ArchivDeutsches Ärzteblatt26/2006Die Geschichte der Gerichtsmedizin: Eine fast globale Dimension

VARIA: Feuilleton

Die Geschichte der Gerichtsmedizin: Eine fast globale Dimension

Gerste, Ronald D.

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Die Ermittler im Fall Ruxton überblendeten ein Foto des in Schottland gefundenen Schädels mit einer Porträtaufnahme von Mrs Ruxton Foto: University of Glasgow
Die Ermittler im Fall Ruxton überblendeten ein Foto des in Schottland gefundenen Schädels mit einer Porträtaufnahme von Mrs Ruxton Foto: University of Glasgow
Zahlreiche Dokumente, die in der National Library of Medicine ausgestellt sind, erzählen von berühmten Kriminalfällen.

Dr. Buck Ruxton hielt es nicht mehr aus. Seine attraktive Frau Isabella war innerhalb der überschaubaren High Society der englischen Industriestadt Lancaster dermaßen umschwärmt, dass er in eine immer pathologischere Eifersucht getrieben wurde. Am 15. September 1935 schritt der Arzt zur grausamen Tat: Im schönen, großen Haus der Ruxtons am Dalton Square erwürgte er Isabella mit seinen bloßen Händen. Doch damit nicht genug. Aus Sorge, das Hausmädchen Mary Rogerson könne von der grausigen Tat etwas mitbekommen, brachte er auch sie um. Noch durchtriebener als die Morde an sich war die Nachsorge, die der Mediziner mit den beiden Leichen betrieb. Er zerschnitt sie in zahlreiche Einzelteile und trug gewissenhaft Sorge, die Fingerkuppen so zu verstümmeln, dass eine Identifizierung über die Fingerabdrücke unmöglich wurde. Dann fuhr Ruxton im Schutz der Nacht mit den Leichenteilen gen Norden. Im schottischen Moffat warf er einige der Teile in einen Fluss.
Doch dem Doktor gelang der perfekte Mord nicht. Er hatte einige der Körperteile in Zeitungspapier eingewickelt. Diese Verpackung war ein deutliches Indiz. Die Seiten entstammten dem Sunday Graphic – und dieses Blatt, das wussten die Herren von Scotland Yard, wurde nur in der Region um Lancaster gelesen. Als die Polizei erfuhr, dass dort neben dem Hausmädchen auch die Arztgattin Isabella Ruxton als vermisst gemeldet worden war, griff man zu einem neuartigen Trick. Man überblendete ein Foto des in Schottland gefundenen Schädels mit einer Porträtaufnahme von Mrs Ruxton – es ergab sich eine perfekte Übereinstimmung der Gesichtskonfiguration. Das Gericht sah in der Rekonstruktion ein unschlagbares Indiz und verurteilte Ruxton wegen Mordes. Er gestand schließlich und endete am 12. Mai 1936 am Galgen.
Die gespenstisch anmutende Doppelfotografie der Unglücklichen und ihres Schädels ist eines der Dokumente, die in der National Library of Medicine in der jetzt eröffneten Ausstellung „Visible Proofs – Forensic Views of the Body“ von der Geschichte der Gerichtsmedizin erzählen. Die Geschichte dieser Wissenschaft an der Schnittstelle von Heilkunst und Recht geht auf das 17. Jahrhundert zurück, doch erst ab 1800 setzten sich wissenschaftliche Methoden durch, um finstere Taten eindeutig nachzuweisen.
Mathieu Joseph Bonaventure Orfila war einer der ersten „Großen“ der forensischen Medizin. Sein bekanntester Fall war jener der Marie Lafarge. Die 24-jährige Frau wurde beschuldigt, ihren Gatten Charles vergiftet zu haben. Der Prozess war im Frankreich des Jahres 1840 eine Mediensensation, die mit Orfilas Auftritt einen Höhepunkt erreichte. Der Professor wies im exhumierten Körper von Charles Arsen nach und schloss gleichzeitig eine Kontaminierung durch die Erde des Friedhofes aus. Seine Expertise führte zur Verurteilung Marie Lafarges zum Tode durch den Strang; ein Verdikt, das später in lebenslange Haft umgewandelt wurde.
Mathieu Joseph Bonaventure Orfila Foto: National Library of Medicine
Mathieu Joseph Bonaventure Orfila Foto: National Library of Medicine
Die Ausstellung zeigt das vielfältige Instrumentarium, von der Spektralanalyse, der DNA-Bestimmung über die Klassifizierung von Larven und Fliegen in einem toten Körper bis hin zum klassischen makroskopischen Instrumentarium des forensischen Mediziners. Die DNA-Analyse ist heute die für das Laienpublikum vielleicht faszinierendste Methode der forensischen Medizin. Sie kann nicht nur Täter überführen, sie kann auch Leben retten, wie das von Kirk Bloodsworth, dessen Geschichte „Visible Proofs“ erzählt. Der Fischer aus Maryland war 1985 we-gen Sexualmordes an einem neunjährigen Mädchen zum Tode verurteilt worden. 1993 konnte mit der DNA-Analyse nachgewiesen werden, dass die Spuren an dem Opfer nicht von ihm stammten.
Forensische Medizin ist heute nicht länger eine Angelegenheit, die ein Bindeglied zwischen Opfer, Täter und Strafermittlung bildet. Längst hat sie in ihren modernen Verfeinerungen auch eine zwischenstaatliche Dimension angenommen. Als beispielhaft wird die Arbeit von forensischen Pathologen und ihren Helfern bei der Identifizierung „der Verschwundenen“, der Opfer des argentinischen Militärregimes in den späten 70er- und frühen 80er-Jahren dargestellt. Ronald D. Gerste


Die Ausstellung „Visible Proofs – Forensic Views of the Body“ in der National Library of Medicine ist bis 16. Februar 2008 in Bethesda, Maryland zu sehen. Ein virtueller Rundgang im Internet ist möglich unter: www.nlm.nih.gov/exhibition/visibleproofs/index.html.
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