ArchivDeutsches Ärzteblatt25/2006Die Medizinische Fakultät der Universität Bonn im „Dritten Reich“

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Die Medizinische Fakultät der Universität Bonn im „Dritten Reich“

Dtsch Arztebl 2006; 103(25): A-1742 / B-1490 / C-1442

Forsbach, Ralf

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Medizingeschichte: Anerkennung
Ralf Forsbach: Die Medizinische Fakultät der Universität Bonn im „Dritten Reich“. R. Oldenbourg Wissenschaftsverlag, München, 2006, 767 Seiten, 49,80 €
Kurz nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten weigerte sich der Leiter der Bonner Poliklinik, Prof. Max Bürger (1885–1966), die Hakenkreuzfahne auf der Klinik zu hissen, und äußerte sich im vertrauten Kreise, dass er bei Hitler immer an einen Bismarckhering denken müsse, „dem man das Gehirn herausgenommen“ habe. Doch schon bald war mit einem so riskanten Oppositionsverhalten des Klinikchefs aus opportunistischen Gründen Schluss. Als 1937 Bürgers Wechsel auf den Lehrstuhl nach Leipzig bevorstand, beantragte er die Mitgliedschaft in der NSDAP.
Andere Mitglieder der Medizinischen Fakultät der Universität Bonn schafften es dagegen, wie die gründliche medizinhistorische Arbeit von Ralf Forsbach zeigt, sich nicht ideologisch vereinnahmen zu lassen. Das hängt nicht zuletzt damit zusammen, dass Bonn damals eine Hochburg des rheinischen Katholizismus war. Zu den profiliertesten Katholiken an der Medizinischen Fakultät zählte der Internist Paul Martini, der sich allerdings nicht völlig den Zwängen eines totalitären Regimes zu entziehen vermochte und somit zum Mitläufer wurde. Bereits 1933 war ein Drittel der Fakultätsmitglieder auch in der NSDAP, bei Kriegsende waren es schließlich mehr als zwei Drittel. An Verbrechen gegen die Menschlichkeit waren nur wenige Professoren beteiligt, vor allem die Psychiater Friedrich Panse und Kurt Pohlisch.
Die Bonner Universität verdient Anerkennung dafür, dass sie den Mut und die finanziellen Mittel fand, auch dieses dunkle Kapitel der Universitätsgeschichte aufarbeiten zu lassen. So widerfährt den zahlreichen Opfern, sowohl den ermordeten Kranken als auch den ins Exil getriebenen Ärzten, ein wenig Wiedergutmachung, indem ihr Schicksal nicht mehr länger der Vergessenheit anheim fällt. Robert Jütte
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