ArchivDeutsches Ärzteblatt25/2006Ethikberatung in der klinischen Medizin: Gemeinsame Wegsuche in Grenzbereichen

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Ethikberatung in der klinischen Medizin: Gemeinsame Wegsuche in Grenzbereichen

Rieser, Sabine

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Ethikberatung: ein Fall für multiprofessionelle Teams, besetzt quer durch alle Berufe und Hierarchieebenen. Foto: SUPERBILD
Ethikberatung: ein Fall für multiprofessionelle Teams, besetzt quer durch alle Berufe und Hierarchieebenen.
Foto: SUPERBILD
Die Zahl der Krankenhäuser wächst, die für schwierige Entscheidungen spezielle Beratungen anbieten. Nun hat die Bundes­ärzte­kammer dazu eine Stellungnahme veröffentlicht.

Der Patient in der Klinik war 90 Jahre alt, nach einem Schlaganfall halbseitig gelähmt, kaum ansprechbar. Die Ärzte wollten ihm eine PEG-Sonde legen, bevor er ins Pflegeheim zurückverlegt wurde. Doch als die Angehörigen sich deshalb mit dem Hausarzt besprachen, kam Widerspruch: Dieser kannte seinen Patienten seit Jahren, wusste von verschiedenen Vorerkrankungen und war sich sicher, dass eine Lebensverlängerung durch eine PEG-Sonde nicht dem Willen des 90-Jährigen entsprochen hätte.
Der Fall wurde deshalb im Rahmen einer klinischen Ethikberatung mit allen Beteiligten erörtert, einschließlich des Hausarztes und einer Vertretung des Pflegeheims, erinnert sich Prof. Dr. med. Dr. phil. Jochen Vollmann. Der Direktor des Instituts für Medizinische Ethik und Geschichte der Medizin der Ruhr-Universität Bochum beriet damals das Team. Am Ende wurde einvernehmlich entschieden, den Patienten ohne Sonde ins Heim zurückzuverlegen und ihn dort von seinem Hausarzt betreuen zu lassen. Er starb nach kurzer Zeit.
Kein Einzelfall, aber auch kein einfacher Fall – und in immer mehr Krankenhäusern mittlerweile Anlass, eine klinische Ethikberatung in einem multiprofessionellen Team anzusetzen. Nach Angaben von Prof. Dr. med. Dr. phil. Urban Wiesing, Direktor des Instituts für Ethik und Geschichte der Medizin der Universität Tübingen und Vorsitzender der Zentralen Ethikkommission bei der Bundes­ärzte­kammer (BÄK), bieten dies in Deutschland mittlerweile rund 200 der 2 200 Krankenhäuser an. Standards oder Empfehlungen für die Einrichtung solcher Institutionen fehlten allerdings. Deshalb hat die Zentrale Ethikkommission vor kurzem eine Stellungnahme dazu verfasst, die Vollmann und Wiesing am 13. Juni in Berlin vorstellten (Dokumentation in DÄ, Heft 24, Bekanntgaben). Die Zentrale Ethikkommission hofft, auf diese Weise „zu informieren, Probleme zu benennen und Fehlentwicklungen zu vermeiden“. Die Stellungnahme ist zugleich ein Aufruf: Weitere Gründungen entsprechender Komitees in den Kliniken seien ein wichtiger Beitrag zur Verbesserung der Patientenversorgung, erklärt Wiesing. „Ethische Sensibilisierung sowie Argumentations- und Entscheidungskompetenz können verbessert und ärztliche Entscheidungen transparenter gemacht werden.“
Prof. Urban Wiesing: Es gibt schon zahlreiche Formen der klinischen Ethikberatung, aber es fehlte noch weitgehend an Standards. Foto: privat
Prof. Urban Wiesing: Es gibt schon zahlreiche Formen der klinischen Ethikberatung, aber es fehlte noch weitgehend an Standards. Foto: privat
Beide Mitglieder der Zentralen Ethikkommission der BÄK betonen aber zugleich, die Beratung solle nicht die persönliche Arzt-Patient-Beziehung stören. Sie ersetzt auch nicht die eigenverantwortliche Entscheidung über Behandlung und Pflege kranker Menschen. Sie soll aber allen Mitarbeitern im Krankenhaus als Unterstützung dienen, die in einem konkreten Behandlungsfall vor ein ethisches Problem gestellt sind. Am besten sei es, wenn unterschiedliche Berufsgruppen wie Hierarchieebenen vertreten seien, stellt Wiesing klar. Dass es Widerstände gegen klinische Ethikberatungen gibt, ist ihm bekannt: Nicht jeder Chefarzt ist erfreut, wenn jemand aus dem Team dies vorschlägt und damit zugleich stationsinterne Vorgänge transparent machen möchte.
Nach Wiesings Erfahrungen umfassen die meisten Beratungen Fragen der Therapiebegrenzung, gefolgt von Fragen zu Spätabtreibungen. Auch Konflikte durch sehr hohe Therapiekosten sind schon in Ethikberatungen thematisiert worden: „Wir haben Anfragen, bei denen finanzielle Fragen eine Rolle spielen“, sagt Wiesing. Vollmann ist überzeugt, dass diese zunehmen werden: „Die ökonomische Begrenzung wird zu Wertfragen führen.“ Sabine Rieser
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