ArchivDeutsches Ärzteblatt25/2006Radiologie: Hochleistungsgeräte ermöglichen funktionelle Untersuchungen

MEDIZINREPORT

Radiologie: Hochleistungsgeräte ermöglichen funktionelle Untersuchungen

Nickolaus, Barbara

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Erhebung des Gefäßstatus: Neben Kalzifizierungen entlang der Aorta zeigt sich eine Hufeisenniere. Abbildungen: Siemens
Erhebung des Gefäßstatus: Neben Kalzifizierungen entlang der Aorta zeigt sich eine Hufeisenniere. Abbildungen: Siemens
Der Deutsche Röntgenkongress in Berlin gab einen Überblick über die zahlreichen technischen Innovationssprünge des Fachbereichs.

Zurzeit gibt es wohl kaum ein Fach, das derart spannende Ergebnisse liefert und manch althergebrachte Einsatzbereiche sprengt wie die diagnostische und interventionelle Radiologie. Die rasante technologische Geräte- und Verfahrensentwicklung führt seit einigen Jahren regelrecht zu Innovationssprüngen in einzelnen Bereichen – wie zum Beispiel der Notfall- und Intensivmedizin, der Kardiologie, Onkologie oder der Neuroradiologie.
Vorteile dieser Neuerungen sind genaue Diagnosen innerhalb weniger Sekunden oder Minuten, höhere Detailgenauigkeit der generierten Daten und damit wesentlich aussagefähigere Bilder. Die Verfahren werden zunehmend weniger invasiv und haben eine geringe oder gar keine Strahlenbelastung. „Der Workflow wird beschleunigt und zugleich durch elektronische Datensicherung und Dokumentation optimiert. Damit sind auch ökonomische Vorteile verbunden“, erklärte Prof. Dr. Maximilian Reiser (München), Präsident der Deutschen Röntgengesellschaft, aus Anlass des Jahreskongresses in Berlin.
Glaubte man vor Jahren noch, die in den 70er-Jahren entwickelte Computertomographie sei in ihren diagnostischen Möglichkeiten ausgereizt, zeigte sich, dass diese Prophezeiung falsch war. Gerade die CT-Verfahren bieten heute ungeahntes Innovationspotenzial. Hierzu zählen das Spiral-CT und der Dual Source CT, ein Highlight der diesjährigen Tagung. Mittlerweile, so Priv.-Doz. Dr. Reinhard Loose (Klinikum Nürnberg-Nord), sei es nicht mehr zu verantworten, bei Unfallverletzten oder Polytraumatisierten erst die ganze Palette von Sonographie des Bauchraums, Röntgen von Lunge, Wirbelsäule, Becken sowie CT von Kopf und Thorax einzusetzen. „Für diese alte Stufendiagnostik wird rund eine Stunde Zeit gebraucht, die nach heutigem Stand der Technik unnötig ist“, so Loose.
Rund 30 000 Verletzungen pro Jahr fallen bei häufig sehr jungen Menschen durch Stürze und Verkehrsunfälle an. Im Vordergrund stehen Frakturen, Bauchtraumen und Schädel-Hirn-Verletzungen. 70 Prozent der Schwerverletzten versterben innerhalb der ersten 24 Stunden. Eine exzellente Frühversorgung in Form der schnellen und präzisen Diagnostik ist entscheidend für die Sterblichkeit. Hier muss ein Paradigmenwechsel einsetzen hin zu modernsten, sehr schnellen Geräten.
Beim 64-Zeilen-Spiral-CT werden innerhalb von 30 bis 60 Sekunden alle Bereiche bestens erkennbar, und diese Bilddaten lassen sich anschließend (nicht mehr Akutdiagnostik) noch dreidimensional nachbearbeiten, um Einzelfragen zu klären. Mit dem MDCT (Multidetektor-CT), bei dem 64 Spiralen parallel eingesetzt werden, kann in Sekundenschnelle mit modernsten Geräten schon im Schockraum ohne Umlagerung oder räumlichen Wechsel des Patienten eine präzise Diagnostik gestellt werden und die Therapieplanung sofort einsetzen („one-stop-shopping“).
Beim Polytrauma kann die Frühsterblichkeit damit um vier Prozent verringert werden. Hier werden vom Aortenaneurysma bis zur Lungenembolie oder dem schweren Bauchtrauma Notfälle in entsprechenden Unfallzentren sofort erkannt und damit die Überlebenschance verbessert.
Zu den besonders schnellen Mehrschicht-CTs zählt der im April an der LMU München erstmals klinisch eingeführte Dual Source CT (DSCT), der nach Aussage der Referenten neue Maßstäbe in der CT-Technologie setzt. Zwei parallel rotierende Röntgenstrahler und Detektoren liefern extrem schnelle, hoch aufgelöste Bilder. Zudem ist die Strahlenexposition für den Patienten um bis zu 50 Prozent reduziert.
Der 2-Röhren-Scanner arbeitet schneller als das schlagende Herz und bewältigt damit auch eine hohe Herzfrequenz und Arrhythmien ohne Bewegungsartefakte. Hier steht nun ein für den Patienten außerordentlich physisch und psychisch schonendes und auch ökonomisch für das Krankenhaus interessantes Verfahren zur Verfügung; denn – so hofft man – die Zahl diagnostischer Herzkatheteruntersuchungen könnte bald wesentlich gesenkt werden.
