ArchivDeutsches Ärzteblatt27/2006Schwangerschaften bei Minderjährigen: Abbrüche erstmalig rückläufig

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Schwangerschaften bei Minderjährigen: Abbrüche erstmalig rückläufig

Gille, Gisela

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Foto: dpa
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Dies ist nicht zuletzt ein Ergebnis ärztlicher Präventionsbemühungen.
Es gibt eine gute Nachricht: Die Zahl der bekannt gewordenen Schwangerschaftsabbrüche bei Minderjährigen sind im Jahr 2005 zum ersten Mal seit 1996 wieder rückläufig, und zwar um fast acht Prozent. Bei den Mädchen unter 15 Jahren sank die Zahl um 15, 4 Prozent. Waren es im Jahr 2004 noch 779 Mädchen unter 15 Jahren, die eine Abtreibung vornehmen ließen, so ging die Zahl im Jahr 2005 auf 659 zurück.
Die Zahl der minderjährigen Schwangeren war seit 1996 trotz aller Aufklärungsbemühungen und trotz der Übernahme der Kosten für die Antibabypille durch die Krankenkassen unaufhörlich gestiegen. Bei den unter 18-Jährigen nahm die Zahl der offiziell gemeldeten Schwangerschaftsabbrüche von 4 724 im Jahr 1996 auf 7 854 im Jahr 2004, mithin um rund 66 Prozent, zu. Dabei war die Entwicklung der Zahlen für die Schwangerschaftsabbrüche bei Teenagern in Deutschland nie wirklich dramatisch, wenn man sie mit den Zahlen einiger anderer Länder vergleicht. Politisch wurde dieses Problem deshalb auch lange marginalisiert – auch mit dem Hinweis darauf, dass die Zah-
len der Teenagerschwangerschaften in Deutschland ein „quantitativ wenig spektakuläres Phänomen“ seien.
Tiefer Einschnitt in die Biografie
Die in der gynäkologisch ausgerichteten Prävention tätigen Ärztinnen der Ärztlichen Gesellschaft zur Gesund­heits­förder­ung der Frau e.V. (www.aeggf.de) sahen trotzdem keinerlei Veranlassung, die stetig steigenden Abbruchzahlen bei jungen Mädchen als unvermeidliche Folgeerscheinungen des großen gesellschaftlichen Experiments der grenzenlosen Liberalisierung jugendlicher Lebenswelten einfach zu akzeptieren. Jedes einzelne zu früh oder ungewollt schwanger werdende Mädchen wird als eines zu viel erachtet, und egal ob die (zu) junge Frau ihr Kind bekommt oder sich dagegen entscheidet, der Einschnitt in die Biografie ist tief und wird nie wieder ungeschehen sein. Die Ärztinnen der ÄGGF haben sich deshalb im Jahr 2002 mit den Gründen für das offensichtliche Misslingen der offiziellen Aufklärungsbemühungen befasst und das Thema in einem Symposium auf dem Deutschen Gynäkologenkongress 2002 in Düsseldorf präsentiert. Die Resonanz auf die anschließende Pressekonferenz war groß, das Thema wird seitdem von der Presse verfolgt.
Wenn ein weiterer Anstieg der Teenagerschwangerschaften präventiv verhindert werden soll, bedarf es zunächst einer Analyse der möglichen Ursachen:
Frühere Pubertät. Mädchen kommen heute sehr früh in die Pubertät. Mit dem Eintritt der Menarche werden geschlechtsspezifische Beziehungswünsche wach, mit denen die gleichaltrigen Jungen aber in der Regel komplett überfordert sind. Die traditionellen Familienstrukturen, die früher diese Beziehungsbedürfnisse und auch das Interesse von heranwachsenden Mädchen an Babys und kleinen Kindern entwicklungsbegleitend zunächst noch aufgefangen haben, sind heute aber geschwächt. Zudem ist es vielleicht auch unrealistisch, Jugendlichen im Umgang mit Sexualität ein Maß an verantwortlichem Verhalten in einem Alter abzuverlangen, in dem man ihnen solche Verantwortung auf keiner sonstigen Ebene zutrauen würde.
Sexualität als Konsumartikel. Ein durch die Trivialisierung alles Sexuellen in der Gesellschaft existenter Gruppendruck bewirkt, dass Mädchen glauben, früh sexuelle Beziehungen aufnehmen zu sollen. – „Man liest doch immer, dass man möglichst viel ausprobieren soll.“ Tipps zur Gestaltung ihres Liebeslebens wird Mädchen überreichlich angeboten. Dass Liebe Nebenwirkungen haben kann mit Konsequenzen für den gesamten Lebensentwurf, wurde Jugendlichen weitgehend vorenthalten – zu groß waren die Berührungsängste, man könne damit einer restriktiven Sexualmoral Vorschub leisten, und zu wenig hinterfragt war die Vorstellung, man könne mit der Demonstration aller denkbaren Verhütungsmittel ungewollte Schwangerschaften vermeiden.
