ArchivDeutsches Ärzteblatt26/2006Entwicklungszusammenarbeit: Ärzte für Venezuela, Öl für Kuba

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Entwicklungszusammenarbeit: Ärzte für Venezuela, Öl für Kuba

Plate, Markus

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Foto: dpa
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Erfahrungen mit einem ungewöhnlichen Handel

Wien, Anfang Mai: Venezuelas Präsident Hugo Chávez, ein ranghoher Vertreter Kubas und Boliviens frisch gewählter Präsident Evo Morales düpieren die anderen Staats- und Regierungschefs beim vierten EU-Lateinamerika-Gipfel und lassen sich von den sozialen Bewegungen beider Kontinente feiern, die parallel einen Alternativengipfel gegen neoliberale Konzepte veranstalten. Nach dem deutlichen Wahlsieg des Kokabauernführers Morales im rohstoffreichen, aber bettelarmen Andenland ist aus der kubanisch-venezolanischen Kooperation eine Dreierbeziehung geworden: Eine bolivianische Alphabetisierungskampagne ist bereits angelaufen, und für eine Gesundheitsmission nach venezolanischem Vorbild stehen kubanische Ärzte schon in den Startlöchern. Doch wie funktioniert der oft gerühmte und ebenso so oft geschmähte kubanisch-venezolanische Austausch?
„Es gab doch hier früher nie einen Arzt“, antwortet Luzmeri und scheint überrascht darüber, dass der europäische Besucher derartiges angenommen haben könnte. Luzmeri ist eine typische „Mama“ aus den Barrios, den Armenvierteln Venezuelas: Dunkelhäutig, etwas rundlich, sitzt sie auf dem einzigen Sofa ihrer kleinen Behausung. Wenn Luzmeri lacht – und das tut sie ausgiebig –, klafft eine Zahnlücke dort, wo einmal ein Schneidezahn war, und ihre leuchtenden Augen überstrahlen die Falten auf ihrer sonnengegerbten Haut. Seit 30 Jahren lebt Luzmeri auf einem Hügel oberhalb von Caracas, der 8-Millionen-Metropole Venezuelas, keine zwei Kilometer vom Stadtzentrum entfernt, wo das Geschäftsleben der Ölrepublik pulsiert.
Wer hinauf in die Barrios fährt, verlässt das westliche, das wohlhabende Venezuela und merkt schnell, dass der Reichtum im Ölstaat extrem ungleich verteilt ist. Die meisten Menschen hier sind ohne geregelte Arbeit, schlagen sich mit Straßenverkäufen und Gelegenheitsjobs durch, und mit Glück haben die Familien hier zumindest einen Verwandten mit einem richtigen Job, der die anderen mit ernährt. „Wir waren hier immer auf uns selbst angewiesen“, sagt Luzmeri, „hier gab es keine Schule, keine Ärzte, nichts. Jetzt gibt es hier eine Praxis und einen Arzt, das ist für uns ein unglaublicher Fortschritt. Und das haben wir alles unserem Präsidenten Chávez zu verdanken.“
Im Jahr 1999 übernimmt Hugo Chávez Frías die Präsidentschaft Venezuelas. Das Land, fünftgrößter Erdölexporteur der Welt, steht kurz vor dem Staatsbankrott, 80 Prozent der Bevölkerung leben unter der Armutsgrenze in riesigen Slums. Die letzten 15 Jahre waren von heftigen sozialen Unruhen geprägt. Der Ölpreis ist, vor allem aufgrund des Rückzugs Venezuelas aus der OPEC, auf unter zehn Dollar pro Barrel gefallen, das öffentliche Bildungs- und Gesundheitssystem, einst Vorbild in Lateinamerika, ist in jämmerlichem Zustand. Chávez geht daran, Venezuela zu reformieren. Doch nicht wie in Europa über Kürzungen im sozialen Bereich, sondern – im Gegenteil – über eine Steigerung der Staatseinnahmen und über massive Investitionen in Bildungs- und Gesundheitsprogramme. Doch hat Venezuela zwar reichlich Öl, aber viel zu wenige Ärzte. In Kuba ist die Situation genau umgekehrt. Der Handel: Kubanische Ärzte arbeiten in Venezuelas Armenvierteln, Venezuela liefert dafür Öl für Kubas Volkswirtschaft.
Barrio Adentro, „drinnen im Viertel“, heißt das Gesundheitsprogramm der Regierung Chávez – Misión Barrio Adentro, um genau zu sein. Die Ergebnisse können sich sehen lassen: In nur zwei Jahren wurden Tausende von Gesundheitszentren im ganzen Land errichtet, vor allem in den Armenvierteln der großen Städte und in den entlegenen Landesteilen. Zumeist sind es kubanische, gut ausgebildete Allgemeinmediziner, die dort die Patienten betreuen. Luzmeri jedenfalls ist begeistert: „Unser Arzt lebt nicht nur unter uns, er kennt sich auch aus mit den Stromausfällen und den Überschwemmungen, die uns hier regelmäßig treffen.“
