ArchivDeutsches Ärzteblatt27/2006Xi‘an: Kaiserliche Macht im Jenseits

VARIA: Feuilleton

Xi‘an: Kaiserliche Macht im Jenseits

Scheiper, Renate V.

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Knieender Bogenschütze mit grünem Gesicht, China, 221–206 v. Chr., Qin-Dynastie Foto: Museum of the Terracotta Warriors and Horses of Qin Shihuangdi
Knieender Bogenschütze mit grünem Gesicht, China, 221–206 v. Chr., Qin-Dynastie Foto: Museum of the Terracotta Warriors and Horses of Qin Shihuangdi
Etwa 300 Exponate aus China und verschiedenen internationalen Museen faszinieren die Besucher in der Bonner Kunst- und Ausstellungshalle.
Unter den vielen außergewöhnlichen Exponaten aus kaiserzeitlichen Gräbern und Tempeln der frühen Kaiserdynastie Chinas setzten erstmals außer anderen Originalen 15 lebensgroße Tonsoldaten die Besucher in Erstaunen – davon einer mit Spuren einstiger Bemalung. Bisher waren nur Kopien auf die lange Reise von China nach Deutschland geschickt worden.
Zwei grellbunt bemalte Krieger begrüßen die Besucher in einer Nische bereits vor den Ausstellungsräumen: der linke ein knieender Bogenschütze, der rechte, mit einem Brustpanzer aus vielen Tonplättchen, schaut arrogant von seinem Podest herab. Bis vor wenigen Jahren waren griechische Tempel und Skulpturen nur in schlichtem Weiß bekannt. Haben bei ihnen in vielen Jahrhunderten Wind und Wetter die Farben getilgt, blieb in den Gräbern Chinas die Bemalung auf einer Grundierung mit qi-Lack (aus dem Saft des Lackbaumes Rhus vernicifera gewonnen) über zwei Jahrtausende erhalten – bis sie bei Ausgrabungen Licht und Luft ausgesetzt wurden. „Innerhalb von vier Stunden“, so die chinesischen Archäologen, „fielen die Farben vor unseren Augen irreversibel herab.“
In jahrelanger chinesisch-deutscher Zusammenarbeit von Fachleuten verschiedener Institute und Universitäten wurde ein Verfahren zur Rekonstruktion der Farben entwickelt und auch der Konservierung der wenigen erhaltenen Farbspuren. Ein solcher Krieger der Terrakottaarmee mit erhaltener Originalfarbgebung steht hoheitsvoll in einer der Vitrinen.
Zunächst jedoch wird der Besucher ehrerbietig nach höfischem Zeremoniell von einem Beamten in Lebensgröße in unterwürfiger Kotau-Haltung begrüßt, das heißt auf der Erde liegend vor dem Kaiser. Er stammt aus einem der unzähligen Gräber entlang der 180 Kilometer langen Hügelkette im Tal des Flusses Wei bei Xi‘an. Erhaltene rote Farbspuren weisen ihn als höheren Beamten aus.
Man muss sich viel Zeit nehmen, um die vielen prächtigen Exponate würdigen zu können. In einer nachgestellten Grabkammer sind farbige Wandmalereien einer Bankettszene angebracht. Nackte, einst bekleidete Jungen und Mädchen sowie ganze Herden von Tieren bevölkern eine Vitrine. Furchterregende Grabwächter mit Köpfen von Raubtieren, Affen oder auch Menschen, wie sie als Wächterfiguren von Tempeln bekannt sind, erwarten Bewunderung. Die Kopie eines Wagens mit großem Sonnenschirm ist nicht zu übersehen. Schaubilder an den Wänden zeigen Ausgrabungssituationen, Landschaften und Grabungsbefunde in situ.
Etwa 300 Exponate aus China und verschiedenen internationalen Museen faszinieren die Besucher, zum Beispiel die Kamelkarawane aus glasiertem, bemaltem Terrakotta mit Händlern und Musikanten aus anderen Ländern, an Tracht und Gesichtsausdruck erkennbar. Das feine, hohe Diadem aus dem Grab der Prinzessin Li Chui (Tang-Dynastie) aus vergoldeter Bronze, Silber, Perlmutt, Bernstein, Elfenbein, Türkisen und anderen Halbedelsteinen ist einmalig in China. Es erinnert stark an die zauberhaften, zierlichen Diademe der Shilla-Dynastie von Kyongju im heutigen Südkorea, die sich zeitweise bis nach China erstreckte.
Kleinodien aus der Tang-Dynastie
Besondere Kostbarkeiten sind in einem durch Wände abgegrenzten Bereich zu bestaunen: Die nur 53 cm hohe Reliquienpagode aus vergoldeter Bronze in feinster kunsthandwerklicher Ausführung, in deren Innerem sich in einem winzigen Silbersarkophag ein Fingerknochen des historischen Buddha Shâkyamuni befunden haben soll. Er wurde im Famen-Tempel (zweites Jahrhundert n. Chr., Han-Dynastie) gefunden und sorgsam in mehrere Lagen Seide gehüllt. Schon früh hatte sich im kaiserlichen China der Buddhismus ausgebreitet. Daneben eine weitere Kostbarkeit: Auf einer mit winzigen Buddhafiguren verzierten Lotosblüte kniet die silberne Figur des Bodhisattva Guanyin, der mit erhobenen Händen auf einem Tablett eine Buddhareliquie darreicht. Dieses mit vergoldeten Perlen behängte Kleinod stammt aus der Tang-Dynastie (618–907). Sie kam 1987 im Schutt der 1981 bei einem Erdbeben eingestürzten Famen-Pagode wieder ans Licht. Renate V. Scheiper

Foto: Kunst- und Ausstellungshalle der BRD
Foto: Kunst- und Ausstellungshalle der BRD
Informationen: Die Ausstellung „Xi‘an – Kaiserliche Macht im Jenseits. Grabfunde und Tempelschätze aus Chinas alter Hauptstadt“ ist in Bonn bis zum 23. Juli zu sehen. Eintritt: 7,50 Euro, ermäßigt vier Euro. Anschrift: Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland, Friedrich-Ebert-Allee 4, 53113 Bonn, Museumsmeile, Telefon: 02 28/9 17 12 00, E-Mail: info@kah-bonn.de, Internet: www. bundeskunsthalle.de. Öffnungszeiten: dienstags und mittwochs 10 bis 21 Uhr, donnerstags bis sonntags 10 bis 19 Uhr, montags geschlossen. Das Begleitbuch zur Ausstellung (Verlag Philipp von Zabern) kostet im Museum (broschiert) 25 Euro; im Buchhandel (fester Einband) bis 30. Juni 34,90 Euro, danach 44,90 Euro.
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