ArchivDeutsches Ärzteblatt8/1996Kontroverse um Buch von Mitterrands Leibarzt: Verletzung der ärztlichen Schweigepflicht

THEMEN DER ZEIT: Blick ins Ausland

Kontroverse um Buch von Mitterrands Leibarzt: Verletzung der ärztlichen Schweigepflicht

Klinkhammer, Gisela

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Nach dem Tod von François Mitterrand sorgt die Veröffentlichung des Buches seines früheren Leibarztes Claude Gubler für Schlagzeilen in der in- und ausländischen Presse. Gubler berichtet darin ausführlich über die Krebserkrankung des ehemaligen französischen Präsidenten. Inzwischen ist die Auslieferung von "Le Grand Secret" ("Das große Geheimnis") gerichtlich untersagt worden. Die französische Ärztekammer wird außerdem wegen Verletzung der ärztlichen Schweigepflicht gerichtliche Schritte gegen den Mediziner unternehmen.


Zunächst lösten heimlich aufgenommene Fotos des toten Mitterrand auf seinem Sterbebett im Magazin "Paris Match" eine erste Welle der Empörung aus. Doch noch größer war die Entrüstung, als "Paris Match" und die Zeitung "Libération" Auszüge aus "Le Grand Secret" veröffentlichten, dem Buch von Mitterrands ehemaligem Leibarzt Claude Gubler. Das veranlaßte offenbar den Verlag, mit der Auslieferung des Buches nicht mehr länger zu zögern. Ursprünglich sollte die Erstauflage, von der die ersten 40 000 Exemplare schon nach kurzer Zeit vergriffen waren, einige Monate auf Lager gehalten werden.
Gubler, der bis 1994 persönlicher Arzt des Präsidenten war, berichtet in seinem Buch, daß der Präsident bereits seit November 1981 an Prostatakrebs litt. Mitterrand habe ihn dazu verpflichtet, diese Information als "Staatsgeheimnis" zu hüten. 14 Jahre lang habe er daraufhin geschwiegen, teilte Gubler mit. Mitterand, der bei seinem Staatsantritt verfügt hatte, daß halbjährlich Bulletins über seinen Gesundheitszustand veröffentlicht würden, klärte seine Landsleute auch bei seiner Wiederwahl im Jahr 1988 nicht über sein Krebsleiden auf. Erst 1992, anläßlich seiner ersten Prostataoperation, wurde die Geheimhaltung der Krankheit aufgegeben. Spätestens seit 1994, sechs Monate vor den Präsidentschaftswahlen, sei Mitterrand nicht mehr in der Lage gewesen, seinen Amtspflichten voll nachzugehen, meint Gubler. Dies streiten die damaligen Minister allerdings vehement ab. Das Buch des Leibarztes hat in Frankreich eine Diskussion über das Recht eines Präsidenten auf Intimität ausgelöst. Zahlreiche Politiker weisen darauf hin, daß die Verfassung dem Staatsrat die Möglichkeit gibt, einen Präsidenten im Notfall abzusetzen, wobei es keine Rolle spiele, ob aus gesundheitlichen oder politischen Gründen. Die Zeitung "Le Monde" beklagt dagegen das Fehlen eines institutionalisierten Verfahrens, mit dem ein Präsident abgelöst wird, auch wenn er selbst seine Amtsunfähigkeit nicht einsehen will. Gubler hat jedoch vor allem eine Diskussion um die Einhaltung der ärztlichen Schweigepflicht in Gang gebracht. Die französische Ärztekammer will Gubler deswegen jetzt sogar verklagen. In einem offiziellen Kommuniqué teilt sie mit, daß eine Plenarversammlung der Ärztekammer Anfang Februar "die Entscheidung bestätigt hat, Disziplinarmaßnahmen gegen Doktor Claude Gubler wegen Verletzung des Berufsgeheimnisses und Veröffentlichung vertraulicher Dokumente sowie eines Angriffs auf die Berufsehre anzustreben". Die Kammer beruft sich dabei auf mehrere Artikel des Code de déontologie médicale (medizinischer Ehrenkodex). Gubler verteidigte sich damit, Mitterrand selbst habe ihn von der Schweigepflicht entbunden. Das Buch enthülle nur das, "was ich nach seinem Willen enthüllen sollte". Gubler hat "Le Grand Secret" nach eigenen Angaben geschrieben, um mit sich selbst ins reine zu kommen. Nie mehr solle ein Arzt "in die Fänge eines solches Systems" geraten, sagte er.


Auslieferung des Buches untersagt
In Deutschland hätte die Veröffentlichung eines solchen Buches sicherlich ähnliche Reaktionen hervorgerufen. Das jedenfalls ist die Ansicht von Prof. Dr. med. Jochen Wilske, Direktor des Instituts für Rechtsmedizin an der Medizinischen Fakultät der Universität des Saarlandes, Homburg/Saar. "Es ist völlig unmöglich, Diagnosen in einer solchen Form weiterzugeben." Das Persönlichkeitsrecht gehe schließlich weit über den Tod hinaus. Wenn Mitterrand selbst den Eindruck gehabt hätte, nicht mehr regieren zu können, hätte er dies mitteilen müssen. "Nach seinem Tod gibt es aber überhaupt keinen Rechtfertigungsgrund mehr, Einzelheiten über die Krankheit des französischen Präsidenten zu veröffentlichen. Das ist eindeutig eine Verletzung der ärztlichen Schweigepflicht", urteilte Wilske.
Das Buch ist im Handel nicht mehr erhältlich, da die Auslieferung inzwischen von einem Pariser Gericht untersagt wurde. Über Internet ist "Das große Geheimnis" jedoch weiterhin zugänglich. Gisela Klinkhammer

Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema

Stellenangebote