Prävention ist extrem wichtig
Gesundheitsposten der Mission Barrio Adentro: mehr als 200 Millionen Sprechstunden in drei Jahren Fotos (2): Markus Plate
Gesundheitsposten der Mission Barrio Adentro: mehr als 200 Millionen Sprechstunden in drei Jahren Fotos (2): Markus Plate
Luzmeri hat der Mission zu verdanken, dass sie immer noch sehen kann: „Ich hatte einen großen Flecken auf der Iris meines Auges, habe immer verzerrt gesehen, mein Auge war ständig entzündet. Mein Arzt sagte zu mir: ,Luzmeri, du musst dich operieren lassen, wenn du nicht erblinden willst.‘“ Auch die Augenspezialistin, zu der Luzmeri überwiesen wurde, empfahl dringend eine Operation, die allerdings in Havanna durchgeführt werden müsse. Natürlich habe sie Ja gesagt, schildert Luzmeri den Ausgangspunkt ihrer ersten Auslandsreise. Am Ende seien 300 Menschen auf dem Flug gewesen, allesamt Augenpatienten aus der Mission Milagro. „Alle haben sich unglaublich um uns gekümmert“, sagt die Frau aus dem Barrio. „Sie haben mich gleich am nächsten Morgen operiert und dann noch zehn Tage im Krankenhaus behalten. Mich hätte diese Operation in Venezuela zwei Millionen Bolivares gekostet (1 000 Dollar), so etwas kann sich in den Barrios niemand leisten. Dank Chávez hat mich das Ganze nicht einen Bolivar gekostet.“
Augenerkrankungen sind gerade in den armen Bevölkerungsschichten weit verbreitet. Die tropische Sonne fordert ihren Tribut unter denjenigen, deren Leben sich zumeist draußen abspielt und für die schon eine taugliche Sonnenbrille unerschwinglich ist. Für die Krankheiten der Armen sei die Medizin in den meisten Ländern Lateinamerikas nur wenig sensibilisiert, meint die kubanische Ärztin Maria Elena, die in Catia, im Westen von Caracas, arbeitet: „Wir haben es hier täglich mit Atemwegserkrankungen, Durchfall, Erbrechen und Fieber zu tun.“ Oft seien verschmutztes Wasser und der Staub in den Barrios die Ursache der Beschwerden. „Deswegen ist für uns die präventive Medizin das Wichtigste. Wir klären die Menschen über einfache, vorbeugende Maßnahmen auf, damit Krankheiten erst gar nicht auftreten“, so die Ärztin.
Ortswechsel, Caricuao, im Juni 2005: In dem Stadtteil im äußersten Südwesten von Caracas wird ein Krankenhaus eröffnet. Weiß getüncht strahlt das neue vierstöckige Haus an der Hauptstraße unweit der Metro-Haltestelle. Es ist das erste Hospital im Rahmen der zweiten Stufe des Gesundheitsprogramms Barrio Adentro. Zu den Gesundheitsposten, die so etwas wie Mini-Ärztehäuser darstellen, werden sich in den nächsten Jahren rund 600 Polikliniken gesellen, neue Krankenhäuser für die Barrios, die sich an Erfordernissen der vor allem armen Bevölkerung ausrichten.
Auf den ersten Blick sieht das Hospital von Caricuao aus wie ein normales Krankenhaus. Den großen Unterschied stelle jedoch die intensive Zusammenarbeit mit den Barrios dar, erläutert der Leiter des Krankenhauses, Claudio Letelier: „Ich treffe mich regelmäßig mit den Freiwilligen, die in den mehr als 70 Gesundheitskomitees im Einzugsgebiet engagiert sind. Das sind oft einfache Bewohner aus der Nachbarschaft, die aus ihrer Alltagserfahrung heraus wissen, was wo gebraucht wird und was die drängendsten Probleme der Leute sind.“
Warum müssen Zehntausende kubanischer Ärzte importiert werden in ein Land, das über exzellente Ärzte und Krankenhäuser verfügt und noch vor 30 Jahren ein vorbildliches Gesundheitssystem vorweisen konnte? Dafür gebe es verschiedene Gründe, erklärt Claudio Letelier. Das öffentliche Gesundheitssystem Venezuelas zahle schlecht im Vergleich zu dem, was private Ärzte verdienen können. Viele Ärzte seien zudem nicht bereit, aus der Hauptstadt in die entlegenen Regionen des Landes zu ziehen oder in den unübersichtlichen Barrios zu arbeiten, die den Bessersituierten als Hort der Kriminalität gelten. Die große Mehrheit der venezolanischen Ärzte entstamme wie auch Letelier eher gut situierten Familien, und die seien überwiegend der Opposition zugetan. Nicht zuletzt sei das traditionelle Gesundheitssystem in seiner Kapazität nur auf die Betreuung der Ober- und Mittelschicht ausgelegt gewesen: Für eine Gesundheitsversorgung der gesamten Bevölkerung habe das vorchavistische Venezuela viel zu wenige Ärzte ausgebildet.
