ArchivDeutsches Ärzteblatt25/2006Lohnnebenkosten: Überhöhte Erwartungen

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Lohnnebenkosten: Überhöhte Erwartungen

Dtsch Arztebl 2006; 103(25): A-1709 / B-1461 / C-1413

Blöß, Timo

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LNSLNS Krampfhaft überlegt die große Koalition, wie man die Beiträge zur Kran­ken­ver­siche­rung von den Löhnen entkoppeln und damit den Faktor Arbeit billiger machen kann. Denn, so heißt es immer wieder, die Lohnnebenkosten sind im internationalen Vergleich zu hoch.
Doch im europäischen Vergleich ist Deutschland wettbewerbsfähig, wie eine Studie des gewerkschaftsnahen Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) belegt. Die deutschen Arbeitskosten liegen demnach mit 26,22 Euro pro Stunde im verarbeitenden Gewerbe und im Dienstleistungsbereich unter denen in Dänemark, Schweden, Belgien, Luxemburg, Frankreich, den Niederlanden und Finnland und damit im europäischen Mittelfeld. Deutlich niedriger sind sie lediglich in Südeuropa und den mittel- und osteuropäischen Beitrittsländern. Mit den Löhnen der Osteuropäer von rund fünf Euro kann Deutschland nicht konkurrieren. Grundsätzlich lässt die Nebenkosten-Debatte zudem außer Acht, dass Exportweltmeister Deutschland vor allem wegen der schwachen Binnennachfrage kränkelt. Lohnnebenkosten sind aber auch Kaufkraft. Die Beiträge zu den Sozialversicherungen fließen – etwa in Form von Arbeitslosengeld oder Rente – den Haushalten zu, die damit ihren Konsum finanzieren. Mit den Beiträgen werden auch Leistungen und damit Arbeit im Gesundheitswesen bezahlt. Allein dort stehen rund 4,2 Millionen Menschen in Lohn und Brot.
Außen vor lassen die Forderungen der Wirtschaft an die Politik, die Lohnnebenkosten zu senken, auch, dass die Arbeitgeber selbst Einfluss darauf haben: über tarifvertraglich geregelte Sonderzahlungen. Urlaubs- und Weihnachtsgeld, Zuschüsse zur betrieblichen Altersversorgung – im produzierenden Gewerbe machen diese Kosten dem Institut der deutschen Wirtschaft zufolge rund 60 Prozent der Personalzusatzkosten aus. Sollten indes die Sozialbeiträge der Arbeitgeber eingefroren werden, werden die Gewerkschaften die künftigen Einbußen ihrer Klientel in härteren Arbeitskämpfen wieder hereinzuholen versuchen.
Ein Blick in die neuen Bundesländer verdeutlicht im Übrigen, dass niedrigere Lohnkosten nicht der alleinige Schlüssel zu mehr Arbeitsplätzen sind. Dort lagen die Arbeitskosten laut IMK-Studie nur bei rund 17,15 Euro. Von einem Jobwunder in Ostdeutschland hat man aber bisher nichts gehört. Timo Blöß
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