ArchivDeutsches Ärzteblatt25/2006Hilding und ihre Tochter

VARIA: Feuilleton

Hilding und ihre Tochter

Dtsch Arztebl 2006; 103(25): A-1764 / B-1513 / C-1465

Schulz, Annerose

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Seit 2003 veröffentlicht das Deutsche Ärzteblatt regelmäßig Arztgeschichten – zunächst aus der Literatur, seit Heft 3/2004 vorwiegend Beiträge aus der Ärzteschaft.

Unsere Patientin Hilding hatte ein sonniges Gemüt und ein gutes Herz. Sie meisterte ihr nicht immer ganz einfaches Leben fröhlich und mit Gottvertrauen.
Problematisch war allerdings ihre Gesundheit. Hilding war nicht nur deutlich älter, sondern auch kränker geworden. Ja, ihre Durchblutung wollte nicht mehr so, wie sie sollte, dazu kam die zur Volkskrankheit aufgelaufene Zuckerkrankheit, Gichtanfälle und so manches mehr. Auch ein deutliches Übergewicht – und nun auch noch „offene Beine“. Kein Wunder, bei ih-
ren ausgeprägten Krampfadern. Also – Hilding, adrett gekleidet, die schlohweißen Haare hübsch frisiert, immer noch redselig und vergnügt, siedelte jetzt in den Haushalt ihrer Tochter über. Die Tochter wolle sie pflegen, berichtete sie.
Zurückhaltend
Wir fanden die Idee gut und versprachen einen baldigen Hausbesuch in ihrer neuen Wohnung. Die Tochter kannten wir noch nicht.
Und so stiegen wir an einem sonnigen Frühlingstag frohgemut die zwei Treppen hinauf und klingelten. Eine Frau mittleren Alters, offenbar die Tochter, öffnete, zog sich ihren Schal enger um den Hals und verschwand im Schatten des Flures. „Vielleicht hat sie Halsschmerzen oder eine Erkältung“, dachte ich. Die Tür zum gemütlichen Wohnzimmer stand weit offen, und Hilding saß in dem bequemsten Sessel, den es gab, zwischen üppig grünenden Zimmerpflanzen und dem Fernsehgerät, und strahlte uns an.
„Sie haben es ja richtig gemütlich hier!“, meinte ich, und Hilding bestätigte fröhlich, wie gut es ihr bei ihrer Tochter gehe. Die Tochter hielt sich weiter im Hintergrund und schaute auffällig nach rechts. Ich untersuchte Hilding, hörte Herz und Lunge ab, prüfte den Blutdruck, besprach die Blutzuckerwerte, sah mir ihre Gelenke an und verordnete die Medikamente neu.
Dann ging’s an die Hauptsache, an das „offene Bein“. Doch, es war schon ein größerer, unregelmäßig begrenzter Gewebsdefekt unterhalb der stark hervorspringenden bläulichen Krampfadern, und die Heilungstendenz würde bei ihrem „Zucker“ bestimmt nicht sehr hoch sein. Aber wenn man die Wunde sorgfältig behandelte und dazu eine wirksame Kompressionsbehandlung des gesamten Unterschenkels durchführte, dann würde der Rückfluss besser werden, die Stauungsödeme verschwinden und die Chancen auf Abheilung wachsen. So hoffte ich wenigstens. Ich verordnete also neben dem Verbandsmaterial noch die nützlichen Elastoflexbinden und wollte nun deren Anwendung, also die genaue Verbandstechnik, erläutern. Dazu hatte Schwester Sieglinde schon einiges an Verbandszeug ausgepackt und auf den Tisch gelegt. Ich erklärte Hilding also alles, und sie nickte eifrig zu meinen Worten.
Aber ich wollte sichergehen. Deshalb sah ich mich nach der Tochter um und bat die auffallend Zurückhaltende heran. Schließlich sollte auch sie die Verbandstechnik lernen und üben. Denn das war das Wichtigste überhaupt, wichtiger als alle Salben und Tinkturen. Wieder fiel mir auf, dass die Tochter den Kopf so seltsam schief, so komisch verdreht hielt. Zögernd kam sie näher. Wieder kehrte sie mir nur ihre linke Körper- und Gesichtshälfte zu, kroch fast in ihren großen dicken Schal hinein. Ich begann auch ihr die Wickeltechnik zu erklären, und Schwester Sieglinde führte sie nochmals vor. Am Fuß anfangen, in Touren nach oben, die Fesselpartie sehr gut komprimieren, dann . . .
