ArchivDeutsches Ärzteblatt26/2006zur WBG Leipzig-West: Auf dünnem Eis

VARIA: Schlusspunkt

zur WBG Leipzig-West: Auf dünnem Eis

Rombach, Reinhold

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LNSLNS Was lange währt, wird lange noch nicht gut. In den vergangenen Jahren bin ich im Rahmen der monatlichen Börsebius-Telefonberatung ziemlich oft gefragt worden, was ich denn von den Inhaberschuldverschreibungen der Wohnungsbaugesellschaft Leipzig-West AG hielte. „Wenn ich an Ihrer Stelle wäre, überlegte ich mir ein Engagement ernsthaft, aber persönlich würde ich da keine müde Mark reinstecken“, lautete der Tenor regelmäßig, aber zuweilen merkte ich eben auch, dass Hopfen und Malz bereits verloren waren, denn der Anrufer, längst investiert, wollte nur im Nachhinein sein schlechtes Gefühl beruhigen. Gegen üppige Renditen kämpft der gesunde Menschenverstand halt manchmal vergebens.
Der inviduellen Gier nach der eigentlich nicht erzielbaren Überrendite sollen mitterweile rund 30 000 Anleger zum Opfer gefallen sein, denn es kam so, wie es eben in solchen Fällen irgendwann einmal dann doch kommt: Der Laden WBG Leipzig-West ist allem Anschein nach pleite. Von einer Schadenssumme
in Höhe von 300 000 Millionen Euro ist nunmehr die Rede, und das Ganze lief vermutlich ebenso wie in ähnlich gelagerten Fällen ab, nämlich in Form eines Schneeballsystems. Auszahlungen an Kunden wurden über frisches Geld neuer Investoren finanziert und nicht etwa über vernünftig verdientes Geld.
Wer das Kleingedruckte bereit war zu studieren, konnte schon dort erahnen, dass die krumme Tour zum normalen Geschäftsgebaren gehören mochte, denn laut Prospekt war es durchaus zulässig, Verpflichtungen aus früheren Anleihen mit der Ausgabe neuer Bonds zu bedienen. Außerdem war aus der Bilanz des Jahres 2004 ersichtlich, dass die Verbindlichkeiten gegenüber den Anleiheschuldnern rund 215 Millionen Euro betrugen, während die WBG bei den Banken lediglich mit gut 33 Millionen in der Kreide stand. Das bedeutet schlicht und ergreifend, dass die Banken den Leipzigern nur sehr sporadisch Kredite gaben und sich die Darlehen auch grundpfandrechtlich absichern ließen. Es bedarf wohl keiner großen Fantasie, dass nach einer Befriedigung der Kreditinstitute vom Immobilienkuchen WBG Leipzig-West für den „normalen“ Anleger nur noch ein paar Krümel übrig bleiben, wenn überhaupt.
Verlockende Renditen in einem Prospekt sind eben nicht alles, sie müssen auch tatsächlich verdient werden. Was den Anlegern mit Leipzig-West passierte, kann morgen auch mit anderen Anbietern des so genannten grauen Kapitalmarktes passieren. Gerade dort tummeln sich viele kleinere Firmen, die sich direkt an die Sparer wenden und dabei einen weiten Bogen um Banken und Börsen machen.
Aber die oft auch per E-Mail oder Telefonakquise offerierten Anleihen sind trotz aller blumigen Versprechen einfach nicht solide genug, um sie ernsthaft in Erwägung zu ziehen. Wer ruhig schlafen will, meidet diesen dubiosen Dunstkreis.
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