Barrio im armen Westen der 8-Millionen- Metropole Caracas: massive Investitionen in Gesundheit und Bildung
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Seit die damals frisch gewählte Regierung Chávez 1999 wieder der OPEC beitrat und der Rohölpreis von acht Euro pro Barrel auf inzwischen mehr als 60 Dollar angestiegen ist, ist Geld nicht mehr das Problem: Mit den Ölmilliarden lassen sich in kurzer Zeit Gesundheitsposten und Krankenhäuser bauen, auch medizinische Einrichtung kaufen und Medikamente bereitstellen. Die Zahl engagierter venezolanischer Ärzte lässt sich mit Geld jedoch nicht über Nacht erhöhen. Zur Überbrückung des Engpasses bot sich Kuba an. Die sozialistische Karibikinsel hatte seit Jahrzehnten Ärzte nach Afrika oder in andere Länder Lateinamerikas entsendet. Aus seiner Bewunderung für Fidel Castro und die kubanische Revolution hat Hugo Chávez außerdem nie einen Hehl gemacht. Mit dem vor sechs Jahren geschlossenen Deal ist beiden geholfen: Kuba bekommt trotz des US-Embargos dringend benötigtes Öl zum Vorzugspreis, Venezuela Ärzte und andere Fachkräfte für den Start der ambitionierten Sozialprogramme.
So viel Eintracht zwischen Castro und Chávez blieb weder im Ausland noch in Venezuela selbst ohne Widerstand. Seit seinem Amtsantritt schreiben und senden die privaten Medien Venezuelas gegen Hugo Chávez und die bolivarische Revolution. Die Opposition brachte mehrmals Hunderttausende gegen den „Castrofaschisten“ Chávez auf die Straße, und mit Unterstützung der USA unternahmen Unternehmerverbände und die Ölarbeiter-Gewerkschaft CTV vor vier Jahren sogar einen Putschversuch gegen den Präsidenten. Chávez strebe eine sozialistische Diktatur an, wolle Unternehmen, Land und Privatvermögen enteignen, die Pressefreiheit aushebeln und über den Ölpreis die westlichen Demokratien erpressen. Weshalb auch die USA und einige europäische Politiker offen eine Amtsenthebung des venezolanischen Präsidenten favorisieren.
Doch so schlecht Chávez Leumund im westlichen Ausland auch sein mag, und so machtvoll die heimische Opposition Schreckensbilder an die Wand malt: Das Parteienbündnis um Chávez hat seit 1999 sämtliche demokratischen Wahlen klar gewinnen können. Daran, dass Chávez im Dezember wieder gewählt wird, besteht kaum ein Zweifel. Die Sozialprogramme haben dazu einen entscheidenden Beitrag geleistet.
Erfolgreiches Konzept
Kuba gewinnt auf der anderen Seite zweierlei: Fidel Castro befreit sich einen Schritt weit aus seiner internationalen Isolation. Zum anderen mildert venezolanisches Öl die Energieprobleme auf der Karibikinsel. Die langfristige Entsendung Zehntausender Ärzte allein nach Venezuela dürfte jedoch an anderen Stellen zu Engpässen führen. Kubanische Stellen werden nicht müde zu betonen, dass die medizinische Versorgung der eigenen Bevölkerung sichergestellt sei. Erfahrungsberichte ausländischer Mediziner auf Kuba sprechen dagegen von erkennbarem Ärztemangel, vor allem auf dem Land. Auch aus anderen lateinamerikanischen Ländern sind kubanische Ärzte nach Venezuela versetzt worden, zum Beispiel aus dem ländlichen Guatemala, wo die indigene Bevölkerung dringend auf medizinische Versorgung angewiesen ist.
Die sozialen Missionen, wie die Misión Barrio Adentro, werden inzwischen auch über Venezuela hinaus als Erfolg eingestuft. Das bettelarme Bolivien hat bereits angekündigt, verschiedene Missionen zu übernehmen. Die Menschen in den Barrios von Caracas und anderswo fühlen sich in jedem Fall zum ersten Mal von der Politik wahrgenommen. Markus Plate


