ArchivDeutsches Ärzteblatt26/2006Anwendungsbeobachtungen: Verführerisches Marketinginstrument

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Anwendungsbeobachtungen: Verführerisches Marketinginstrument

Meyer, Rüdiger

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LNSLNS Anwendungsbeobachtungen werden von Arzneimittelherstellern oft als Marketinginstrument eingesetzt. Sie sollen die Ärzte für ein bestimmtes Präparat gewinnen. Eine Untersuchung im Amerikanischen Ärzteblatt (JAMA 2006; 295: 2759–2764) zeigt, dass dieses Ziel offenbar erreicht wird. Die Ärzte verordneten nach dem Ende der Studie häufiger Präparate des Herstellers. Vielen Ärzten mag es gar nicht bewusst sein, dass der Vorschlag eines Pharmavertreters, man möge doch an einer Anwendungsbeobachtung teilnehmen, die späteren Verordnungspräferenzen beeinflussen kann. Morten Andersen (Universität in Odense) hat in einer Studie das Verordnungsverhalten von zehn Praxen, die an einer Studie zur Therapie des Asthma bronchiale mit inhalativen Steroiden teilgenommen hatten, mit 165 Kontrollpraxen verglichen. Dabei konnte einerseits das Argument, die Anwendungsbeobachtungen würden das Verordnungsverhalten der Ärzte insgesamt verbessern, nicht bestätigt werden. In beiden Gruppen stieg der Anteil der Patienten, die inhalative Steroide erhielten, in gleichem Maß an, wie dies von Asthma-Leitlinien erwünscht ist. Andererseits fanden die Untersucher keine Hinweise dafür, dass Anwendungsstudien die Ärzte verleiten könnten, Medikamente auch gegen die Regeln der Leitlinien zu verordnen.

Kritiker werfen der Pharmaindustrie vor, die Anwendungsbeobachtungen würden zu einer Überversorgung führen. Dies war – zumindest in der
aktuellen Studie – nicht der Fall. Gleichwohl ist diese Art von Studien ein wirksames Marketinginstrument. So verordneten die Studienärzte nach zwei Jahren zu 26 Prozent häufiger die Präparate der Hersteller (Odds
Ratio 1,26; 95-Prozent-Konfidenzintervall 1,04 bis 1,54). Der „Marktanteil“ der Präparate stieg in den Praxen um 6,7 Prozent.

Weil Anwendungsbeobachtungen häufig von den Herstellern von Markenpräparaten durchgeführt werden, kann dies durchaus zu einer Verteuerung der Behandlung führen, was in der Studie aber nicht untersucht wurde. Andersen bedauerte, dass er keine Informationen über die Kosten der Studie hatte. Ob es sich für den Hersteller lohnt, bleibt deshalb offen. Für den Patienten ist ein Nutzen meistens nicht vorhanden, wie der Editorialist Bruce Psaty von der Universität von Washington in Seattle ausführt (JAMA 2006; 295: 2787– 90). Rüdiger Meyer
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