ArchivDeutsches Ärzteblatt27/2006Melancholie: Künstler ganz ohne Wahnideen

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Melancholie: Künstler ganz ohne Wahnideen

Dtsch Arztebl 2006; 103(27): A-1894 / B-1624 / C-1568

Reuber, Wolfgang E.

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LNSLNS „Und dass Kunst ein Geschäft ,zwischen Genie und Wahnsinn‘ ist, . . . das wird auch kaum jemand bestreiten“, muss ich da im Feuilleton des DÄ lesen und möchte es als Künstler wie als Arzt sehr wohl bestreiten: Als Kronzeugen gegen diese dreiste, abenteuerliche Verallgemeinerung nenne ich drei berühmte Maler, die auch dem Nichtkenner bekannt sein dürften – Hans Holbein d. J. (1497–1543), Jan Vermeer „van Delft“ (1632–1675) und Carl Spitzweg (1808–1885) –, deren Leben und Werk die von Joachim Lange zitierte These beispielhaft widerlegen, denn sie zeigen bei subtilster Darstellungskraft eine ganz nüchtern erscheinende Realität in besonnener Verdichtung, ebenso wie eine Vita ohne jeden Anflug von Wahnideen. Sollten sie deshalb keine Künstler sein? Unbestreitbar ist allenfalls, dass man auch wahnsinnige Kunstwerke schaffen kann und dass der Anteil wahnhafter Verfremdungen in der Moderne zugenommen hat (H. Sedlmayr 1948/1976), doch der Umkehrschluss, Genie sei per se mit Wahnsinn assoziiert, ist nicht zu halten, wie die o. g. Beispiele zeigen, denen man beliebig viele andere, von Hans von Kulmbach bis Otto Mueller, von Donatello bis Schadow, hinzufügen könnte, die nichts von „Wahnsinn“ an sich haben. Dass es überhaupt zu einem derartig pathologisierenden Vorurteil über künstlerische Arbeit und Künstlerpersönlichkeit kommen konnte, hat damit zu tun, dass es Mode wurde, Künstler als „kreativ“ anzusehen – und das ist nun tatsächlich eine Wahnvorstellung, denn kein Mensch hat je etwas aus dem Nichts erschaffen („kreiert“), sondern man hat immer nur Vorfindliches gestaltend verändert. Aber deshalb ist Kunst doch insgesamt noch kein „Geschäft zwischen Genie und Wahnsinn“.
Literatur bei dem Verfasser
Dr. med. Wolfgang E. Reuber, Sollinger Straße 24, 83317 Rückstetten
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