ArchivDeutsches Ärzteblatt8/1997Ramadan: Zum weiteren Verständnis

SPEKTRUM: Leserbriefe

Ramadan: Zum weiteren Verständnis

Amro, Elke

Zu dem Beitrag "Islamische Patienten und das religiöse Fasten: Compliance versus Glauben" von Dr. med. H.-Thomas Gosciniak in Heft 3/1997
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LNSLNS . . . Die Kollegen, die muslimische Patienten betreuen, sollten wissen, daß eine religiöse und durchaus auch eine gesellschaftliche Verpflichtung für den Muslim/die Muslimin besteht, den Fastenmonat einzuhalten. Dies wurde von Herrn Dr. Gosciniak richtig dargelegt. Richtig ist auch, daß viele Glaubensbrüder und -schwestern nicht wissen beziehungsweise in manchen Fällen aufgrund falsch verstandener Glaubenstreue es nicht wagen - wenn auch aus gesundheitlichen Gründen -, die für den gesunden muslimischen Normalbürger geltenden Regeln zu durchbrechen.
Muß eine regelmäßige Zufuhr von Arzneimitteln(alles, was vom Körper aufgenommen wird, einschließlich Suppositorien, Salben, sublingualer oder parenteraler Applikationsformen) oder auch von Nahrung/Flüssigkeit stattfinden, so ist der Betroffene von der Pflicht ausgenommen. Handelt es sich um einen vorübergehenden Zustand (Krankheit und OP, Schwangerschaft und Stillzeit, Reisen, Kriegszustand), so werden die nicht gefasteten Tage nachgeholt. Liegt eine chronische Erkrankung/Gesundheitseinschränkung vor, so daß ein Nachholen bis zum Beginn des folgenden Ramadan oder nie möglich sein wird, so soll für jeden Tag ein Armer gespeist beziehungsweise das Geld hierfür zur Verfügung gestellt werden. Dies gilt auch, wenn nach vorübergehender Krankheit im Monat Ramadan ein Nachholen nicht erfolgen kann, da erneut wichtige Gründe (etwa erneute Krankheit) ein Hindernis darstellen.
Die Frau darf während ihrer Menses nicht fasten. Dies hat eigene Gründe, die zu erörtern hier zu weit führen würde (mit Erniedrigung oder Diskriminierung hat es - wie oft angenommen - nichts zu tun). Danach gilt die Regel wie bei vorübergehender Gesundheitseinschränkung. Der betreffende Betrag (zirka 10 DM pro Tag, etwa der Preis für ein selbst zubereitetes Mittagessen) kann an eine Moschee in Deutschland gezahlt werden, der Bedürftige bekannt sind; er kann an muslimische Hilfsorganisationen gespendet werden; er kann auch direkt an Bekannte/Verwandte gezahlt werden, wenn sie es brauchen. Natürlich kann man auch Leute zum täglichen Fastenbrechen (es ist keine Feier) einladen. Alle nachzuholenden Tage müssen bis zum nachfolgenden Ramadan gefastet werden, der Zeitpunkt dafür kann jedoch individuell gewählt werden (etwa kurze Wintertage).
Da das Jahr nach islamischer Zeitrechnung ein Mondjahr ist (Ramadan ist der neunte der zwölf Monate), beginnt Ramadan jedes Mal etwa zehn Tage früher, so daß er überall auf der Erde schließlich alle Jahreszeiten (kurze und lange Tage) durchläuft. Zur Zeit liegt der Sonnenaufgang in Deutschland bei 6.25 Uhr, der untergang bei 17.15 Uhr . . .
Der Einnahme von Medikamenten im 1-0-1-Rhythmus steht also momentan nichts entgegen. Fakultative Therapien können verschoben werden. Handelt es sich nicht um vitale Bedrohungen, so sollte man das Selbstbestimmungsrecht des Patienten anerkennen. So kann es sein, daß jemand seine akute Lumbago lieber aushalten oder rein physikalisch als medikamentös behandeln lassen will. Erlauben es die Praxiszeiten, so läßt sich eine Infusionsreihe momentan sogar nach dem Fastenbrechen durchführen; in den kommenden Jahren wird diese Möglichkeit sich ausweiten. Der muslimische Patient muß jedoch auch dann natürlich einverstanden sein, da die Infusion ihn vom täglichen Essen zum Fastenbrechen ausschließt. Dieses stellt zwar kein Fest, wohl aber ein gemeinschaftliches familiäres Ereignis dar, auf das man sich während des ganzen Tages mit ähnlichen Gefühlen und gemeinsamem Hunger freut.
Abschließen möchte ich mit einer Frage: Als Muslimin ist es mir fremd, daß ich durch mein jetziges Fasten meine noch nicht begangenen Sünden des kommenden Jahres büße. Welcher Quelle haben Sie diese Information entnommen?
Dr. med. Elke Amro, In der Schlehhecke 7, 66459 Kirkel
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