau Ost ihren Preis fordern würden, die Kirche sei nun mal für die wirklich Bedürftigen . . . – Der Zorn meiner Arzthelferin dämpft sich allmählich. „Sagen Sie doch mal, Herr Doktor, was bleibt Ihnen denn übrig, so nach Abzug aller Unkosten und Steuern?“ Ach, als Selbstständiger weiß man das nie so genau. Wenn ich die Rücklagen für Regressforderungen mit einbeziehe, bleiben mir zwei- bis dreitausend Euro im Monat . . . – „Ach nee, Herr Doktor, einen Moment wollte ich mich schon arbeitslos melden und nebenher schwarzarbeiten. Aber wenn das so ist, dass Sie auch nicht viel mehr verdienen, bleib’ ich doch bei Ihnen.“ Da habe ich ja noch mal Glück gehabt. Ohne Arzthelferinnen könnte ich die Praxis dichtmachen, und was wird dann aus meinem Helfersyndrom? Dr. med. Thomas Böhmeke
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