ArchivDeutsches Ärzteblatt26/2006Institut Schloß Wittgenstein: Leben wie die Schlossherren

VARIA: Bildung und Erziehung

Institut Schloß Wittgenstein: Leben wie die Schlossherren

Dtsch Arztebl 2006; 103(26): A-1839 / B-1579

Bühring, Petra

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Das Internat im nordrhein-westfälischen Bad Laasphe bietet durch seine exklusive Lage Ruhe und Muße zum Lernen.

Das Geschlecht derer zu Wittgenstein gehört zu den ältesten Adelshäusern Deutschlands. Der Stammsitz der Familie, Schloß Wittgenstein, liegt in der Nähe von Bad Laasphe, oberhalb des Lahntals mit wunderschöner Aussicht auf eben dieses. Doch von Adeligen bewohnt wird das Schloss schon lange nicht mehr. Der letzte Fürst zu Sayn-Wittgenstein-Hohenstein, Christian Heinrich, verpachtete das Schloss samt 20 Hektar großem Gelände 1954 an Josef Kämmerling, Stahl- und Sperrholzhändler aus Hagen, der ein Internat für sei-nen einzigen Sohn suchte. Im Nachkriegsdeutschland war keines zu finden, so gründete Kämmerling kurzerhand eine eigene „private Knabenrealschule“, zunächst mit den Söhnen seiner Kunden, die im aufstrebenden Deutschland froh waren, eine Ganztagsunterbringung für ihre Kinder zu finden. Seit 1974/75 nimmt das Institut Schloß Wittgenstein Josef Kämmerling GmbH & Co. KG auch Mädchen auf – geblieben ist die Möglichkeit für Internatsschüler neben dem Gymnasium auch die Realschule zu besuchen – die meisten Internate bieten ausschließlich Gymnasialbildung an.
Im Internat leben derzeit 60 Schüler, die aus ganz Deutschland kommen. Die exklusive Lage des Schlosses fernab vom Großstadtrummel in romantischer Natur mit weni-gen Ablenkungsmöglichkeiten vom Lernen sind für viele Eltern Gründe, ihr Kind nach Schloß Wittgenstein zu schikken, berichtet Geschäftsführerin Gudrun Kämmerling, Schwiegertochter des Gründers. Dass es keine Diskos in der Nähe gibt, „finden wir nicht so gut“, erzählt dagegen Oberstufenschüler Sven. Dafür ist für die Oberstufe vor kurzem ein Café auf dem Schlossgelände eingerichtet worden, das von den Jugendlichen gut besucht wird.
Anziehend vor allem für junge Mädchen ist der Reitstall mit 15 Pferden, der sich direkt neben dem Hauptgebäude und dem Speisesaal befindet. So können die Pferdenärrinen ihren Liebling noch vor dem Frühstück besuchen – auf dem Weg vom Internatsgebäude zum Speisesaal; die Wohn- und Schlafräume, das Gymnasium und die Realschule befinden sich nämlich nicht auf dem unmittelbaren Schlossgelände, sondern im rund zweihundert Meter entfernt gelegenen Internatsgebäude, das aus den Fünfziger- und Sechzigerjahren stammt.
Drei Schülerinnen haben derzeit eigene Pferde mitgebracht – diese Möglichkeit erleichtert ihnen das Leben fernab von zu Hause ungemein. Reiten und Pferdepflege ist für die Klassen neun und zehn der Realschule auch Unterrichtsfach. Im Gymnasium gibt es für die fünften bis siebten Klassen eine Arbeitsgemeinschaft Reiten.
Die besondere Atmosphäre der historischen Schlossräume „wissen die Jugendlichen zu schätzen“, betont Gudrun Kämmerling. Dort unterrichtet zu werden – einige Seminarräume gibt es auch auf dem Schloss – gilt als Privileg. Kämmerling macht diese Aussage an dem liebevollen Umgang der Schüler mit ihrer Umgebung fest: „Die Pflanzen und Blumen auf dem Hof werden nicht zertrampelt, die Rosen in dem als Pausenhof genutzten Rosengarten nicht gerupft. Zerstörerische Energien gibt es auf Schloß Wittgenstein vermutlich auch deshalb kaum, weil sich die Schüler – immerhin 1 140 Realschüler und Gymnasiasten, in der Mehrzahl „Externe“ – auf dem weitläufigen Gelände gut verteilen.
Reiten und Pferdepflege ist für die Realschüler Unterrichtsfach. Fotos: Institut Schloß Wittgenstein
Reiten und Pferdepflege ist für die Realschüler Unterrichtsfach. Fotos: Institut Schloß Wittgenstein
Wenn die Externen nach dem Unterricht die Busse in die umliegenden Dörfer genommen haben, treffen sich die Internen zum Mittagessen im Speisesaal, einem in einer Felswand gebauten Gewölbekeller. Nach Geschlecht und Altersgruppen getrennt nehmen die Schüler dort alle Mahlzeiten in Buffetform ein. Bis zur zehnten Klasse dürfen sich Jungen und Mädchen auch nur in den Gruppenräumen treffen, nicht auf den Zimmern, berichtet Internatsleiterin Margitta Jähne, die während des Essens großen Wert auf die Tischmanieren der Kinder legt.
Jähne, von Hause aus Grundschullehrerin und Erzieherin, sieht sich als „Ersatzmutter“ für die Kinder. Jederzeit können Lehrer auf sie zukommen, wenn ihre Schützlinge in der Schule Probleme haben oder etwas abzuklären ist. Sie ist seit 15 Jahren verantwortlich für das Internat und entscheidet bei den Aufnahmegesprächen mit darüber, ob ein Kind aufgenommen wird. Gibt es auch schon mal Fälle, die sie ablehnt? „Wenn ich merke, dass ein Kind von den Eltern gedrängt wird, aufs Internat zu gehen, aber eigentlich nicht will.“ Denn ein Internat ist sicherlich eine gute Alternative zum Leben zu Hause – aber nicht um jeden Preis. Petra Bühring


Kontakt:
Institut Schloß Wittgenstein
Josef Kämmerling GmbH & Co. KG,
57334 Bad Laasphe, Telefon: 0 27 52/4 74 30, Fax: 0 27 52/47 43 30, E-Mail: info@wittgen stein.de,
Internet: www.wittgenstein.de

Kosten pro Monat:
Klassen 5 bis 10: 1 616 Euro
Klassen 11 bis 13: 1 669 Euro;
zusätzlich Taschengeld, Fahrgeld und Internatsausflüge sowie, wenn nötig, Nachhilfestunden
Stipendien werden nicht angeboten.
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