Pro Jahr werden rund 750 000 Herzkatheteruntersuchungen durchgeführt, 25 Prozent davon ausschließlich zu diagnostischen Zwecken. Bei 50 Prozent aller Untersuchungen ergibt sich keine therapeutische Konsequenz. Weiterer Vorteil der DSCT in der Kardiologie ist die bessere Frühdiagnostik von Gefäßplaques, die auf das Anfangsstadium der KHK hindeuten.
Loose wies auch auf die kommende Bedeutung der neuen Verbundtechniken in der Radiologie hin. Diese Hybridsysteme wie PET/CT oder PET/MRT oder SPECT/CT erlauben vielfach einen tiefen und spezifischen diagnostischen Einblick in den lebenden Organismus. Diese Erkenntnisse konnte man früher nur am toten Körper gewinnen. Hier dürfte die Zukunft noch zahlreiche Innovationen erhoffen lassen.
Patient mit Arrhythmie: Trotz einer schnell wechselnden Herzfrequenz von 48 bis 90 Schlägen pro Minute ist die Bildqualität hervorragend.
Patient mit Arrhythmie: Trotz einer schnell wechselnden Herzfrequenz von 48 bis 90 Schlägen pro Minute ist die Bildqualität hervorragend.
Doch auch die anderen bildgebenden Systeme erweitern zunehmend ihre Anwendungsmöglichkeiten, insbesondere die MRT durch Einsatz von Hochfeldsystemen. Das drei Tesla starke MRT zur Ganzkörperbildgebung bietet eine sehr präzise Diagnostik mit einer einzigen Untersuchung – so etwa zum Tumorstaging und Metastasennachweis, zum Aufspüren eines Herzinfarktes oder im Fall der bei Stoffwechselerkrankungen typischen Blutgefäßschädigungen meist noch, bevor sie symptomatisch werden (zum Beispiel bei Diabetes).
Etwas skurril mutet der Einsatz der funktionellen MRT im Bereich der Marktforschung an. So lassen sich mithilfe der hoch aufgelösten Bilder sogar kognitive Vorgänge – also Wahrnehmungen und Gefühle – darstellen. Wie Prof. Dr. Michael Forsting (Universität Essen) berichtete, lässt sich eine bewusste oder unbewusste Kaufmotivation sowie Wirkungsweisen von Werbebotschaften durch vermehrte Durchblutung und Sauerstoffanreicherung in bestimmten Hirnarealen sichtbar machen. Diese Veränderungen erlauben somit Rückschlüsse, ob ein Proband bei der einen oder anderen Firmenmarke positive Emotionen entwickelt. Dieses „Neuromarketing“ werde in Zukunft sicher an Bedeutung gewinnen.
Autogenes Training ist kein Hokuspokus
Eher medizinischen Bezug hat eine Studie zu den bildgebenden Auswirkungen des autogenen Trainings: Probanden mit und ohne Kenntnisse dieser Entspannungstechnik sollten sich unter MRT-Kontrolle vorstellen, ihren rechten Arm zu bewegen beziehungsweise dass dieser schwer und warm werde. Die Teilnehmer, die autogenes Training beherrschten, zeigten eine Aktivierung der motorischen und sensiblen Areale des Gehirns. Teilnehmer ohne Erfahrung hingegen wiesen keinerlei Aktivität auf. „Dies ist ein klares Zeichen dafür, dass erlernte Entspannungstechniken nicht einfach nur Hokuspokus sind“, wertet Forsting die Studienresultate.
Mithilfe der Computertomographie machen sich die Radiologen nun auch auf Spurensuche in der Rechtsmedizin. Dabei ist die CT der klassischen Autopsie vor allem bei der Identifikation von Toten überlegen. Charakteristische Merkmale wie Prothesen und Implantate werden viel schneller entdeckt. Auch Gasansammlungen und Projektile können präziser lokalisiert werden. „Schussverletzungen können wir mit der CT optimal dokumentieren“, berichtet Dr. med. Thomas Schulz (Universität Leipzig). „Wir erkennen nicht nur die exakte Eintrittsstelle des Geschosses – mit einer 3-D-Darstellung können wir auch genau rekonstruieren, aus welcher Richtung der Schuss abgefeuert wurde.“
Der Möglichkeit, auf Basis von dreidimensionalen CT-Aufnahmen ein Tatgeschehen nachzuvollziehen, misst auch Prof. Dr. Angela Geissler große Bedeutung bei. Die Chefärztin am Robert-Bosch-Krankenhaus in Stuttgart untersucht seit 2003 Verstorbene mit dieser Technik. „Der große Vorteil der CT ist, dass sie den Körper des Toten in seinem ursprünglichen Zustand belässt. Die Schnitte des Rechtsmediziners hingegen verändern die Ausgangslage und können so Spuren verwischen“, betont Geissler. Zudem ist eine CT schneller als eine Sektion. So könnte die „virtuelle Autopsie“ künftig auch bei Katastrophenfällen, bei denen viele Opfer in kürzester Zeit identifiziert werden müssen, eine wichtige Rolle spielen.
Dass der Rechtsmediziner damit sein Skalpell beiseite legen kann, ist unwahrscheinlich. „Die CT kann im Vorfeld der Sektion viele offene Fragen klären – auf ihren Ergebnissen aufbauend, kann der Rechtsmediziner wesentlich effizienter arbeiten“, betonen die Wissenschaftler. Dr. Barbara Nickolaus

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