ArchivDeutsches Ärzteblatt27/2006Ärzte und Stasi: Vergangenheit bewältigen

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Ärzte und Stasi: Vergangenheit bewältigen

Blöß, Timo

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Mit der Titelgeschichte in Heft 48/2004 startete das DÄ seine Serie über die Verflechtungen von Ärzten mit der Staatssicherheit der DDR.
Mit der Titelgeschichte in Heft 48/2004 startete das DÄ seine Serie über die Verflechtungen von Ärzten mit der Staatssicherheit der DDR.
Kontroverse Diskussion über die Stasi-Mitarbeit von DDR-Ärzten
Rund zwei, nach anderen Quellen drei bis fünf Prozent der Ärzte waren in der DDR als Inoffizielle Mitarbeiter (IM) des Staatssicherheitsdienstes (Stasi) tätig. Das erklärte unter Hinweis auf einschlägige Literatur Dr. Francesca Weil vom Hannah-Ahrendt-Institut für Totalitarismusforschung e.V. (HAIT) der TU-Dresden auf einer Veranstaltung „Ärzte und Staatssicherheit“ der Stasi-Unterlagenbehörde in Berlin. In den Siebzigerjahren habe das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) begonnen, medizinische Einrichtungen von IM beobachten und bespitzeln zu lassen. Die traditionell bürgerlichen, von Freiberuflichkeit geprägten Ärzte galten der DDR-Führung für das System als potenziell gefährlich, erklärte Weil. Missstände und Probleme im Gesundheitswesen hätten zu Unruhen führen können und bedurften deswegen der „Kontrolle“.
Zu den wesentlichen Aufgaben der IM gehörte insbesondere die Bespitzelung von Kollegen auf geplante „ungesetzliche Grenzübertritte“ und „staatsfeindlichen Menschenhandel“. Einige der IM-Ärzte hätten dem MfS freilich keinerlei Mitteilungen gemacht. Jeder vierte IM-Arzt aber habe die ärztliche Schweigepflicht verletzt und auch über Patienten berichtet.
Norbert Jachertz, ehemaliger langjähriger Chefredakteur des Deutschen Ärzteblattes (DÄ) betonte, dass hinter dem „Forschungsgegenstand“ zum Teil dramatische Einzelschicksale stünden, die Ärzteschaft fördere das HAIT-Forschungsprojekt auch aufgrund der Erfahrungen mit der Aufarbeitung der NS-Zeit. Man habe mit der DDR-„Vergangenheitsbewältigung“ nicht zögern wollen, wie mit der lange Zeit verdrängten Verstrickung von Ärzten in den Nationalsozialismus.
In der lebhaften, von Dr. med. Hartmut Wewetzer („Tagesspiegel“) moderierten Diskussion meldeten sich immer wieder Betroffene zu Wort, insbesondere mit der Frage, ob IM-Ärzte nach der „Wende“ belangt worden seien. Laut Weil sind einige wenige Verfahren bekannt, die aber nicht zu Konsequenzen geführt hätten. Unter dem Strich, ergänzte Jachertz, sei wohl nichts geschehen. Das läge nicht zuletzt daran, dass Verfahren vor Gericht oder bei einer Ärztekammer eine Anzeige voraussetzten und dass harte Beweise hätten vorgelegt werden müssen.
Für ihr mehrjähriges Forschungsprojekt, das vom Deutschen Ärzteblatt unterstützt und vom Deutschen Ärzte-Verlag mitfinanziert wird, hat Weil rund 490 IM-Akten von Ärzten ausgewertet und zudem 21 Interviews mit IM-Ärzten geführt. Über neueste Erkenntnisse ihrer Forschung hatte Weil mehrfach im DÄ berichtet, zuletzt in Heft 23/2006. TB
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