ArchivDeutsches Ärzteblatt27/2006Medizingeschichte(n): Kriminalspsychologie – Stigmatisierung der „Parasitären“

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Medizingeschichte(n): Kriminalspsychologie – Stigmatisierung der „Parasitären“

Dtsch Arztebl 2006; 103(27): A-1898 / B-1628 / C-1572

Schott, H.

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LNSLNS Zitat: „Es [d. h. ,die Parasitären‘] sind die Bettler, Landstreicher und Dirnen, auch ,kleine Kriminalität‘ genannt. Im Gegensatz zu diesen Parasiten der Gesellschaft hat man die Verbrecher als die ,haute volée‘ der Kriminalität bezeichnet.
In der germanischen Rasse machte sich der Wandertrieb schon bei den Cimbern und Teutonen geltend. Unter besonderen Verhältnissen erkennen wir ihn wieder in den ,fahrenden Leuten‘, den ,Kreuzfahrern‘, ,Fechtern und Vaganten‘, ,wandernden Handwerksburschen‘. Mit dem wachsenden wirtschaftlichen Niedergang entstand in Deutschland ein neues Landstreichertum der Arbeits- und Stellenlosen. [1]
Kriminalpsychologisch bilden die Parasitären eine einheitliche Gruppe. Sie sind charakterisiert durch das triebhafte oder periodische Auftreten des Hanges zum Vagabundieren, das Fehlen der Hemmungen oder das leichte Hinwegsetzen über Bedenken, die durch unsere Kulturverhältnisse gegeben sind. Minderwertige Psychopathen und Alkoholiker [2] haben den Hauptanteil an der Gesamtzahl (mehr als 75 Prozent), wobei die ersteren vorwiegend Vertreter der Früh- und primären Verfallsform, die letzteren die der sekundären des späteren Alters abgeben. Die beherrschenden psychischen Grundelemente sind mehr Gefühls- und Willensschwäche als Verstandesschwäche, mit den charakteristischen Dauermängeln der Haltlosigkeit, Passivität und geringen Zugänglichkeit für sozialmachende Maßnahmen. [...] der Parasitäre ist zufrieden, wenn man ihn nicht stört, auch geringe Anstrengungen vermeidet er möglichst.“
Dr. jur. Heinz Gummersbach: Die Kriminal-Psychologie und ihre Bedeutung für die praktische Seelenkunde. Bad Homburg v. d. H. 1938 (Blaue Siemensreihe; Heft 21), Seite 59. – Gummersbach (1886–1964) war Fachjurist am Rechtsamt der Hansestadt Köln, verfasste Kriminalromane (Pseudonym Bernd Bergner). – [1] Anspielung auf die Folgen der Weltwirtschaftskrise von 1929. [2] Beide Formen der „Minderwertigkeit“ konnte zur (im NS-Staat legalen) Zwangssterilisation der Betroffenen führen. – Die zitierte Schrift argumentiert auf der Grundlage von Degenerationslehre und Rassenhygiene ganz im Sinne der NS-Ideologie. Diese war bestrebt, so genannte Psychopathen – ein äußerst unscharfer Begriff – beziehungsweise die Anlage hierzu aus rassenhygienischen Gründen auszugrenzen beziehungsweise nach Möglichkeit „auszumerzen“. Diesbezügliche statistische Angaben sind aus heutiger Sicht nicht aussagekräftig. Eine (pseudo)wissenschaftliche Begründung lieferte die zeitgenössische Psychiatrie, wonach dem Verbrechen primär eine erbliche Disposition zugrunde liege, gemäß der These vom „angeborenen Verbrecher“, die der italienische Psychiater Cesare Lombroso bereits 1876 in seiner gleichnamigen Monographie vertreten hatte. Letztlich galten „die Parasitären“ als Verbrecher, wenn auch nur als „kleine“, weil sie gesellschaftliche Normen missachteten und als „Volksschädlinge“ quasi Schmarotzer im „Volkskörper“ darstellten. Sozial- und gesundheitspolitische Gründe für das inkriminierte Verhalten traten demgegenüber völlig in den Hintergrund der Argumentation. Die Metaphorik des Parasitären, des Ungeziefers, lief darauf hinaus, solche Personen zu Unmenschen beziehungsweise „Untermenschen“ zu erklären und ihnen die Menschenwürde und tendenziell das Lebensrecht abzuerkennen.

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