ArchivDeutsches Ärzteblatt25/2006Todesstrafe in den USA: Ein Tier genießt mehr Schutz

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Todesstrafe in den USA: Ein Tier genießt mehr Schutz

Dtsch Arztebl 2006; 103(25): A-1728 / B-1476 / C-1428

Neuber, Harald

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Foto:AP
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Der Zwischenfall bei einer Hinrichtung im Bundesstaat Ohio hat die Debatte um die Todesstrafe weiter angeheizt.

Die Diskussion um die Todesstrafe in den USA spitzt sich weiter zu. Nachdem erst im Februar die Exekution des verurteilten Mörders Michael Morales in Kalifornien auf unbestimmte Zeit verschoben wurde, weil sich kein Arzt zur Überwachung der Hinrichtung bereit erklärte, hat im Mai ein neuer Fall die Gemüter erregt. Die Henker von Joseph Lewis Clark brauchten rund eineinhalb Stunden, um den 57-Jährigen zu töten. „Es funktioniert nicht“, soll der Todeskandidat nach Angaben von Augenzeugen gerufen haben, nachdem ihm die erste von drei Injektionen verabreicht worden war. Die Gefängnisangestellten versuchten weitere 25 Minuten, Clark die Injektion an Armen und Beinen zu legen, ohne zunächst eine geeignete Vene für die Giftspritze zu finden. Die Gefängnisleitung ließ die Vorhänge für diese Zeit zwar wieder schließen. Doch ein anwesender Reporter der US-Nachrichtenagentur Associated Press berichtete später, wie man Clark noch durch die Scheibe zum Zuschauerraum stöhnen hören konnte.
Nicht vollständig betäubt
Der schockierende Zwischenfall gab Gegnern der Todesstrafe in den USA in ihrem Kampf gegen die vermeintlich humane Hinrichtungsmethode mit der Giftspritze neue Munition. Wochen zuvor hatten der Todeskandidat Morales und sein Anwaltsteam in Kalifornien den Termin für die Hinrichtung vorerst aufheben können. Es sei nicht gewährleistet, so argumentierten sie bereits Anfang des Jahres, dass bei der Exekution mit der Giftspritze keine unnötigen Qualen auftreten. Dies fordere aber der achte Zusatz zur US-Verfassung, mit dem „grausame und ungewöhnliche Strafen“ verboten werden. Mit dem gleichen Argument gelang es im US-Bundesstaat Florida unlängst dem verurteilten Mörder Clarence Hill, seine Hinrichtung aufschieben.
Wie im Fall Morales berufen sich die Verteidiger Hills auf eine Reihe neuerer Studien zur Vollstreckung der Todesstrafe mit der Giftspritze. Mitte April vergangenen Jahres bereits hatte das britische Medizinjournal „The Lancet“ die Ergebnisse postmortaler Untersuchungen von Hingerichteten veröffentlicht. Bei der Blutanalyse von 43 der 49 getöteten Gefangenen war dabei eine unzureichende Dosierung des Barbiturats Natriumthiopental festgestellt worden. Die Autoren schlossen daraus, dass die Todeskandidaten nicht vollständig betäubt waren, als die folgenden zwei Injektionen zugeleitet wurden: Pancuroniumbromid und Kaliumchlorid. Ohne eine hinreichende Anästhesierung aber „würde die verurteilte Person Erstickungsgefühle, ein heftiges Brennen, Muskelkrämpfe und schließlich den Herzstillstand bewusst erleiden“. Durch die in der Studie erhobenen Daten, so heißt es im Resümee, dränge sich die Vermutung auf, „dass die Anästhesiemethoden bei Anwendung der Giftspritze in den USA fehlerhaft sind“.
Die Erkenntnisse des Autorenteams haben Eingang in eine Studie der US-Menschenrechtsorganisation „Human Rights Watch“ gefunden – und damit in die politische Debatte. „Auch wenn die Fürsprecher der Giftspritze behaupten, die Gefangenen würden schmerzfrei sterben, gibt es zunehmend Belege, dass Gefangene während ihrer Exekutionen quälende Schmerzen erlitten haben“, heißt es in der 65-seitigen Studie. Immerhin sei die Methode vor drei Jahrzehnten „mit minimaler Fachkenntnis und unter unzureichender Beratung“ eingeführt worden. In der Folge würden Gefangene in den USA auf eine Art und Weise hingerichtet, die von der US-amerikanischen Vereinigung von Veterinären selbst zum Einschläfern von Hunden und Katzen als zu grausam abgelehnt werde.
Verbreitete Hinrichtungsart
Von außen betrachtet scheint die Diskussion um eine spezifische Hinrichtungsart das Ziel zu verfehlen, wird doch – besonders vom europäischen Standpunkt aus – die Todesstrafe generell abgelehnt. Doch seit die Todesstrafe in den USA vor 30 Jahren, am 2. Juli 1976, wieder eingeführt wurde, sind von rund 1 030 Hingerichteten mehr als 850 mit der Giftspritze exekutiert worden. 36 der 38 Bundesstaaten, in denen die Todesstrafe zur Anwendung kommt, bedienen sich dieser scheinbar humanen Methode. Die Gegner der Todesstrafe hoffen daher, mit ihren Argumenten gegen die spezifische Methode die Strafe generell anzugreifen. „Tatsache ist doch, dass ein Tier in den USA mehr Schutz genießt als ein Todeskandidat“, sagt auch Sumit Bhattacharyya, US-Experte bei der deutschen Sektion von amnesty international (ai). Im Gespräch mit dem Deutschen Ärzteblatt weist der ai-Mitarbeiter auch darauf hin, dass die Zahl der Hinrichtungen seit der Einführung der Giftspritze im Jahr 1982 massiv in die Höhe gegangen ist. Bhattacharyya hofft daher darauf, dass sich die Fälle von Morales und Hill auf die Praxis auf US-Bundesebene auswirken. Das wird sich spätestens im September zeigen. Dann soll der Fall von Michael Morales neu aufgerollt werden. Harald Neuber
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