„Warum verdreht sie bloß den Kopf so unnatürlich?“, ging mir im Unterbewusstsein durch den Kopf. Dann bat ich sie, selbst einige Verbandstouren zu wickeln, um den richtigen Zug, nicht zu fest und nicht zu locker, auszuprobieren, ein Gefühl dafür zu bekommen.
Ein riesiges Geschwür
Gertrud, die Tochter, beugte sich über das kranke Bein ihrer Mutter. Und plötzlich gelang es mir, einen Blick auf ihre rechte Gesichtshälfte zu werfen. Mir stockte der Atem. Sie hatte ein riesiges Geschwür, einen weitläufigen Gewebsdefekt, eine große Wunde im Gesicht! Das unschön aussehende „Geschwür“ hatte bereits den gesamten rechten Nasenflügel befallen und auf die Wange übergegriffen.
Ruckartig legte ich die Verbandsmaterialien weg, versuchte das Entsetzen in meiner Stimme zu unterdrücken und fragte: „Wie lange haben Sie denn das schon?“
Sie druckste herum, murmelte etwas von „schon lange“, und Hilding zwitscherte dazwischen: „Siehst du, Truding, ich habe dir schon lange gesagt, geh zum Arzt!“ Und uns erklärte sie: „Aber sie hört ja nicht! Sie ist nicht berufstätig, hat gar keinen Hausarzt – und vor allem hat sie Angst!“
Ich bat, den Prozess doch einmal genauer ansehen zu dürfen und erkannte die ganze Katastrophe. Unregelmäßige Geschwürsflächen, ein perlartiger Saum darum, kein Zweifel, ein großes Hautkrebsgeschwür im Gesicht, das schon Teile des rechten Nasenflügels zerstört hatte. „Damit müssen Sie unbedingt und schnell in die Hautklinik!“, rief ich.
Trudchen sträubte sich mit Händen und Füßen. Nicht in die Klinik, nicht operieren, und außerdem müsse sie doch Mutti pflegen. Ich schrieb den Überweisungsschein trotzdem und bat sie nochmals dringend, einsichtig zu sein. Dazu beschwor ich Hilding, sie zu überzeugen, den Regeln der Vernunft und dem Rat des Arztes zu folgen. Hilding versprach alles, was in ihren Kräften stand, die Tochter drapierte sich wieder ihren Schal um das Gesicht und verschwand.
Zwei Tage später erhielt ich telefonisch die Kunde, Truding sei in die Hautklinik eingezogen, und eine Schwägerin habe Hildings Pflege übernommen. Gott sei Dank, sagten wir und warteten gespannt auf den nächsten Hausbesuch.
Beim nächsten – noch nichts. Aber beim übernächsten Hausbesuch begrüßte uns eine strahlende Tochter – diesmal ohne Schal und ohne Verrenkungen – und zeigte uns ihr frisch operiertes Gesicht. Die Hautärzte hatten nicht nur das „Krebsgeschwür“, ein riesiges Basaliom, großflächig ausgeschnitten, sondern auch mit gesunder Haut plastisch gedeckt, sodass alles schon fast wieder normal aussah. Auch die leichte Erhabenheit der großen Narbenfläche würde mit der Zeit noch verschwinden.
Trudchen aber wirkte wie erlöst. Und Hilding strahlte. „Endlich habe ich wieder eine gesunde Tochter“, rief sie, „und Fru Doktor’n, mein Bein sieht auch schon viel besser aus!“
Ich staunte. Tatsächlich – dank hilfsbereiter Schwägerin, guter Pflege, Verbandstechnik und Wundbehandlung – das Unterschenkelgeschwür war bereits sichtlich kleiner geworden. Ende gut – alles gut, dachte ich.
Annerose Schulz
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