Kubanisch-venezolanische Zusammenarbeit

Im Rahmen Barrio Adentro sind bislang knapp 80 Millionen Behandlungen erfolgt. Mehr als 15 000 kubanische Ärztinnen und Ärzte wurden nach Venezuela entsandt, Tausende Venezolaner wurden mit der Misión Milagro in Kuba am Auge operiert. Die Kooperation zwischen Kuba und Venezuela beschränkt sich nicht nur auf Gesundheitsprogramme. Havanna sendet Agrarspezialisten und Forstwirte, Wasserbauingenieure sowie Lehrer und bildet junge Venezolaner an seinen Hochschulen aus – unter anderem Hunderte Medizinstudenten. Dafür entsendet Venezuela Ölspezialisten und versorgt die rohstoffarme Insel zu vergünstigten Konditionen mit bis zu 53 000 Barrel Rohöl pro Tag: Kuba wurden langfristige Zahlungskonditionen zu niedrigen Zinssätzen eingeräumt. Der Wert des exportierten Öls und seiner Derivate betrug in den Jahren 2000 bis 2003 etwa 3,5 Milliarden US-Dollar. Welchen Gegenwert die Preisnachlässe und Kredite haben, ist jedoch umstritten: Schätzungen reichen von wohlwollenden 90 Millionen US-Dollar pro Jahr bis zu einem Vielfachen dieser Zahl.

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