ArchivDeutsches Ärzteblatt26/2006Arzneimittelreport: Großes Einsparpotenzial

POLITIK

Arzneimittelreport: Großes Einsparpotenzial

Dtsch Arztebl 2006; 103(26): A-1788 / B-1534 / C-1486

Blöß, Timo

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Foto: Photothek
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Drei Milliarden Euro Arzneimittelkosten könnten angeblich in der GKV gespart werden – vor allem wenn weniger Analogpräparate, aber dafür mehr Generika verschrieben würden.

So wie die Gesundheitspolitiker der großen Koalition drückt derzeit wohl niemand die Daumen für die deutsche Nationalmannschaft. Denn je weiter Ballack & Co. bei der Fußballweltmeisterschaft kommen, desto mehr rückt alles Weitere aus dem Blick der Medien. Das gibt den Gesundheitsexperten Zeit und Ruhe, abseits der Kameras an der anstehenden Gesundheitsreform zu werkeln. Die Eckpunkte dafür sollen Anfang Juli der Öffentlichkeit vorgestellt werden. Sollten es die Deutschen aber tatsächlich bis ins Finale schaffen, wird sich kaum ein Bürger für Reformpläne interessieren – egal, welche Belastungen diese vorsehen.
Während sich die Großkoalitionäre bei der Reform über wenig mediale Beachtung freuen, verhält sich das bei dem Mitte Juni vorgestellten Arzneimittelreport der Gmünder Ersatzkasse (GEK) ganz anders. Durch den Bericht fühlt man sich im Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium nämlich in seinem Tun bestätigt. Entsprechend fand die Präsentation des Kassenberichts im Hauptsaal der Bundespressekonferenz zusammen mit der Parlamentarischen Staatssekretärin Marion Caspers-Merck (SPD) statt – dieser zentrale Raum bleibt den Krankenkassen sonst versperrt.
Analogpräparate: „Plage und Falle“
Rund 53 Millionen der insgesamt 357 Millionen Euro an Ausgaben für Arzneimittel ließen sich bei der GEK sparen, heißt es in dem Report. Das entspricht einer Senkung von 14 Prozent oder 0,3 Beitragssatzpunkten. Auf die Gesetzliche Kran­ken­ver­siche­rung (GKV) hochgerechnet, könnten die Arzneimittelausgaben um drei Milliarden Euro geringer ausfallen, schreiben die Autoren.
„Der Arzneimittel-Report unterstreicht, dass es dringend notwendig war, mit unserem Gesetz zur Wirtschaftlichkeit bei den Arzneimittelverordnungen – dem AVWG – für einen ökonomischeren Umgang bei der Verschreibung von Medikamenten zu sorgen“, kommentierte Caspers-Merck. Dass das Durchschnittsalter der GEK-Versicherten „nach wie vor deutlich unter dem GKV-Schnitt“ liegt, wie es in dem Bericht heißt, interessierte dabei wenig.
Um Arzneikosten zu sparen, sollten vor allem die meisten der Analogpräparate, auf die rund 30 Prozent aller Arzneimittelausgaben bei der GEK entfallen, durch kostengünstigere Generika ersetzt werden, erklärte Prof. Gerd Glaeske. Der Wissenschaftler vom Zentrum für Sozialpolitik der Universität Bremen hat den Report im Auftrag der GEK erstellt. Sieben Prozent der Gesamtkosten ließen sich allein dadurch sparen. Ohnehin seien die Analogprodukte zur „belastenden Plage“ der Arzneimittelversorgung und zur Falle für die Ärzte geworden: „Eine Plage, weil man hohen Marketingausgaben und unübersehbaren Werbemaßnahmen kaum entgehen beziehungsweise etwas entgegensetzen kann, und eine Falle für die Ärzte, weil sie sich davon beeinflussen lassen“, sagte Glaeske. Immer noch finde der Umstellungsprozess von Analogprodukten zu Generika nur „gehemmt“ statt. Darum erscheine es „fast als vorsätzliche Verschwendung von Versichertengeldern“ durch Ärzte, wenn solche Analogprodukte einen fast 20-prozentigen Zuwachs des Industrieumsatzes erreichten.
„Aber auch im Generika-Bereich selber gibt es nach wie vor Potenzial für eine bessere Nutzung des Preiswettbewerbs“, so Glaeske. Mit dem Arzneimittelversorgungs-Wirtschaftlichkeitsgesetz sieht sich Caspers-Merck hier allerdings auf dem richtigen Weg. Im Zuge des Gesetzes können Versicherte von Juli an von Zuzahlungen zu Medikamenten befreit werden, wenn sie sich ein Nachahmerprodukt verordnen lassen, dessen Preis um 30 Prozent unterhalb des Festbetrags liegt. Tatsächlich werden nach Angaben des Bundesverbandes der Betriebskrankenkassen zum Juli für „ein paar Hundert Arzneien“ die Preise gesenkt. Timo Blöß
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