ArchivDeutsches Ärzteblatt8/1997GKV-Prüfbericht des Bundesversicherungsamts: Werbeexzesse auf der Jagd nach Mitgliedern

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GKV-Prüfbericht des Bundesversicherungsamts: Werbeexzesse auf der Jagd nach Mitgliedern

Glöser, Sabine

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LNSLNS "Die Krankenkassen haben eine Schlacht um Marktanteile entfesselt, in der das geltende Recht in großem Stil mißachtet wird." Diese Schelte mußten sich die Kassen Ende Januar vom Prüfdienst Kran­ken­ver­siche­rung des Bundesversicherungsamts gefallen lassen. In seinem Jahresbericht 1995 hatte der Prüfdienst das Wettbewerbsverhalten der Krankenkassen unter die Lupe genommen und "erhebliche Mißstände" beklagt. Die schlimmsten Befürchtungen seien weit übertroffen worden, schreiben der Präsident des Bundesversicherungsamtes, Dr. jur. Rainer Daubenbüchel, und der Leiter des Prüfdienstes, Peter Schmidt. Viele Krankenkassen hätten im Jahr 1995 die Spielregeln des Rechtsstaates nur akzeptiert, soweit sie mit ihren Marketingzielen vereinbar gewesen seien.
Daß die Kassen den Wettbewerb auf der Jagd nach Mitgliedern als "Trophäensammeln mißverstehen", belegt der Prüfdienst an zahlreichen Beispielen. Im Gesundheitsmarketing seien Aktivitäten der Sparten "Fernöstliches" und "Fit and Fun" der Renner gewesen: Diverse Meditationstechniken wurden bis zu 400 DM bezuschußt, Tai-Chi-Kurse bis zu 180 DM. Die mit einer Reise verbundene Veranstaltungsreihe "Ich entdecke das Wunderland meiner Selbst" mit Programmteilen wie "Lebensweisheit - Sokrates und Seneca" unterstützten die Kassen mit bis zu 581 DM. Die Angebotspalette habe ferner "Spaß- und Verwöhnwochenenden zu Zweit" sowie "Wellness-Wochenenden für Handwerker-Ehepaare" enthalten.
Einen weiteren Schwerpunkt des Gesundheitsmarketings bilde das Servicepaket "Rund ums Baby", heißt es weiter. Einige Kassen hätten zudem Babysitterdiplome verliehen. Auch Prüflingen hätten die Krankenkasse mit dem Kurs "Tips gegen Prüfungsangst" zur Seite gestanden. Ein weiteres Angebot: "Liebe, Lust und Leid - Aufklärungskurs für junge Damen von 12 bis 15 Jahren." Außerdem seien Gesundheitsreisen ins Ausland finanziell unterstützt worden: Für eine "Gesundheitswoche" in Abano Terme zahlten die Kassen ihren Versicherten 490 DM.


"Zwei starke Partner"
Darüber hinaus arbeiteten dem Bericht zufolge einige Kassen mit Wirtschaftsunternehmen zusammen, was gegen das Gesetz gegen unlauteren Wettbewerb verstoße. Werbeaktionen, wie "XY-Bank und XY-Kasse - Zwei starke Partner unter einem Dach" gehörten ebenso dazu wie das Verleihen "amtlicher Gütesiegel" (AOKWurst, BKK-Getestet).
Nach Auffassung des Prüfdienstes ist der "nur ansatzweise zugelassene Produkt- und der fehlende Vertragswettbewerb" eine Ursache dieses Verhaltens. Krankenkassen, die sich mit ihrem Leistungsangebot von ihren Konkurrenten abheben wollten, seien schnell an die vom Gesetzgeber gezogenen Grenzen gestoßen. Im Jahr 1995, stellt Daubenbüchel fest, handelten die Krankenkassen nach der Devise: "Die Gesetzestreuen sind die Dummen." Dr. Sabine Glöser

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