ArchivDeutsches Ärzteblatt27/2006Arzneimittelkosten: Zweitmeinung bei Verordnungen

POLITIK

Arzneimittelkosten: Zweitmeinung bei Verordnungen

Blöß, Timo

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LNSLNS In der großen Koalition wird erwogen, die Verschreibung teurer Medikamente künftig von den Krankenkassen bewilligen zu lassen. In Österreich wird das bereits praktiziert – zum Ärger der Ärzte.
Würde Sisyphus, Held der griechischen Mythologie, heute leben, würde er wohl nicht im Transportwesen, sondern eher in der Gesundheitspolitik arbeiten. Felsblöcke lassen sich mittlerweile nämlich bequem per LKW auf steile Hänge transportieren. Die stetig wachsenden Arzneimittelkosten hingegen hat die Politik bisher nicht in den Griff bekommen, wie die Ausgabensteigerungen im Jahr 2005 um rund 17 Prozent abermals verdeutlichen. Nach dem gerade in Kraft getretenen Arzneimittelversorgungs-Wirtschaftlichkeitsgesetz erwägen die Gesundheitsexperten in den Verhandlungen zur Gesundheitsreform nun ein neues Instrument zur Kostendämpfung. Es gebe Überlegungen, teure Medikamente nur noch verordnen zu lassen, wenn dies durch eine „zertifizierte Zweitmeinung“ bejaht würde, erklärte die Parlamentarische Staatssekretärin im Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium Marion Caspers-Merck (SPD) Mitte Juni bei der Vorstellung des GEK-Arzneimittelreports.
Ampelsystem für Arzneien
In Österreich werde das dort als Chefarztpflicht bezeichnete System bereits seit geraumer Zeit erfolgreich angewandt, so Caspers-Merck. Die österreichischen Ärzte müssen bestimmte Medikamente von Kontrollärzten der Krankenkassen bewilligen lassen. In der Folge seien die Ausgabensteigerungen bei den Arzneimittelkosten stark abgeflacht.
Seit Januar 2005 gibt es dort einen 200 Seiten umfassenden „Erstattungs-codex“. In diesem Verzeichnis werden die Medikamente nach dem Prinzip einer Ampel unterteilt: Rund 4 000 im grünen Bereich aufgelistete Medikamente können sofort und ohne Einschränkung verschrieben werden. „Im hellgelben, dunkelgelben und roten Bereich“, erklärt Dieter Holzweber, Sprecher des Hauptverbandes der österreichischen Sozialversicherungsträger, „gibt es die chefarztpflichtigen Arzneien.“ Bei diesen knapp 1 000 Präparaten handele es sich in der Regel um besonders teure oder seltene Medikamente. Verschreibungen aus dem hellgelben Bereich sind ohne Bewilligung möglich. Dafür müssen die Ärzte aber die Verordnung dokumentieren. Medikamente aus dem dunkelgelben und roten Bereich hingegen müssen von den Kontrollärzten bei den Krankenkassen vorab bewilligt werden. Per Computer schickt der Arzt die Anfrage an die entsprechende Kasse. Nach spätestens 30 Minuten, dazu sind die Kontrollärzte gesetzlich verpflichtet, muss die Antwort in der Praxis eingetroffen sein. Bleibt dies aus, gilt das Medikament als bewilligt. Von den rund 100 Millionen Verschreibungen jährlich sind rund eine Million chefarztpflichtig. Etwa 100 000 Verordnungen werden dabei abgelehnt.
Bei den österreichischen Ärzten ist die Bewilligungspraxis und vor allem der Erstattungscodex nicht beliebt. „Der Codex ist kompliziert und umständlich gestaltet“, erklärt die Sprecherin der Österreichischen Ärztekammer, Birgit Merz. Durch die aufwendigen Genehmigungsverfahren würden die Ärzte mit noch mehr Bürokratie belastet. Bei Verschreibungen aus dem gelben Bereich müssten sie zudem mit nachträglichen Prüfungen rechnen. Fehlt die Dokumentation oder sind Verordnungen strittig, muss ein Arzt im Extremfall mit der Kündigung seines Kassenvertrages rechnen. Das ist nach Angaben der Krankenkassen aber bisher noch nicht vorgekommen. Praktiziert worden ist allerdings, dass Ärzte für „falsche“ Verordnungen in Regress genommen wurden.
All dies blieb nicht ohne Folgen für das Verordnungsverhalten. Nach Ausgabensteigerungen von acht bis zehn Prozent in den Vorjahren haben die Ausgaben 2005 nur um 1,6 Prozent zugenommen. Doch dieses Wellental könnte schon bald durchschritten sein, räumte die stellvertretende Generaldirektorin des Hauptverbandes der Sozialversicherungsträger, Beate Hartinger, Ende Juni ein. Im ersten Quartal dieses Jahres hätten die Kosten wieder um 8,1 Prozent zugenommen.
Abgewandeltes System für Deutschland
Den Verband Forschender Arzneimittelhersteller (VFA) scheint das Prinzip dennoch überzeugt zu haben. Der VFA hatte bereits Anfang Juni das österreichische Modell in abgewandelter Form auch für Deutschland vorgeschlagen. Demnach soll das Zweitmeinungsverfahren bei der Verordnung innovativer Präparate eingeführt werden, deren Jahrestherapiekosten mehrere Tausend Euro betragen können. Dabei sollen Hausärzte verpflichtet werden, eine Zweitmeinung durch einen Facharzt einzuholen.
„Wir haben nichts gegen ein Vieraugenprinzip“, sagt Ulrich Weigeldt, Vorstandsmitglied der Kassenärztlichen Bundesvereinigung. Wichtig sei jedoch, dass es sich dabei nicht um eine Einbahnstraße handele. Ebenso sollten sich Fachärzte mit den Hausärzten abstimmen. Bei der Bundes­ärzte­kammer hingegen lehnt man die VFA-Pläne grundsätzlich ab. Eine verpflichtende Zweitmeinung sei kontraproduktiv für ein vertrauensvolles Arzt-Patienten-Verhältnis. „Die Ärzte sind sich ihrer Verantwortung für eine wirtschaftliche Verordnungsweise bewusst“, sagt Dr. med. Henning Friebel, Präsident der Ärztekammer Sachsen-Anhalt und Mitglied des Vorstandes der Arznei­mittel­kommission der deutschen Ärzteschaft. „Es wäre deshalb völlig falsch, einer Arztgruppe zu unterstellen, sie könne keine genaue Abwägung treffen, ob im Einzelfall eine Arzneimitteltherapie mit teuren Präparaten angezeigt ist.“ Timo Blöß
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