Mangelnde Aufklärung. Themen wie Zyklus, Fruchtbarkeit und Schwangerschaft wurden in den vielen zurückliegenden Jahren vernachlässigt zugunsten emanzipatorischer Themen, wie sexueller Missbrauch, gleichgeschlechtliche Sexualität, Abtreibung und Aids. Verantwortliches Verhütungsverhalten scheitert aber schon auf der Wissensebene, wenn die ganz konkreten Zusammenhänge von Zyklus, Fruchtbarkeit und Schwangerschaft nicht bekannt sind („Kann man schon beim ersten Mal schwanger werden?“), und es muss auf der emotionalen Ebene scheitern, wenn Fruchtbarkeit, Liebe und Sexualität nicht zusammengedacht werden dürfen und die dahinter ablaufenden zyklischen Vorgänge im Mädchenkörper nie kompetent und wertschätzend thematisiert werden.
Mangelnde berufliche Perspektiven. Dass es die Mädchen aus so genannten bildungsfernen Schichten sind, die früh Mutter werden, wohingegen sich die Mädchen mit beruflichen Perspektiven eher dazu entscheiden, ihr Kind abzutreiben, wird immer wieder publiziert. Alternative zu einer beruflichen Perspektive, Stabilität und Verlässlichkeit in einer Beziehung, Sehnsucht nach Geborgenheit in einer Familie – der Kinderwunsch wird von Mädchen als Lösung diverser anderer Probleme spontan zugelassen oder unbewusst eingesetzt, weil sie damit nicht erreichbare berufliche Perspektiven erleichtert hinter sich lassen können und sich dadurch aus der Welt der Vernunft und der rationalen Anforderungen verabschieden können in eine vermeintlich heile Welt der Emotionen.
Bedarf an kompetenter Orientierung
Eine frühe Pubertät und große intellektuelle, emotionale und soziale Orientierungslosigkeit in einer pluralen Gesellschaft lässt viele Mädchen früh sexuel-le Beziehungen aufnehmen. Deshalb nimmt der Bedarf an kompetenter und Orientierung bietender Information zu; Jugendliche brauchen für ihre Fragen ein gut abgegrenztes Gegenüber, und sie brauchen aufgrund ihrer natürlichen Ablösungstendenzen von den nahe stehenden Personen, wie Eltern und Lehrern, ein kompetentes reiferes Beziehungsangebot.
Hier ist das ärztliche Gesprächsangebot hilfreich und unschätzbar wertvoll. Und ist es nicht angesichts der viel diskutierten desolaten demographischen Entwicklung eine wichtige ärztliche Aufgabe, im Gespräch mit Mädchen Zyklus, Fruchtbarkeit und die Fähigkeit, Kinder bekommen zu können, akzeptierend zu thematisieren, die Freude am Weiblichsein damit zu stützen und den Mädchen gleichzeitig zu helfen, den Kinderwunsch biografisch an der richtigen Stelle zu verorten? Dazu gehört, dass die angemessene Verhütungsnotwendigkeit ausführlich erklärt und die immer vorhandenen Zweifel und Ängste hinsichtlich der Sicherheit und der befürchteten Nebenwirkungen dazu ausgeräumt werden. Immer auch sollte eine behütende Attitüde Teil einer Medizin in sozialer Verantwortung sein, mit der den Mädchen glaubhaft versichert wird, dass es nicht uncool ist, wenn man mit dem sexuellen Debüt noch etwas wartet, und zwar ohne Gefahr zu laufen, ansonsten die letzte Jungfrau des Universums zu sein.
Der Rückgang der Schwangerschaftsabbrüche bei Minderjährigen im Jahr 2005 ist ein großer Erfolg, an dem initial ärztliches Engagement, in der Folge aber auch eine intensive Thematisierung in den seriösen Medien, verstärkte Bemühungen seitens der Schule und der Sozialarbeit, inzwischen auch der Politik und politiknaher Institutionen ihren Anteil haben.
Anlässlich der J1 bei Kinder- und Jugendärzten sowie Hausärzten, bei Impfungen gegen die in der Pubertät relevant werdenden Erreger (Röteln, Hepatis B, demnächst HPV), in einer Mädchensprechstunde in der Frauenarztpraxis, in der Schule durch die Ärztinnen der ÄGGF – überall bietet sich die Gelegenheit zu ärztlichem präventivem Engagement und damit zu originär ärztlichem Handeln. Junge Mädchen sollten heute Gelegenheit haben, rechtzeitig die gynäkologischen Zusammenhänge positiv in ihre weibliche Identität integrieren zu lernen. Dann werden sich die Zahlen der ungewollt schwangeren Mädchen und der Schwangerschaftsabbrüche bei Minderjährigen auch in Zukunft weiter nach unten bewegen.
Dr. med. Gisela Gille
Ärztliche Gesellschaft zur Gesund­heits­förder­ung
der Frau e.V. (ÄGGF)
E-Mail: gille@uni-lueneburg.de
Das Literaturverzeichnis ist bei der Verfasserin erhältlich.
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Grafik: Schwangerschaftsabbrüche bei Mädchen unter 18 Jahren in Deutschland

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